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Rostock Ein Schuster bleibt bei seinen Leisten
Mecklenburg Rostock Ein Schuster bleibt bei seinen Leisten
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00:00 09.11.2013
Auch noch mit fast 100 Jahren repariert Hermann Schippmann in seiner kleinen Laube in einem Hinterhof der KTV Schuhe. Ilona Kilian vertraut dem Schuster schon seit mehr als zehn Jahren. Quelle: Andreas Handke
Kröpeliner-Tor-Vorstadt

Aus einer kleinen grünen Laube, unscheinbar in einem Rostocker Hinterhof gelegen, ist das Hämmern und Klopfen eines Handwerkers zu hören. Die Arbeitsgeräusche werden abrupt durch das Aufstoßen der angelehnten Werkstatttür unterbrochen:„Ja? Was kann ich für Sie tun?“, fragt Hermann Schippmann. Mit fast 100 Jahren repariert der gelernte Schuster noch immer die vom Zahn der Zeit gezeichneten Schuhe.

In blauer Arbeitsschürze und mit jahrzehntelanger Arbeitserfahrung werkelt der erfahrene Schuhmacher in Rostocks Doberaner Straße in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV). „Das Handwerk hat mein Vater mich gelehrt“, sagt Hermann Schippmann, der im Januar zum 100. Mal seinen Geburtstag feiern wird. „Das Jubiläum schafft er mit Leichtigkeit“, ist sich sein Sohn Horst sicher. „Unsere ausgedehnte Sonntagsrunde spazieren wir zwar nicht mehr, aber in seiner Werkstatt ist er immer noch fit und aktiv.“

Geboren 1914 in Rostocks KTV wohnt Hermann Schippmann noch immer in seinem Geburtshaus. „Damit bin ich der älteste Einwohner der KTV, der immer noch im selben Haus wohnt“, erzählt er lächelnd und mit großen Augen. An der Wand über ihm hängt das Bild, das ihn als stolzen Schuhmacher zeigt. „Das wurde zu Zeiten der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) geschossen. Da kam extra eine Fotografin und hat uns alle fotografiert“, erinnert sich Hermann Schippmann. Anfang der Sechziger wurde die PGH in Rostock gegründet. „Ich habe sie sozusagen mit aufgebaut“, sagt er.

Vorher stand aber die Lehre zum Schuhmacher an. Die hat er 1930 mit 16 Jahren in der familieneigenen Werkstatt bei seinem Vater angefangen. Dieser kaufte 1905 das Haus in der KTV, das bis heute in Familienbesitz ist. „Mittlerweile hat mein Vater es mir vererbt“, sagt Horst Schippmann. „Es ist kaum noch vorstellbar, wie es damals hier aussah. Die Häuser in der Doberaner Straße hatten einen Vorgarten, die Straße und die Straßenbahn waren einspurig...“, erklärt er. „Und im Erdgeschoss des Hauses hatte mein Großvater seine Werkstatt.“ Hier hat Hermann Schippmann seine Ausbildung absolviert und die ersten Arbeitsjahre verbracht. Bis er zum Wehrdienst eingezogen wurde.

„Zwei Jahre musste ich zur Armee, danach wollte ich eigentlich wieder nach Hause.“ Was dem Plan entgegenstand war das Jahr 1939 — Deutschland überfällt Polen. Der Zweite Weltkrieg bricht aus. „Da war es mit meiner Heimkehr natürlich weit weg. Ich musste erst an die Ostfront, dann nach Westen, wieder zurück nach Osten. Überall wurde ich hingeschickt.“

„Sein Glück war es vielleicht“, sagt Sohn Horst, „dass er Schuster war. Er war zwar immer da, wo man gerade nicht sein wollte. Aber genau da wurden eben seine handwerklichen Dienste benötigt.“ Das Material konnte den Belastungen im Schützengraben, der Hitze und der Kälte, den langen Fußmärschen und Einsätzen nicht lange standhalten. Andauernd ging das Schuhwerk kaputt: „Dementsprechend war ich überall da, wo die Kriegsschauplätze waren“, sagt Hermann Schippmann. „Als Schuster wurde er den Kompanien zugeteilt, die einen Schuhmacher brauchten. Womöglich war er mit dem Schuhe-Reparieren immer dann beschäftigt, wenn an vorderster Front die Bomben fielen.— „Was ihm vielleicht das Leben rettete“, sagt Horst Schippmann.

Anfang des Jahres 1945 befand sich Hermann Schippmann mit seinen militärischen Truppenteilen im Rückzug aus Russland, als ein Kamerad ihm einen großen, schweren Geschützholm auf sein Knie fallen ließ. Die Folgen: Lazarett und Genesungsurlaub.

„Als die Russen nach Rostock in die Schuhmacherei meines Großvaters kamen, fanden sie meinen Vater in Zivilkleidung in der Werkstatt stehend“, erzählt Horst Schippmann. Seine Uniform hatte Hermann Schippmann zu diesem Zeitpunkt vor den Rotarmisten auf dem Dachboden versteckt. „Die habe ich Jahrzehnte später beim Aufräumen wiedergefunden. In gutem Zustand, mit Stahlhelm und allem Drum und Dran“, erzählt der Sohn. „Die Russen konnten einen wie ihn gebrauchen. Sie nahmen ihn mit nach Lübeck, später nach Doberan, wo er als ganz normaler Schuster eingesetzt wurde. Und das war es dann:

Keine weitere Kriegsgefangenschaft oder Sonstiges — wieder einmal war Schuhmacher sein Glück“, berichtet Sohn Horst.

„Später lief das Geschäft so gut, dass unsere Kunden sogar zu Fuß aus Bramow und Schutow kamen“, erzählt Hermann Schippmann stolz. „Meine Aufgabe war es dann oftmals, die fertigen Schuhe wieder zurückzubringen — natürlich auch zu Fuß.“

Heute widmet sich Hermann Schippmann den Schuhen nur noch in seiner kleinen Arbeitslaube im Hintergarten. „Die Werkstatt im Erdgeschoss wurde mit dem Tod meines Großvaters geschlossen. Mein Vater hatte seinen Meister nie gemacht und somit haben wir sie zu unserer ersten Wohnung umfunktioniert“, sagt Horst Schippmann. Was von der einstigen Werkstatt im Erdgeschoss geblieben ist, sind zwei Schustermaschinen aus längst vergessenen Tagen. „Die stehen jetzt in meiner Werkstatt. Sie haben zwar hier und da ihre Macken und manchmal ärgere ich mich darüber, aber sie erfüllen immer noch ihren Zweck“, so der fast 100-Jährige.

„Hoffentlich müssen die beiden Maschinen in Zukunft nicht bis zu ihrer Belastungsgrenze getrieben werden“, sagt Horst Schippmann schmunzelnd.

Das hofft wohl auch Kundin Ilona Kilian, müsste sie sich doch auf längere Wartezeiten einrichten: „Über zehn Jahre bringe ich Herrn Schippmann nun schon meine kaputten Schuhe und immer wieder kriegt er sie hin.“ Eine Bekannte habe ihr damals den Geheimtipp gegeben, dass es in Rostocks KTV einen Mann gibt, der von seinem Schuhhandwerk einfach nicht loslassen kann.

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Andreas Handke