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Rostock Ernte-Endspurt – so früh wie noch nie
Mecklenburg Rostock Ernte-Endspurt – so früh wie noch nie
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00:00 30.07.2018
Marcel Holm (33) hat das Korn vom Feld in die Lagerhalle gefahren. Auf 45 Hektar Fläche hat der Agrarbetrieb Groß Grenz etwa 240 Tonnen Roggen geerntet. „Die Berge in der Halle waren sonst deutlich größer“, sagt Holm und lässt das Getreide durch die Finger rieseln. Quelle: Fotos: Doris Deutsch
Kassow

Die Ernte ist eingefahren. „So früh wie noch nie“, sagt Uwe Müller vom Agrarbetrieb Groß Grenz. Eigentlich sollten die Mähdrescher gestern noch ihre letzten Runden auf dem Roggenschlag in Kassow bei Schwaan drehen, doch wegen angesagten Unwetters mit Gewittern und Starkregen haben die Landwirte an den Tagen davor noch richtig rangeklotzt. „Sonnabend um 18 Uhr, kurz vor dem leider nur kleinen Regen, hatten wir den Roggen runter“, sagt der Ackerbau-Chef, der seine Mitarbeiter daraufhin in einen freien Sonntag geschickt hat.

In dieser Woche schließen die Bauern des Kreises die Getreideernte ab. Fast vier Wochen früher als üblich, mit heftigen Ertragseinbußen. Anhaltende Dürre bringt Landwirte in Existenznot.

Zwölf Stunden-Arbeitstage sind normal in der Ernte. Keine Wochenenden, kein Hitzefrei. „Das ist eben so“, winkt Marcel Holm (33) ab, der Korn und Stroh vom Feld abgefahren hat. Er lässt das Korn durch die Hände rieseln. Rund 240 Tonnen Roggen von 45 Hektar. „Die Berge in der Halle waren sonst deutlich größer“, sagt er.

„Wir arbeiten alle auf diesen Moment hin“, erklärt Betriebsleiterin Kathrin Naumann, „Bestellung, Pflanzenschutz, Düngung und dann diese Ernte.“ 972 Hektar Druschfläche hat der Groß Grenzer Agrarbetrieb, gut zwei Drittel sind mit Getreide bestellt, 295 Hektar mit Raps und 79 Hektar mit Erbsen. „Wir haben schon am 28. Juni mit der Ernte der Sommergerste begonnen, so früh wie noch nie, und sind nun mit allen Kulturen durch, vier Wochen früher als üblich“, beschreibt es die Landwirtin. Lediglich 40 Hektar Sommertriticale, Futtergetreide, stehen noch. „Die ernten wir vielleicht Ende der Woche“, kündigt Uwe Müller an.

Die Bauern sind frustriert: Ertragseinbußen von 30 bis 40 Prozent bei allen Kulturen. Existenzen sind bedroht. „Lagerhalle halb voll und Konto leer“, beschreibt Volker Bredenkamp, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Bad Doberan, die Situation. Er ist selbst Landwirt in Bastorf und hat am Wochenende seine Getreide- und Rapsernte abgeschlossen.

„Die meisten Betriebe werden in dieser Woche fertig“, ist Bredenkamp sicher. Und alle werden im dritten schlechten Erntejahr in Folge finanziell zu knapsen haben. „Es gibt wohl niemanden, der noch Reserven hat“, sagt der Bauernverbandschef. Rücklagen, die mancher Landwirt im Vorjahr noch hatte, dürften weg sein. Jetzt bleibe nur noch der Weg zur Bank: „Hoffen wir mal, dass die mitspielen.“

Denn auch die derzeit stark steigenden Getreidepreise werden an vielen Landwirten vorüberrauschen. Zur Preisabsicherung haben sie Vorverträge über die Lieferung eines großen Teils der Ernte abgeschlossen. „Fällt die Ernte, wie jetzt, deutlich geringer aus, bleibt kaum noch was für den freien Verkauf“, erläutert der Doberaner Bauernverbandschef.

Gerade die Vermarktung des Weizens werde eine große Hürde. Nicht nur die Erträge sind aufgrund der extremen Trockenheit niedrig, auch die Qualität hat gelitten. Der Proteingehalt des Getreides, der einen guten Brotweizen auszeichnet, sei zu gering. „Weil die Düngung, die dies verbessern kann, auch Regen braucht“, sagt Bredenkamp fast schon verzweifelt. Er spricht von „einem nationalen Notstand“, in dem die Politik eingreifen müsse.

Der Bauernverband fordert Instrumente zur Liquiditätssicherung. „Die Landwirte sollten steuerfreie Risiko-Rücklagen für schlechte Jahre bilden können“, erklärt Bredenkamp. Stattdessen würden die Bauern in guten Jahren zu Investitionen gezwungen, um die Steuerlast zu mindern. „Warum aber soll ich mir dann einen neuen Mähdrescher kaufen, wenn der alte noch gut ist“, fragt der Bastorfer Landwirt kopfschüttelnd.

Bredenkamp wird noch deutlicher: „Warum werden wir nicht durch Zölle geschützt?“ Beispielsweise auf ausländischen Raps, der in großen Mengen in der Ölmühle im Überseehafen verarbeitet werde. „Die Schiffsfracht ist für den Ölproduzenten günstiger als Lkw-Transporte innerhalb Deutschlands. Das ist nicht gesund“, betont der Bauer.

Der Agrarbetrieb Groß Grenz hat seinen Raps gleich zum Großhändler nach Schwaan geliefert. Gut ein Drittel weniger Ertrag als sonst. Was für ein Jahr? Mit gleich zwei Extremen hatten die Bauern zu kämpfen. „Die Bestellung litt unter extrem viel Wasser auf den Feldern“, sagt Kathrin Naumann, „und in der Wachstumsphase kam die extreme Trockenheit.“ Die Sommergerste habe von der Aussaat bis zur Ernte nur einen Regenschauer im Juni gesehen, pflichtet Kollege Bredenkamp bei: „Dieses Getreide musste ohne Regen auskommen, das habe ich in 30 Jahren Berufspraxis noch nicht erlebt.“

Und die Dürre hält weiter an. „Der Mais ist so trocken, der sieht aus wie Agaven“, fürchtet Naumann weitere Ernteverluste. Auch die Wiederbestellung der Felder sei beschwerlich. „Der Boden hat Sommerfrost, ist knüppelhart“, sagt die Landwirtin. Dennoch fahren ihre Kollegen heute wieder aufs Feld zum „Stoppelsturz“, zur Bearbeitung der abgeernteten Flächen. Es muss noch Stroh gepresst und gehäckselt, Kalk ausgebracht und das letzte Futtergetreide vom Halm geholt werden. „Ein Bauer gibt nicht einfach auf“, betont Verbandschef Bredenkamp.

Einbußen wirken sich auch auf andere Bereiche aus

Dritte schlechte Ernte in Folge bringt Landwirte in Not. Bei der Wintergerste gibt es dem Bauernverband MV zufolge Ertragsausfälle zwischen 30 und 50 Prozent. Die Erträge beim Raps liegen zwischen 15 und 35 Dezitonnen pro Hektar, beim Winterweizen zwischen 35 und 60 Dezitonnen. Agrarminister Till Backhaus (SPD) spricht von einem Mindererlös von 47 Millionen Euro. Als erste Hilfen des Landes nannte er das Stunden von Pachten und Steuern. Landesbauernpräsident Detlef Kurreck verweist darauf, dass die Ernte-

einbußen Auswirkungen auf viele Bereiche haben werden, so auf Landtechniksektor und Bauwirtschaft. Kurreck rechnet damit, dass die Bauern die Viehbestände reduzieren, weil auch Futter knapp ist.

Doris Deutsch

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