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Rostock Rostocker fährt im Rollstuhl durch Russland
Mecklenburg Rostock Rostocker fährt im Rollstuhl durch Russland
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21:06 18.01.2019
Christian Tiffert ist querschnittsgelähmt. Seit einem Fahrradunfall sitzt er im kinngesteuerten Elektrorollstuhl. Quelle: OVE ARSCHOLL
Nördliche Altstadt

Im hinteren Teil einer Bäckerei lässt sich Christian Tiffert (42) von seiner Assistentin mit Himbeerschnitte füttern. Von den Nebentischen werfen ihm andere Gäste verstohlen Blicke zu. Manche neugierig, andere mitleidig. Christian Tiffert kennt das. Seit einem Unfall sitzt er im Rollstuhl, ist vom Hals abwärts gelähmt und kann selbstständig nur noch seinen Kopf bewegen. Wo immer der Rostocker aufschlägt, sticht er aus der Menge hervor. Noch mehr würden seine Mitmenschen wohl staunen, wüssten sie, was Tiffert vorhat. Er will den Ural überqueren. „Ich möchte beweisen, dass Grenzen nur im Kopf existieren.“ Wer seine Lebensgeschichte hört, glaubt ihm aufs Wort.

Es ist der 15. Februar 2012, an dem sich Christian Tifferts Leben für immer verändert. Der Marineoffizier stürzt bei einer Trainingsrunde mit seinem Mountainbike. Als er wieder zu sich kommt, spürt er weder Arme, Beine noch sonst irgendetwas. „Ich wusste gleich, was Phase ist, dass ich gelähmt bin“, erinnert er sich an jenen Moment. Tiffert kämpft gegen die aufsteigende Panik an, gegen die Angst, dass Spinnen über seinen Kopf krabbeln könnten, dass ihn auf diesem abgelegen Feldweg bis auf wilde Tiere niemand findet. Tatsächlich liegt er zweieinhalb Stunden reglos am Boden, bis ihn jemand entdeckt. Viel Zeit, um über das „Wie geht’s weiter? Will ich überhaupt, dass es weitergeht?“ nachzugrübeln. „Die Entscheidung ,Ich will leben’ ist dort gefallen“, erzählt Tiffert. Ein paar Jahre zuvor wäre das wohl anders gewesen. „Mit 25 hab’ ich gedacht ,Wenn mir je sowas passiert, will ich lieber sterben’.“

Vor seinem Fahrradunfall hat Christian Tiffert als Marineoffizier die Welt bereist. Heute tour er im Rollstuhl durch Russland, um auf soziale Projekte aufmerksam zu machen

„Viele haben mich für verrückt gehalten.“

Der Weg zurück ins Leben ist lang: Ein Dreiviertel Jahr liegt Christian Tiffert im Krankenhaus, muss dabei zusehen, wie sein Bettnachbar nach einer Lähmung wieder laufen lernt. Nach seiner Entlassung und dem anschließenden Umzug zurück in seine Heimatstadt Rostock muss Tiffert akzeptieren, dass seine Promotion und Vorlesungstätigkeit im Fach Projektmanagement an der Helmut-Schmidt-Uni in Hamburg mit seiner Dienstzeit endet. 18 Jahre lang ist er zur See gefahren, zuletzt als Schiffstechnik-Offizier auf der Fregatte „Brandenburg“. Privat hat er am liebsten die Ostsee besegelt. Auch das ist endgültig vorbei. Doch Tiffert hadert nicht mit seinem Schicksal. Er weiß, er hat viel Glück. Weil er noch immer selbstständig atmen und schlucken kann. Weil die Bundeswehr seinen Dienstunfall anerkennt und zahlt. Für die sieben Assistenten, die ihn abwechselnd rund um die Uhr betreuen. Und für seine erste Russlandreise, zu der er 2017 aufbricht.

Vor seinem Unfall ist Christian Tiffert Marineoffizier, fährt auf der Fregatte „Brandburg“ zur See. Quelle: privat

Seinen Unfall sieht Christian Tiffert als Zäsur und Chance, Wege einzuschlagen, die ihm zuvor versperrt geblieben wären. „Früher konnte ich segeln, darf ich wochenlang durch Russland reisen.“ Die Lust auf dieses Abenteuer weckt sein Freund und früherer Kommandant. Der ist Marineattaché an der Deutschen Botschaft in Moskau, besucht Tiffert in Rostock und lädt ihn in Russlands Hauptstadt ein. Tiffert ist begeistert, sein Freundes- und Bekanntenkreis hält ihn für wahnsinnig. Reisebüros lachen ihn aus. Im Rolli durch Russland? Unmöglich! Von Skeptikern lässt sich der Tetraplegiker genauso wenig abhalten wie von dem Wissen, dass er in Russland wohl kaum auf behindertengerechten Hotels und Straßen treffen wird. Tiffert findet Unterstützer, die ihm bei der Tourplanung helfen. In den Reihen seiner Assistenten sind erfahrene Weltenbummler.

Fünf Leute begleiten ihn nach Russland. Ein mobiler Lifter, ein Duschrollstuhl, eine Rampe, alles verteilt auf zwei Kleinbusse – Tiffert reist nicht gerade mit leichtem Gepäck. „Wir waren mit einer Tonne Material unterwegs.“ Drei Wochen lang führt sie die Reise von Klaipeda über Moskau nach Sotschi und zurück. Tiffert fährt über Buckelpisten, in einer Seilbahn („Das Irrste, was ich je gemacht habe.“), mit der Fähre. 8000 Kilometer, elf Städte, 2300 überwundene Höhenmeter und unzählige herzliche Bekanntschaften – angesichts dieser Eckdaten passt der Titel: „Find your road“ – Finde deinen Weg – ist Christian Tifferts Motto und der Name seines Onlineblogs, auf dem er seine Erlebnisse mit anderen teilt. Denn, das sei ihm unterwegs klar geworden: „Ich möchte anderen Mut machen und ihnen zeigen, dass verrückte Sachen möglich sind, auch wenn man im Rollstuhl sitzt.“ Außerdem will er jenen Menschen etwas zurückgeben, die ihm halfen, schwere Stunden zu überstehen, die an seinem Krankenbett gewacht haben und ihn aufbauten, wenn er sich mal hängen ließ. „Die einzige Art, dafür Danke zu sagen, ist, mein zweites Leben zu nutzen und das Beste daraus zu machen.“

Schon zweimal hat Christian Tiffert im Rollstuhl Russland bereist und unterwegs viele freundliche Menschen kennengelernt Jetzt will der querschnittsgelähmte Rostocker den Ural überqueren. Quelle: privat

Für ihn heißt das auch, anderen zu helfen. Nach seiner Rückkehr organisiert er ein Benefizkonzert zugunsten des Moskauer Orchesters Sonnennote, in dem Kinder mit Downsyndrom musizieren. Den Erlös bringt Tiffert im Jahr darauf selbst nach Russland und nutzt die Chance, das Land erneut zu bereisen. Regionale Medien werden auf seine Mission aufmerksam. Er gibt Interviews und macht damit auf soziale Projekte – vor allem für körperbehinderte Kinder – aufmerksam. Christian Tiffert will sich nicht verstecken, im Gegenteil. „Dank meiner Behinderung kann ich viele Türen aufstoßen. Ich zwinge die Leute dazu, sich damit auseinanderzusetzen, dass es Menschen wie mich gibt, die im Rolli sitzen und scheinbar Unmögliches möglich machen.“

„Das Leben ist schön und alles ist möglich.“

Die zweite Expedition verläuft allerdings nicht so, wie erhofft. Tiffert muss die Reise vorzeitig abbrechen, eine vom langen Im-Rolli-sitzen herrührende Wunde zwingt ihn dazu. Das Verpasste will der Rostocker, der mittlerweile Good Governance (Gute Regierungsführung) studiert, diesen September in seinen Semesterferien nachholen. Die Planungen dafür und für einen Dokumentarfilm über seine Abenteuer laufen schon. „Ich möchte unbedingt Jekaterinburg sehen und den Ural überqueren.“

Wer Christian Tiffert zuhört, weiß, dass er sich diesen Wunsch erfüllen wird. Er ist, auch wenn das angesichts der Lähmung absurd klingen mag, ein Stehaufmensch, ein Mann, der sich von nichts und niemand bremsen lässt. „Es geht immer weiter, auch wenn man auf einem Feldweg liegt und erstmal nicht weiß, wie. Das Leben ist schön und alles ist möglich.“

https://www.find-your-road.com

Antje Bernstein

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