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Rostock „Betty“ im Belagerungszustand
Mecklenburg Rostock „Betty“ im Belagerungszustand
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00:06 17.10.2017
Noch ist die Lage rund um das alte Elisabeth-Heim an der Ulmenstraße friedlich. Nur Plakate deuten auf die Besetzung. Quelle: Fotos: Ove Arscholl
Kröpeliner-Tor-Vorstadt

„Hereinspaziert. Heute ist offen“ steht auf dem kleinen Zettel, der am Fenster des alten Elisbath-Heimes klebt. Doch so ganz stimmt das nicht: Ja, seit Tagen leben wieder Menschen in der Ruine an der Ulmenstraße. Allerdings illegal. Das alte Haus – neuerdings kurz „Betty“ genannt – ist seit fast fünf Tagen besetzt. Eine Gruppe aus der alternativen Szene will damit den Abriss der ehemaligen Orthopädie und den Neubau eines Studentenwohnheimes verhindern. Der Eigentümer – das Studentenwerk – hat Strafanzeige erstattet, die Polizei das Areal abgeriegelt. Noch setzen alle Seiten auf Verhandlungen statt eine gewaltsame Räumung.

Seit fast einer Woche ist die alte Orthopädie in der KTV besetzt / Eigentümer und Polizei verhandeln mit Besetzern / Abriss könnte jederzeit starten

Leerstand seit mehr als 13 Jahren

Seit 13 Jahren steht das Elisabeth- Heim mittlerweile leer. Doch weil das Land den Ulmencampus in den kommenden Jahren massiv ausbauen will, soll sich nun auch auf der anderen Straßenseite etwas tun.

Das Studentenwerk will dort ein neues Wohnheim für mindestens 70 Bewohner bauen – und eine neue, größere Mensa mit 400 Plätzen. „Beide Vorhaben sind absolut notwendig“, sagt Kai Hörig, Geschäftsführer des Studentenwerks. Schon jetzt fehlt Wohnraum für den akademischen Nachwuchs. Und: Wenn bis 2025 die juristische und auch die philosophische Fakultät komplett in die KTV umziehen, wird die bisherige Mensa an der Ulmenstraße nicht mehr reichen. Dennoch regt sich gegen das Projekt Widerstand: Eine Bürgerinitiative will das Haus vor dem Abriss retten, auch im Ortsbeirat sind die Pläne umstritten. Und nun fordert die Gruppe „Betty bleibt“, das Heim zu sanieren und zu einem selbstverwalteten „sozialen Freiraum“ für Initiativen zu machen.

Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe

Bereits am vergangenen Dienstag hatte die Gruppe „Betty bleibt“ das Heim besetzt – bereits zum zweiten Mal. Doch während bei der ersten Hausbesetzung nach wenigen Stunden Schluss war, wollen die Demonstranten dieses Mal bleiben. Doch sie machen sich damit strafbar: Denn das Studentenwerk hat Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet, das gesamte Wochenende über riegelten Beamte der Bereitschaftspolizei die „Betty“ ab. Von einer Räumung sieht die Polizei bisher ab: „Wir setzen auf eine friedliche Lösung“, sagt Dörte Lembke, Sprecherin der Polizeiinspektion Rostock. „Unsere Maßnahmen zielen derzeit nur darauf ab, weitere Menschen vom Betreten des Hauses abzuhalten.“ Genau das aber kritisieren die Hausbesetzer: Die Polizei versuche, sie „auszuhungern“ und lasse nicht zu, dass Lebensmittel und Getränke ins Haus gebracht werden. „Das stimmt nicht“, sagt nun Lembke. „Jeder kann zu jeder Zeit das Haus verlassen, essen und trinken. Nur: Wir lassen denjenigen dann nicht mehr ins Haus.“ Mit Festnahmen müsse auch niemand rechnen: „Wir würden lediglich die Personalien feststellen und ein Platzverbot aussprechen.“ Mehr habe niemand zu befürchten.

Abriss könnte jederzeit erfolgen

An einer Eskalation der Lage hat auch Kai Hörig, Chef des Studentenwerkes, kein Interesse: Für heute um 10 Uhr hat er zu einer Verhandlungsrunde vor der „Betty“ geladen. Ortsbeirat, Stadt, Studentenwerk und auch die Hausbesetzer sollen wieder ins Gespräch kommen. „Wir haben immer den Dialog gesucht – auch nach der ersten Besetzung im September.“ Die Besetzer aber hätten Absprachen gebrochen: „Wir haben damals zugesagt, dass wir keine Anzeige erstatten und auch, dass die Transparente der Initiative am Haus hängen bleiben dürfen. Unsere einzige Bedingung war, dass niemand das alte Heim betritt.“ Genau diese Übereinkunft habe „Betty bleibt“ nun gebrochen: „Wir appellieren nochmals, das Gebäude zu verlassen. Das Haus ist zu großen Teilen einsturzgefährdet, der Aufenthalt darin lebensgefährlich.“ Zwei Vermittler – eine davon ist nach OZ-Informationen Anette Niemeyer, Vorsitzende des Ortsbeirates KTV, sollen Studentenwerk und Besetzer wieder an einen Tisch bringen.

Hörig wiederholte gestern sein Angebot: „Wenn das Haus jetzt geräumt wird und wir nicht für die Kosten des Polizeieinsatzes aufkommen müssen, ziehen wir unsere Strafanzeige zurück.“

Das Recht hat er auf seiner Seite: Nicht nur, dass dem Studentenwerk das Haus gehört, auch abreißen dürfte Hörig es jederzeit. Das Haus ist nicht als Baudenkmal eingestuft und das Amt für Stadtentwicklung habe den Abriss bereits genehmigt, sagt Stadtsprecherin Kerstin Kanaa. Im sozialen Netzwerk Facebook im Internet äußerte sich auch Bausenator Holger Matthäus (Grüne) zum Thema:

„Hausbesetzung und Ultimaten stellen – das geht gar nicht.“ Matthäus geht auch auf Konfrontationskurs zu seinem Parteifreund Uwe Flachsmeyer. Der Fraktionschef der Grünen unterstützt als einziger Politiker der Bürgerschaft offen die Hausbesetzer. Matthäus hält dagegen: „Hausbesetzung ist eine Straftat!“

Hausbesetzer: Wohnheim soll an die Blücherstraße

Ein Sprecher von „Betty bleibt“ erneuerte gestern die Vorwürfe gegen die Polizei und das Studentenwerk: „Seit vier Tagen wird niemand mehr zu uns gelassen.“ Das alte Elisabethheim sei über Jahre „mutwillig dem Verfall preisgegeben“ worden. Und baufällig sei das Haus auch nicht: „Es muss und kann saniert werden.“ Man sei auch nicht gegen Studentenwohnungen, sondern gegen die zunehmende „Gentrifizierung“ – die Entwicklung der KTV vom Studentenviertel zur einer Wohngegend für Besserverdienende. „Uns geht es darum, das Heim zu retten und als Raum für Initiativen zu nutzen. Wir wollen dafür auch kein Geld von der Stadt, sondern uns eigenständig verwalten und finanzieren.“ Solche Räume würden in Rostock fehlen.

„Betty bleibt“ präsentiert auch Alternativen zum Projekt des Studentenwerks: Auf dem Parkplatz des Ulmencampus soll eine Tiefgarage gebaut werden, oben drüber die neue Mensa. Damit wäre ein Problem gelöst. Und ein neues Studentenwohnheim könnte, so der Sprecher, im alten Polizeipräsidium an der Blücherstraße entstehen. Da wäre mehr Platz. Bisher plant das Land dort aber ein Behördenzentrum.

Andreas Meyer

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