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Ein Mann tickt aus — Chronologie einer Gräueltat

Gehlsdorf Ein Mann tickt aus — Chronologie einer Gräueltat

Ein 35-Jähriger vergewaltigt seine Lebensgefährtin, die Justiz lässt ihn laufen. Jetzt ist die Frau tot. Der mutmaßliche Täter ist psychisch krank und der Polizei seit Jahren bekannt.

Gehlsdorf.  

Lichtenhagen — Der Leichenfund an der Rostocker Stadtautobahn schockiert Polizei und Staatsanwaltschaft. Denn: Der mutmaßliche Täter, ein 35-Jähriger aus Lichtenhagen, ist der Justiz bestens bekannt. Erst im Januar entließ ihn das Amtsgericht Rostock aus der U-Haft, nachdem er kurz zuvor seine Lebensgefährtin vergewaltigt hatte. Am Dienstag führte der Mann die Beamten zur Leiche der Frau in einem Wäldchen. Einen Tag danach skizzierten Polizei und Staatsanwaltschaft eine Chronologie des Grauens.

Silvester: Der 35-Jährige aus Lichtenhagen vergewaltigt seine Lebensgefährtin und stellt sich der Polizei. Noch in der Nacht soll er sich bei der Frau entschuldigt haben. Sie verzeiht ihm. Der Mann muss dennoch in Untersuchungshaft. Sie steht ihm bei und soll ausgesagt haben: „So kenne ich ihn überhaupt nicht.“ Polizei und Staatsanwaltschaft wissen, dass der Mann von 2002 bis 2009 im Maßregelvollzug war. Hier sind psychisch kranke Straftäter untergebracht. Der Mann soll wegen Vermögens- und Eigentumsdelikten eingesessen haben. Er leide an einer Persönlichkeitsstörung, die weitgehend geheilt worden sein soll, heißt es. Im März 2009 kommt er daher auf freien Fuß, steht aber weiter unter Führungsaufsicht. Er zieht nach Lichtenhagen, erhält Sozialhilfe und hat keine Arbeit.

Als die Polizei ihn im Januar festnimmt, soll sein letztes Vergehen mehr als zehn Jahre zurückliegen. Eine Gewalt- oder Sexualstraftat habe er noch nie zuvor begangenen. Die Justiz lässt ihn am 22. Januar laufen.

5. Februar: Der mutmaßliche Täter soll selbst angegeben haben, dass er seine Lebensgefährtin an diesem Tag ermordet habe. Die Leiche verscharrt er 600 Meter von seiner Einraumwohnung entfernt in einem Wäldchen. Warum und wie er die Frau umgebracht haben soll, ist unklar. Der Mann schweigt, die Obduktion dauert an.

20. März: Der 35-Jährige soll eine behinderte Frau zweimal vergewaltigt haben. Die Betreuerin des Opfers meldet das, die Polizei nimmt den Mann erneut fest. Die Beamten suchen nach seiner Lebensgefährtin. In ihrer Wohnung finden sie die Frau jedoch nicht.

Laut Peter Mainka, Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Rostock, legen die Beamten der Schwester der Gesuchten mehrmals nahe, eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Doch diese habe damit gezögert.

Schließlich sei die Gesuchte zuvor immer wieder mehrere Tage aus ihrem gewohnten Lebensumfeld verschwunden.

Montag: Die Polizei redet laut Mainka noch einmal auf die Schwester ein. Schließlich gibt sie die Vermisstenanzeige auf. Die Beamten ermitteln nun umfangreich.

Dienstag: Der 35-Jährige vertraut sich seiner Anwältin an. Laut Fachkommissarleiter Peter Ernst soll der mutmaßliche Täter gesagt haben, er habe seine Lebensgefährtin in einen Keller mit ausreichend Nahrung gesperrt.

Auf der Fahrt zum vermeintlichen Verlies habe er dann jedoch plötzlich eingeräumt, seine Lebensgefährtin getötet zu haben. Die Beamten müssen die Richtung ändern. Sie fahren zum Wäldchen zwischen den Stadtteilen Lichtenhagen und Warnemünde. Der Mann habe die Polizisten zielgerichtet dorthin geführt, wo er die Leiche vor rund zwei Monaten verscharrt haben soll. „Danach hat er von seinem Recht zu schweigen Gebrauch gemacht“, sagt Ernst.

„Persönlichkeitsstörung zeigt sich früh“
Mit einer schweren Persönlichkeitsstörung wurde der mutmaßliche Täter von 2002 bis 2009 im Maßregelvollzug therapiert. „Da muss es sich um eine schwerwiegende Straftat gehandelt haben“, vermutet Professor Detlef Schläfke, Leiter der Klinik für Forensische Psychiatrie in Gehlsdorf, in der nur suchtkranke Straftäter behandelt werden. In der psychischen Maßregel würden Straftäter im Schnitt fünf bis sechs Jahre therapiert. Es gebe verschiedene Formen der Persönlichkeitsstörung, die früh schon in Kindheit und Jugend beginnen, zu schwerwiegenden Veränderungen psychischer Grundfunktionen führen und im sozialen und beruflichen Verhalten negativ auffallen würden. „Aufgrund dieser psychischen Krankheit sind sie dann oft in ihrer Schuldfähigkeit gemindert“, sagt der Arzt.
In der forensischen Psychotherapie würden viele Einzel- und Gruppengespräche, Übungen, Rollenspiele absolviert, immer bezogen auf das Delikt. Es ginge darum, Rahmenbedingungen zu ändern, die zur Tat führten, die Gefährlichkeit zu beseitigen. Das gelinge nicht immer, räumt Schläfke ein. Über die Entlassung aus dem Maßregelvollzug entscheide stets der Richter. dk

 



Andrè Wornowski

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Rostock
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