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Rostock Ein Weltbürger zeigt seinen Witz
Mecklenburg Rostock Ein Weltbürger zeigt seinen Witz
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00:01 11.12.2017
„Alle seine Bücher inhaliere ich geradezu. Er bringt die russische Seele und den russischen Humor rüber.Christina Sahr, Rostock
Kröpeliner-Tor-Vorstadt

Raus aus der nasskalten Witterung, raus auch aus dem weihnachtlichen Trubel in der Rostocker Innenstadt und rein ins Audimax. Die Kulturbotschafter Events hatten als Veranstalter ihren Termin für die Wladimir-Kaminer-Lesung mit Bedacht und offenbar viel Diplomatie gewählt: Die Rostocker nutzen gern die kulturelle Ausweichmöglichkeit und retteten sich für einige Zeit in das nahezu ausverkaufte Audimax.

Wladimir Kaminer las am Sonnabend im fast ausverkauften Audimax in Rostock

Jürgen Holfort balancierte mit zwei Getränkebechern in Richtung Hörsaal und gab sich erwartungsvoll. „Ich bin ein echter Kaminer-Fan“, sagte der 56-Jährige. Kaminer und seine Geschichten „habe ich über seine Bücher kennengelernt“, auch „wenn ich heute nicht mehr die Titel nennen kann. Die Geschichten habe ich in Erinnerung.“ Da dürften nun nach der Lesung weitere abrufbar sein. Holfort mag an dem Schriftsteller, „dass er so einen schönen Blick von außen auf Deutschland hat.“

Aus einem kleinen Ort in der Nähe von Parchim sind Guido Bretzmann und seine Frau nach Rostock gekommen. Es ist die erste Lesung des russischen Schriftstellers, die er besucht. Dabei sind beide schon seit einiger Zeit Weggefährten. „Meine Frau hat mir von ihm Hörbücher mitgebracht“, sagt Bretzmann. „Die höre ich jetzt oft, wenn ich als Kundendienstmonteur über Land fahre.“ Dabei dürfte angesichts der mecklenburgischen Weiten die Wertschätzung Kaminers gewachsen sein: „Ich finde seinen Humor, verbunden mit seinem Akzent, einfach toll“, sagt Bretzmann. „Da kann man mal herzhaft lachen.“

Das dachte sich auch Brunhilde Wehrhahn. „Es darf auch einmal etwa Leichtes sein“, sagte sie. Die Rostockerin liebt Kaminer und seine ruhige Art und ist als ehemalige Russischlehrerin davon begeistert, wie schnell er Deutsch gelernt hat.

Auch Christina Sahr ist von Kaminers Stil begeistert: „Er achtet in seinen Geschichten auch auf die kleinen Dinge.“ Besonders schätzt sie, dass er „sujetmäßig so vielfältig ist“. Kaminer ist für sie ein Weltbürger. „Und das beeindruckt mich.“

Die Erwartungen wurden dann in der Lesung nicht enttäuscht und die Vorschusslorbeeren gab es mit voller Berechtigung. Kaminer, der sein Buch „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“ vorstellte, sorgte als sprachgewandter Schriftsteller und als Entertainer für einen entspannten und zugleich amüsanten Abend, zum Beispiel mit dem Thema Jakobsweg. Denn wie ist das heute mit dem Jakobsweg, „der trendigen Tourismusroute“, und wie war das in Russland? „In jedem Dorf stand ein Lenin-Denkmal, das uns die Richtung wies, dann haben wir gemerkt, es kommt nichts mehr und sind mit der Bahn nach Hause gefahren.“ So dokumentiert Kaminer sein Weltbürgertum und seine Erfahrungen. Die hat er auch mit seiner russischen Frau gemacht. Sie liebt Pflanzen und bringt sie aus aller Welt mit nach Hause, darunter dann schon einmal eine Plastikpflanze. Das könnte auch deutschen Frauen passieren – und so findet sich das Publikum immer in seinen Anekdoten. Weiter geht es um das Anhäufen von Haushaltstextilien und deren Schonung, um Feste, nach denen bei Aufräumarbeiten noch manchmal Gäste gefunden werden. Es war ein bunter Mix zum Lachen, aber auch zum Nachdenken – und immer wieder mit überraschenden Wendungen.

Michael Schißler

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