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Rostock Ein Jahr nach dem Unfall: „Stettin“ kämpft ums Überleben
Mecklenburg Rostock Ein Jahr nach dem Unfall: „Stettin“ kämpft ums Überleben
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06:30 10.08.2018
Der Eisbrecher „Stettin“ ist nach der Reparatur wieder Gast auf der Hanse Sail. Im Vorjahr war er bei einem Unfall beschädigt worden. Die Folgen beschäftigen Vorstand Helmut Rohde noch immer. Quelle: Ove Arscholl
Rostock

Zehn Menschen verletzt, eines der stolzesten und zugleich schönsten Traditionsschiffe Deutschlands massiv beschädigt und Entsetzen bei Zehntausenden Besuchern: Ein Jahr ist es her, da überschattete ein schwerer Unfall auf der Warnow die Hanse Sail. Der Hamburger Dampfeisbrecher „Stettin“ war mit der Fähre „Finnsky“ kollidiert. Zwölf Monate danach ist die „Stettin“ nun zurück in Rostock: „Wir sind wieder da – und natürlich werden wir auch wieder zu Ausfahrten bei der Sail starten“, sagt Helmut Rohde, Mitglied im Vorstand des Betreibervereins. Doch: Die Debatte um die Sicherheit auf Traditionsschiffen und auf der Sail hat ein Jahr nach dem Unfall gerade erst begonnen. Auch auf das Segelfest kommen gravierende Veränderungen zu.

Bericht sieht Versäumnisse auf allen Seiten

Erst vergangene Woche hatten die Gutachter der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) aus Hamburg ihren Bericht zum Zusammenstoß zwischen „Stettin“ und „Finnsky“ vorgelegt. Die Kollision hatte sich in Höhe des Seehafens ereignet – während die Fähre rückwärts ihren Liegeplatz ansteuerte. Einen „Schuldigen“ benennt die BSU nicht, aber sie zeigt gleich eine ganze Reihe von Versäumnissen auf allen Seiten auf: Die Crew der „Stettin“ habe sich nicht ausreichend mit der Fähre über Funk abgestimmt. Außerdem seien 15 Gäste zum Unfallzeitpunkt auf der Brücke gewesen – und hätten eine „konzentrierte Schiffsführung“ nahezu unmöglich gemacht. Doch auch der „Finnsky“ attestiert die BSU Fehler: Am Heck fehle ein Radar für die Rückwärtsfahrten, zudem hätte achtern ein Offizier das Anlegen überwachen müssen. Der Verkehrszentrale („Warnemünde Traffic“) des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) bescheinigen die Gutachter, keine eindeutigen Absprachen mit den Schiffen im Revier getroffen zu haben. Und: Die Wasserschutzpolizei habe den dichten Verkehr auf der Warnow nicht ausreichend überwacht.

Sail-Chef Bellgardt prüft Konsequenzen

Bereits wenige Tage nach dem Unfall war eine Debatte über die Sicherheit auf dem Wasser entbrannt. Gerd Simonn, Skipper des Rostocker Traditionsseglers „Santa Barbara Anna“, sprach sogar von „Wildwest auf der Warnow“. Doch Konsequenzen wurden bislang nicht gezogen: „Es gelten dieselben Regeln wie im vergangenen Jahr“, sagt Sail-Chef Holger Bellgardt. Der Unfall mit der „Stettin“ – er sei aus seiner Sicht nicht auf das Segelfest zurückzuführen: „Das hätte jedes Schiff an jedem anderen Tag ebenso treffen können.“ Aber nein: Das bedeute nicht, dass man zum Alltag zurückkehre und alles so lässt, wie es seit Jahren ist. „Wir alle haben ein Jahr auf den Bericht der BSU gewartet. Jetzt liegt er vor, jetzt können wir daraus Schlussfolgerungen ziehen. Die Gespräche laufen bereits und wir werden sie während der Sail weiterführen – mit allen Beteiligten.“Ein großes Thema: „Wir prüfen, ob wir den Verkehr noch stärker als bisher lenken und steuern müssen.“ Ganz konkret gehe es um Fahrpläne und Zeiten: „Wir brauchen eine bessere Abstimmung, wann die Berufsschifffahrt unterwegs ist – und wann die Traditionsschiffe unterwegs sein können“, sagt Bellgardt. „Die Frage muss sein, wer wann Vorrang auf dem Wasser hat.“ Genau darüber werde er in den kommenden Wochen mit dem WSA und auch mit der städtischen Hafenbehörde diskutieren. Die Sail brauche eine Art „Fahrplan“, an den sich alle halten. So will Bellgardt das hohe Verkehrsaufkommen „entzerren“.

Schärfere Regeln für Traditionsschiffe?

Ein Punkt im BSU-Gutachten bereitet dem Sail-Chef und allen Traditionsschiffen hingegen große Sorge: Die Unfall-Experten fordern strengere Sicherheitsvorschriften für die alten Schiffe. Die „Stettin“, so die BSU, müsse in Zukunft nach der EU-Verordnung für Fahrgastschiffe eingestuft werden – und nicht mehr als Traditionsschiff. Das hätte für den Verein enorme Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen an Bord und auch Personal zur Folge. „Wenn diese Forderung durchgesetzt wird, hat das für alle alten Schiffe weitreichende Folgen“, sagt „Stettin“-Vorstand Rohde. Dann werde die Traditionsschifffahrt für die Ehrenamtler nahezu unbezahlbar. „Und wenn wir nicht mehr in See stechen, wird das auch für Feste wie die Hanse Sail zu einem existenziellen Problem.“ Sail-Chef Bellgardt teilt die Sorge: „Das wird uns alle noch beschäftigen“, sagt er. „Diese Forderung müssen wir sehr ernst nehmen.“

„Stettin“ hält sich für unschuldig

Die Forderung nach einer neuen Einstufung ist aber nicht der einzige Punkt im Gutachten der BSU, der bei den „Stettin“-Betreibern nicht gut ankommt: „Die Fähre sollte sich ost halten – ist aber auf der West-Seite gefahren. Wir sind deshalb am Zusammenstoß unschuldig. Der Fehler an Bord der ,Finnsky’ hätte der Verkehrszentrale auffallen müssen – oder der Wasserschutzpolizei, wenn sie vor Ort gewesen wäre“, so Rohde. Das Gutachten habe keine rechtlichen Konsequenzen. „Ob es noch strafrechtliche Ermittlungen gibt, ein Gerichtsverfahren – das wissen wir nicht.“ Die Reparatur des mehr als zwei Meter breiten Lochs im Rumpf der „Stettin“ nach dem Unfall 2017 habe „enorme Summen“ gekostet. Mehrere hunderttausend Euro. „Wer erstattet uns diesen Schaden?“ Rohde wehrt sich gegen die Kritik: „Wir sind eines der sichersten Traditionsschiffe in Deutschland. Und es war ,Glück’, wenn man so will, dass es uns getroffen hat 2017. Ein kleineres Schiff wäre untergegangen. Das wäre eine Katastrophe geworden.“ Und: „Bis heute existiert für die Unterwarnow keine geordnete Verkehrsführung.“

Eisbrecher will wieder Attraktion sein

Zunächst aber freut sich das Team der „Stettin“ auf die Sail: „Wir sind froh, wieder dabei zu sein. Unser Schiff ist immerhin seit mehr als 25 Jahren dabei.“ Noch schöner für den Vorstand und seine Mitstreiter: Die Fahrgäste halten dem Schiff die Treue: „Wir haben zum Glück wieder sehr viele Buchungen für die Ausfahrten.“ Und das sei auch gut: „Wer mit der ,Stettin’ fährt, ist sicher – und wird tolle Sail-Stunden erleben.“

Andreas Meyer

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