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Rostock Die Tage der Kalenderscheibe sind gezählt
Mecklenburg Rostock Die Tage der Kalenderscheibe sind gezählt
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00:00 03.06.2014
Kirchenkreismitarbeiter Uwe Kootz (70) zeigt die Kalenderscheibe, die Restaurator Marcus Mannewitz 2009 gefertigt hat. Quelle: Fotos: Ove Arscholl
Stadtmitte

Die Zeit läuft für die Astronomische Uhr in der Marienkirche. Die einzigartige Großuhr mit ihrem ursprünglichen mittelalterlichen Uhrwerk von 1472 funktioniert bis heute präzise. Aber die Tage der Kalenderscheibe sind gezählt, ihre Daten umfassen die Jahre 1885 bis 2017. Danach ist ihre Zeit abgelaufen.

Doch die Nachfolgerin gibt es längst. Der frühere Rostocker Astronomie- und Mathematiklehrer, Manfred Schukowski, hat das Kalendarium schon 1994 erweitert — erneut um 133 Jahre bis 2150. Wochentage, Monate, Ostertermine, Sonnenaufgangszeiten, Tagesheilige — der 86-jährige Uhren-Experte hat die Daten aktualisiert für die nächste lange Uhr-Zeit. „Am mühevollsten war es, die Osterdaten zu berechnen“, erinnert sich Schukowski. Er wisse nun genau, auf welchen Wochentag Ostern 2122 falle, auch wenn weder er noch seine Urenkel das Fest erleben werden. Doch beim Wechsel der Kalenderscheibe zum 1. Januar 2018 hoffe er, dabei zu sein. „Fast schon hätte ich die Pflicht dazu“, sagt der Matheprofessor lachend.

2009 hat Restaurator Marcus Mannewitz die neue Scheibe gefertigt. Er übertrug Schukowskis Daten auf eine dünne Sperrholzplatte. „Im Stil der jetzigen Kalenderscheibe“, erklärt Mannewitz. Mit viel Geduld habe er rund drei Monate an dem Projekt gearbeitet. Seitdem ist die neue Kalenderscheibe, die auf die jetzige aufmontiert werden soll, in der Marienkirche ausgestellt. „Sie wartet sozusagen auf ihren Einsatz“, beschreibt es Schukowski.

Er hofft, wie viele Rostocker, dass diese außergewöhnliche Astronomische Uhr, „die zu den ältesten original erhaltenen und noch in Funktion befindlichen Monumentaluhren gehört“, eines Tages Weltkulturerbe wird. „Wir halten sie für würdig“, betont auch Pastor Tilman Jeremias, „wir wissen aber auch, dass man da einen langen Atem haben muss.“

Nur zwei Vorschläge kann Deutschland jährlich zur Nominierung zum Unesco-Welterbe auf den Weg bringen. In diesem Jahr waren es die Hamburger Speicherstadt und der Naumburger Dom, wie Andreas Schmitz von der vorschlagenden Kultusministerkonferenz mitteilt. Befunden wird über diese Nominierungen erst im Sommer 2015.

Die Vorschläge stammen von einer sogenannten deutschen Tentativliste, die gerade mit 31 weiteren Kandidaten bestückt werden soll. Mecklenburg-Vorpommern hatte dafür schon 2012 das Schweriner Schloss und das Doberaner Münster angemeldet. Eine Expertengruppe hat im vergangenen Jahr die Ideen evaluiert, und die Kultusministerkonferenz wird Ende 2014 darüber befinden. Und dann sei erst mal für längere Zeit Ruhe, so Schmitz. „Dann muss die Liste abgearbeitet werden.“

„Die Astronomische Uhr verdient es, auf die Liste zu kommen“, betont Michaela Selling, Leiterin des Amtes für Kultur, Denkmalpflege und Museen. Das hätten Experten auf einem internationalen Symposium 2012 in Rostock ausdrücklich unterstützt. Deshalb werde sich die Stadt auf jeden Fall für die nächste Nominierungsrunde bewerben, kündigt Selling an.

Wann dies eintreffen wird, verrät auch die neue Kalenderscheibe nicht. Selbst der Mathematiker hat keine Lösung, nur den ausdrücklichen Wunsch. Ihm gefällt, dass der Wechsel der Scheibe 2018 zusammenfällt mit einem großen Doppeljubiläum: Die Stadt Rostock wird 800, die Universität 600 Jahre alt. „So ein Scheibenwechsel mit runden Jubiläen passiert erst wieder 2416/17“, habe er ausgerechnet.

Wenn seine neue Scheibe in 133 Jahren wieder gewechselt wird, „stehen die Enkel der Urenkel meiner Urenkel vor der Uhr in der Marienkirche“, sagt er und lacht.

Astronomische Uhr
1472 schuf der Danziger Uhrmachermeister Hans Düringer die Astronomische Uhr für St. Marien in Rostock. Das Hauptuhrwerk enthält noch Originalteile und funktioniert bis heute präzise. Täglich werden ihre fünf Werke von Hand aufgezogen, das Hauptwerk wiegt allein 60 Kilo und muss 18 Meter hochgehievt werden. Die etwa zwölf Meter hohe und fünf Meter breite Uhr wurde 1643 grunderneuert und zuletzt 1977 restauriert. Der letzte von drei Kalenderscheibenwechseln hat 1885 stattgefunden. Nach 133 Jahren läuft diese Scheibe Ende 2017 aus.



Doris Kesselring