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Rostock Die Geheimnisse des Telegrafenamts
Mecklenburg Rostock Die Geheimnisse des Telegrafenamts
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00:55 02.05.2018
Eine der vielen Kladden und Ordner, die Claus-Peter Chapelier vor dem Verschwinden bewahrte.
Stadtmitte

„Nee Alter, das kannste nicht wegschmeißen.“ Das sagte sich Claus-Peter Chapelier als die DDR verschwand. Der heute 78-Jährige arbeitete in jenen bewegten Monaten ab Herbst 1989 als Haushandwerker im Rostocker Fernmeldeamt am Rosengarten. Er sah mit an, wie tonnenweise alte Bücher und Dokumente auf dem Müll landeten. Einen kleinen Teil davon konnte er retten. Nachdem sein „Schatz“ jahrelang bei ihm zu Hause im Verborgenen lag, präsentierte er ihn jetzt der Rostocker Stadtkonservatorin Uta Jahnke.

Claus-Peter Chapelier rettete 1989 Dokumente der Rostocker Fermeldebehörde

Kladden mit Urkunden zeugen etwa von der „vorbildlichen Einsatzbereitschaft“ des „VEB Fernmeldeamt“ beim „Thälmann-Subbotnik der Stadt Rostock“. Ein dickes Buch enthält eine mit der Maschine getippte Chronik des Unternehmens. In einem schmalen Band mit dem handgeschriebenen Titel „Vermerke über Ereignisse und Vorkommnisse“ lässt sich in trockenem Amtsdeutsch nachlesen, dass die „Einführung der Zählerstandsfotografie“ am 18. September 1976 abgeschlossen war. Was damit gemeint ist, wissen nur Eingeweihte.

„Dass solche Betriebsunterlagen erhalten bleiben, ist sehr selten“, sagt Uta Jahnke. Der größte Teil verschwinde auf Nimmerwiedersehen. Das gilt gerade für das Fernmeldeamt, das eng mit der Staatssicherheit zusammenarbeitete. Die Reißwölfe liefen in der Umbruchszeit auf Hochtouren, berichtet Chapelier. Er selbst war im Januar 1989 zufällig an den Job in der Behörde geraten.

Das Amt, dessen Geschichte 1881 als „Kaiserliches Post- und Telegrafenamt“ begann, hatte schon immer etwas von einem geheimnisvollen Ort. Heute ist von dem einst imposanten Gebäude nur noch ein Erweiterungsbau von 1906 vorhanden. Das prachtvolle Hauptgebäude wurde 1942 im Zweiten Weltkrieg zerstört. Chapelier, der bis 2000 bei der Telekom als Einkäufer arbeitete („vom Toilettenpapier bis zum Funkmast“), berichtet von einem unterirdischen Geheimraum, von dem aus Telefonanlagen im Notfall per Fahrradgenerator hätten weiter betrieben werden können. Ein wenig Geheimniskrämerei gehörte in der langen Geschichte der Einrichtung schon immer dazu, berichtet Gerhardt Hantusch. Der ehemalige Telekom-Ingenieur weiß so viel über die Geschichte des Rostocker Fernmeldeamts wie wohl kein anderer. Schon immer lag so etwas wie ein Mantel des Schweigens über dem Amt, das den Rostockern ab Anfang des 20. Jahrhunderts das Telefonieren ermöglichte. 1915 wurden die ersten 1000 Fernsprechkunden mit modernen Telefonen ausgestattet, die eine Verbindung zum „Fräulein vom Amt“ ermöglichten, ohne vorher kurbeln zu müssen. 100 dieser „weiblichen Hilfsbeamten“ arbeiteten zeitweise in der Behörde in der Rostocker Innenstadt. Die Jobs waren sehr begehrt. „Die Reichspost bot Frauen die Möglichkeit zu arbeiten“, erzählt Hantusch. Was damals längst keine Selbstverständlichkeit war.

Fotos, die das emsige Treiben der Telefonistinnen an den Steckplätzen zeigen, sind nicht bekannt. Weil die Behörde als sicherheitsrelevant galt, herrschte schon in der Kaiserzeit und auch noch danach striktes Fotografierverbot.

Zurzeit wird das denkmalgeschützte Telegrafenamt, das 20 Jahre lang leerstand, umgebaut. 33 Wohnungen und Geschäfte sollen entstehen. Im Rahmen der Sanierung des Gebäudes wird die alte große Schalterhalle, die durch Umbauten verschwunden war, wieder erkennbar werden.

„Fräulein vom Amt“ statt Whatsapp und Smartphone

100 Telefonistinnen waren in Spitzenzeiten im Rostocker Telegrafenamt (später Fernmeldeamt) am Rosengarten beschäftigt. Die „Fräuleins vom Amt“ vermittelten anfangs jedes Gespräch. Ab 1932 übernahmen Selbstwählanlagen diese Aufgabe bei Ortsgesprächen. Wer ein Ferngespräch führte, müsste sich aber weiter von der Mitarbeiterin verbinden lassen. Vereinzelt gab es das noch bis in die 1980er Jahre, berichtet Gerhardt Hantusch, Experte für die Rostocker Telefon-Geschichte.

1881 wurde das Kaiserliche Post- und Telegrafenamt am Wall eröffnet. Das Hauptgebäude fiel 1942 Bomben zum Opfer, nur der Erweiterungsbau von 1906 blieb erhalten. Die Telekom nutzte ihn bis in die 1990er, derzeit entstehen hier Wohnungen.

Gerald Kleine Wördemann

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