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Rostock „Das Äußere sagt nichts über Gut und Böse“
Mecklenburg Rostock „Das Äußere sagt nichts über Gut und Böse“
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12:47 06.03.2018
Stadtmitte

Am Landgericht Rostock hält sich Mathias Pawelke in letzter Zeit öfter auf als sonst. Ein großer Prozess steht gerade an, seit September gab es bereits 27 Sitzungstage.

Mathias Pawelke ist Schöffe am Landgericht Rostock. Quelle: Foto: Christina Milbrandt

Der 61-Jährige muss bei allen dabei sein. Denn als Schöffe ist er maßgeblich an der Urteilsfindung beteiligt. Über den Inhalt des laufenden Verfahrens darf Pawelke keine Auskunft geben. Aus der Langwierigkeit des Prozesses lässt sich jedoch schließen, dass es sich um einen Fall von Bedeutung handelt. Was auch maximalen Einsatz von Pawelke erfordert. Denn normalerweise seien im Schnitt etwa zehn bis zwölf Sitzungstage für die ehrenamtlichen Richter angesetzt, sagt Pawelke.

Tagelange Beratungen

Schöffen werden bei Gerichtsverfahren als Vertreter des Volkes hinzugezogen. Sie sollen beruflich explizit keinen juristisch Hintergrund haben, um Ausgewogenheit bei der Urteilsfindung herzustellen.

Die Sicht der Schöffen wird der der hauptamtlichen Richter gegenübergestellt und fließt bei der Urteilsfindung zu gleichen Teilen ein – das heißt, sie sind den Berufsrichtern gleichgesetzt. So kann es bis zur endgültigen Entscheidung auch mal eine Weile dauern. „Bei großen Fällen laufen Beratungen und Urteilsfindung schon mal ein bis zwei Tage“, erzählt Pawelke. Den Arbeitsausfall könne er als selbstständiger Immobilienkaufmann gut ausgleichen, so gehe er dann auch öfter sonnabends ins Büro. „Die freie Zeiteinteilung ist ein Vorteil für mich, dennoch kann der zeitliche Aufwand natürlich auch ziemlich anstrengend sein.“ Für ihn sei es die Sache aber wert, weil er die Schöffensicht als gute Ergänzung zur Perspektive der Berufsrichter empfinde.

Stadt sammelt Bewerbungen

Wer als Schöffe tätig ist, ändert sich ständig. Aktuell bereitet die Stadt die Vorschlagslisten für die Wahlperiode 2019 bis 2023 vor. Am Anfang der Woche lagen 199 Namen vor, sagt Swea Plawius vom Rechtsamt, das für die Erwachsenenschöffen zuständig ist. 208 werden gesucht. Die Vorschlagslisten für die Jugendschöffen werden vom Jugendhilfeausschuss aufgestellt. „112 müssen es sein, 60 haben wir mittlerweile“, so Silka Hembus vom Jugendamt. Was passiert, wenn nicht genug Vorschläge zusammenkommen? „Das ist noch nie vorgekommen, wir liegen auch noch gut in der Zeit“, sagt Hembus. Sollte der Ernstfall eintreten, könne aber auch niemand zu diesem Amt gezwungen werden.

Mathias Pawelke hat sich entschlossen, weiterzumachen. „Meine Hoffnung ist, damit einen kleinen Beitrag zu leisten“, erklärt er seine Motivation. Dabei ist er sich der besonderen Herausforderung des Ehrenamtes bewusst. „Das Wichtigste ist Empathie. Ich muss komplett wertfrei an die Sachverhalte rangehen und mich schon gar nicht von Äußerlichkeiten leiten lassen. Denn die sagen nichts über Gut und Böse, es gibt mehr Kriterien.“

Belastende Fälle

Die stetige Unvoreingenommenheit ist jedoch die kleinste Herausforderung. In vielen Fällen geht es um Verbrechen, die vor allem menschlich belastend sein können. „Wenn es um Vergewaltigung geht, ist das für sich genommen schon schlimm“, sagt er. Dennoch müsse vom Gericht erst ermittelt werden, ob es nicht auch eine Unterstellung sein könnte. „Wenn das der Frau wirklich passiert ist, muss sie alles noch einmal durchleben. Das ist sehr hart.“

Zudem ist sich Pawelke auch bewusst, dass die gefällten Urteile in der Öffentlichkeit auch auf Ablehnung stoßen können. „Zur Kenntnis genommen werden im Grunde nur der erste Verhandlungstag und das Urteil. Was dazwischen passiert, ist meist nicht so von Interesse. Worauf sich die Entscheidung gründet, also auch nicht“, sagt er. Die Kritik, die sich im Anschluss zusammenbrauen kann, müsse man aushalten.

Einsatz per Losverfahren

Die Art der Verfahren, an denen sie beteiligt sind, können Schöffen nicht beeinflussen. Per Losverfahren wird ermittelt, ob die Laienrichter am Amts- oder Landgericht eingesetzt werden und in welcher Strafkammer. „Das ist ein schwieriges Prozedere“, sagt Gabriele Krüger, Richterin am Amtsgericht Rostock. Auch die Angabe von durchschnittlich einer Sitzung pro Monat könne nur als vage Aussage begriffen werden, das hänge von den Verfahren ab.

Mathias Pawelke ist sich bewusst, dass das Schöffenamt durchaus auch kritisch betrachtet wird. „Nicht jeder ist für dieses Ehrenamt geeignet. Denn es kann sein, dass durch Dummheit und Ignoranz ein ganzer Prozess aufs Spiel gesetzt wird“, sagt er. Allein ein ansatzweise parteiisches Verhalten gegenüber einem Angeklagten könne zum Platzen eines ganzen Prozesses führen, gibt er zu bedenken. „Man darf nicht gleichgültig sein, sich aber auch nicht auf eine Seite ziehen lassen. Alle Argumente müssen angehört werden“, betont Pawelke.

Neue Wahlperiode 2019 bis 2023

Bis zum 16. Februar können sich Interessierte als Erwachsenenhauptschöffen und Erwachsenenhilfsschöffen bewerben.

Gesucht werden Frauen und Männer zwischen 25 und 70 Jahren. Sie müssen deutsche Staatsbürger sein und in Rostock wohnen. Ansprechpartnerin ist Swea Plavius im Rechtsamt, unter

☎ 03 81 / 3 81 11 63.

Bis zum 9. Februar läuft die Bewerbungsfrist für die Jugendschöffen und Jugendhilfsschöffen. Dafür greifen die gleichen Formalien wie bei Erwachsenenschöffen.

Die Bewerber sollten zudem ein gutes Verständnis für Jugendliche haben. Ansprechpartnerin ist Silka Hembus im Amt für Jugend, Soziales und Asyl, unter der Nummer

☎ 03 81 / 3 81 69 11.

Christina Milbrandt

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