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Rostock Die Welt kann von MV lernen
Mecklenburg Rostock Die Welt kann von MV lernen
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08:29 16.04.2018
Prof. Jan Harff, Experte für marine Geologie an der Uni Stettin und am Institut für Ostseeforschung. Quelle: IOW
Rostock

Die Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern ist in ständiger Bewegung. Dabei entwickeln sich grandiose Landschaften mit einmaligen, schützenswerten Biotopen. OZ sprach darüber mit Prof. Jan Harff, Experte für marine Geologie an der Uni Stettin und am Leibniz Institut für Ostseeforschung Warnemünde.

Musterbeispiel Ahrenshoop: Wellenbrecher und Buhnen verringern die Brandungs- und Strömungsenergie und damit die Erosion von feinkörnigem Material. Quelle: Nordlicht

Herr Professor, in den letzten 100 Jahren ist der Meeresspiegel in der südlichen Ostsee jährlich etwa 1,2 Millimeter gestiegen. Verschärfend kommt hinzu, dass große Teile der Küstenregion absinken – ein bis zwei Millimeter pro Jahr. Können wir uns auch morgen noch sicher fühlen an der Ostseeküste?

Prof. Jan Harff: Fakt ist: Wir leben an einer Rückzugsküste. Jahrtausendelang – denn die Küste ist seit fast 10000 Jahren besiedelt – waren die Menschen diesem Prozess fast hilflos ausgeliefert, mussten Siedlungen aufgeben und landeinwärts ziehen. Aber seit etwa 150 Jahren – später als zum Beispiel die Küstenbewohner an der Nordsee – stemmen wir uns aktiv gegen diesen Prozess. Und zwar mit viel Erfolg!

Wie schätzen Sie den Küstenschutz bei uns an der Ostsee ein?

Der Küstenschutz in MV funktioniert beispielhaft. Hier wurden über Jahrzehnte Erfahrungen gesammelt und weitergegeben – das Herangehen ist ganz anders als zum Beispiel in Teilen von Schleswig-Holstein.

Inwiefern? Haben Sie ein Beispiel?

Aber klar. Schauen Sie nach Heiligenhafen oder auf die Insel Fehmarn (beides Schleswig-Holstein, d. Red.). Dort bestimmen oft Betonflächen und Stahl das Bild an der Küste. Ganz anders östlich der Trave – an der ehemaligen innerdeutschen Grenze kann man bis heute einen ganz klaren Bruch erkennen: Hier in MV sind viele Küstenabschnitte ohne Siedlungen einfach naturbelassen. Und das ist richtig so: Das hier abgetragene Material wird durch Wind und Meeresströmung verlagert – und eben dadurch entstehen die für unsere Küste so typischen Nehrungen, die breiten Strände. Und die dahinterliegenden Haffe, Bodden, Lagunen. Das sind einmalige Ökosysteme, großartige Biotope. Diese unveränderte Natur ist eine gewaltige Ressource für MV.

Heißt das, wir sollten uns der natürlichen Erosion nicht generell und mit aller Macht entgegenstellen?

Ja, genau. Aber wir können sie lenken. Wenn ich zum Beispiel ein aktives Kliff blockiere, dann unterbinde ich die natürliche Sedimentfracht, die durch seine Erosion entsteht. Das führt dann – ganz logisch – an anderen Stellen zu stärkerer Erosion und neuen Problemen.

Wie schütze ich denn nun eine gefährdete, bewohnte Küste?

Durch eine kluge Kombination verschiedener Mittel. Zum Beispiel mit Wellenbrechern und Buhnen – die verringern die Brandungs- und Strömungsenergie und damit die Erosion von feinkörnigem Material.

Gute Beispiele sind Wustrow oder Ahrenshoop (Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, d. Red.). Dazu kommen regelmäßige Strandaufspülungen – an den richtigen Stellen muss fehlendes Material aufgefüllt werden. Hinter dem Strand schützt dann die von Pflanzen bewachsene Düne – ein natürlicher Schutzwall, der stundenlanges Hochwasser aushalten kann. Sollte die Düne dann doch zerstört werden, reduziert der Küstenwald Brandung und Strömung. Und dann schützt – wo nötig – ein Deich vor einer drohenden Überflutung.

Warum gibt es diese Unterschiede zwischen Ost und West?

Die haben ihre Ursache wohl auch in der Wirtschaftspolitik der DDR. Es war schlicht kein Geld da für großflächige Betonarbeiten. Deshalb musste man lernen zu verstehen, was für Prozesse an der Küste natürlicherweise ablaufen und wie man sie steuern und nutzen kann. Naturwissenschaftler und Ingenieure haben eng zusammengearbeitet, über lange Zeiträume nachgedacht – über Jahrzehnte. Heute sage ich: zum Glück!

Machen denn unsere guten Erfahrungen auch im Westen Schule?

Na ja, nur bedingt. Aber sie befruchten immerhin die Diskussion.

Sie würden sich mehr Kooperationen wünschen?

Ja. Und dass das über Jahrzehnte auf Basis der Zusammenarbeit von Geowissenschaftlern, Wasserbauern und Behörden im Land erarbeitete exzellente Know-how eines naturnahen und sehr effektiven Küstenschutzes weitergeführt und belebt wird. Das setzt natürlich politischen Willen und Initiativen der Beteiligten zur interdisziplinären Forschung und praxisnahen Anwendung der Ergebnisse voraus.

Dieser Wunsch ist aber nicht nur auf die westliche Richtung begrenzt. Wir brauchen auch eine Intensivierung der Kooperation mit unseren östlichen Nachbarn an der südlichen Ostseeküste in Polen und Litauen.

Luczak Thomas

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