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Rostock Das Mädchen und der Minister
Mecklenburg Rostock Das Mädchen und der Minister
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00:00 03.04.2014
Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD, 4. v. l.) besucht die Klasse 10/2 im Gymnasium Evershagen und diskutiert mit Melanie, Magdalena, Tommy, Andreas, Schulleiter Gerald Tuschner und Tino (v. l.) Quelle: Ove Arscholl

Gestern 11.15 Uhr am Ostseegymnasium Evershagen. Die 10/2 hat Geschichte. Nur einer kommt zu spät zum Unterricht: Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD). „Ich hab den Raum nicht gefunden“, entschuldigt er sich und wird sofort auf seinen Platz verwiesen. Auch Geschichtslehrer Uwe Lühr und Schulleiter Gerald Tuschner haben sich auf die hinteren Bänke verdrückt. Das Zepter für die Schulstunde übernimmt Magdalena Stefan.

Die 16-Jährige ist das Mädchen, das dem Minister in Schwerin einfach eine Mail geschrieben hat und nun Antworten fordert:

Sehr geehrter Herr Brodkorb, in letzter Zeit kommt es immer häufiger vor, dass ich und andere Klassenkameraden uns über das deutsche Schulsystem beschweren, und wir mit vielen Dingen in der Schule nicht glücklich sind. Und das liegt nicht daran, dass wir Teenager sind und alles, was mit Frühaufstehen und lernen zu tun hat, schlecht finden. Es liegt daran, dass wir die Entwicklung zum selbstständigen Lernen machen und plötzlich feststellen, dass wir zwar viel in den zehn Schuljahren gelernt haben, aber nicht unbedingt die lebensnotwendigen Dinge. ... Denn in der Schule sollte man nicht für gute Noten, sondern für das künftige Leben lernen...“ (Auszüge) Den Brief habe sie geschrieben, als sie mal wieder frustriert aus der Schule gekommen sei. „Diese Reaktion hat mich aber total überrascht“, sagt die Schülerin. Ihre Offenheit hat den Politiker angesprochen, prompt meldet er sich zum Unterricht an. Die Zehntklässler bereiten die Doppelstunde eigenständig vor. Magdalena präsentiert: „Unser Traumschulsystem“. Die Schüler wünschen sich ein einheitliches Bildungssystem in Deutschland mit vergleichbaren Abschlüssen, mehr Kontinuität in der Schule. Der Lehrplan sollte weniger Themen enthalten, die mit mehr Zeit selbstständig erarbeitet und verstanden werden können. Sonst sei es nur „Bulimielernen“ — Wissen in sich reinstopfen, zur Klausur ausspucken, danach sei alles weg. Die Schüler wollen mehr Gesundheitsbildung und Hauswirtschaft als Vorbereitung aufs Leben.

Der Minister macht sich Notizen und holt die Gymnasiasten dann auf den Boden der Tatsachen zurück. Er lobt ihre Ideen, ihr Engagement, um dann die große Schwierigkeit zu betonen, Bildungsansätze der einzelnen Bundesländer unter einen Hut zu bringen. Gleiche Abschlüsse, da stimme er zu, nur der Weg dahin müsse den Ländern überlassen bleiben. Brodkorb informiert die 10/2, dass MV, Sachsen, Bayern, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein 2014 zum ersten Mal gemeinsame Abiturprüfungen in Deutsch, Mathematik und Englisch durchführen. Das sei ein Anfang.

Schüler und Minister diskutieren über die Bedeutung von Noten, Bewertungsmaßstäbe im Sport, Gestaltungsfreiräume an Schulen. „Mischen Sie sich als Schüler ein, diskutieren Sie mit Lehrern Ihre Wünsche“, rät Brodkorb. Dazu ermuntert auch Schulleiter Tuschner: „Ich bin stolz auf euch“, sagt er nach der Stunde und bittet die Schüler, ihre Ideen der Schulkonferenz vorzustellen.

Nach 90 Minuten ist die ungewöhnliche Schulstunde vorbei. Magdalena ist zufrieden, obwohl noch viele Fragen zu klären sind.

Schulcampus Evershagen
Zum Schulcampus Evershagen zählen das Gymnasium, die Orientierungsstufe und die Regionale Schule. Rund 800 Schüler aus dem ganzen Nordwesten, vor allem aus Evershagen werden hier unterrichtet. Etwa ein Viertel der Schüler sind Migranten, viele kommen aus dem Iran, Afghanistan oder Vietnam. Der Stadtteil mit 8732 Platten-Wohnungen für rund 22 000 Einwohner entstand zwischen 1969 und 1978. Die 2. Erweiterte Oberschule — heute Ostseegymnasium — wurde 1976 eröffnet.



Doris Kesselring

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