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Rostock Fernwärme-Zwang: Hausbesitzer fühlen sich ausgeliefert
Mecklenburg Rostock Fernwärme-Zwang: Hausbesitzer fühlen sich ausgeliefert
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00:00 29.08.2015
Tiefbauer legen die Fernwärmeleitung für das Technologiezentrum in Warnemünde. Quelle: Fotos: Ove Arscholl (2), Thomas Niebuhr
Stadtmitte

Dirk Pfarrius akzeptiert die Rostocker Regeln. Aber nur widerwillig. Der Hamburger besitzt ein Mehrfamilienhaus in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt und wollte die in die Jahre gekommene Gasheizung erneuern. Nein, sagte die Stadt. Pfarrius muss das Haus an das Fernwärmenetz anschließen. Das legt seit 2007 eine Satzung fest. Experten rechnen damit, dass die Diskussionen darüber in nächster Zeit zunehmen.

Der Fern- wärmepreis ist mit dem Gas- preis nicht vergleichbar. Das geht nur mit der Vollkostenrechnung.“Thomas Schneider, Stadtwerke
Der Fern- wärmepreis ist mit dem Gas- preis nicht vergleichbar. Das geht nur mit der Vollkostenrechnung.“Thomas Schneider, Stadtwerke

„Alles, was vor 20 Jahren eingebaut wurde , muss erneut werden“, sagt Wolfgang Hasselfeldt von Haus und Grund. Beim Zwang zur Fernwärme hätten die Mitglieder des Rostocker Eigentümervereins „große Bauchschmerzen“ — auch mit Blick auf höhere Betriebskosten für die Mieter. „Das müsste mal richtig durchgeklagt werden.“ Um Rechtssicherheit zu bekommen.

Dirk Pfarrius verzichtet darauf. Aber: „Ich fühle mich der Stadt ausgeliefert.“ Er wollte sich vom Anschlusszwang befreien lassen. Das wäre aber nur mit einer sehr schadstoffarmen Heizung oder der Nutzung von regenerativen Energien gegangen. „Es lagen keine sachlichen Gründe vor, die eine Befreiung rechtfertigen würden“, teilt Brigitte Preuß, Leiterin des Umweltamts, mit.

Brigitte Preuß verweist auf Klimaschutz und Luftreinhaltung als Grund für die Satzung. Pro Kilowattstunde erzeugter Wärme würden nur 130 Gramm Kohlendioxid freigesetzt, halb so viel wie bei einer Gasheizung. Dirk Pfarrius zweifelt angesichts moderner Heizungen am ökologischen Nutzen. Der Anschlusszwang habe ein „Geschmäckle“, sagt Horst-Ulrich Frank, Energie-Experte der Verbraucherzentrale.

In Ballungsräumen mache Fernwärme, je nachdem wie sie produziert wird, aber sehr wohl Sinn. „Der Knackpunkt ist der Preis“, so Frank. Mit seinem Widerspruch möchte sich Dirk Pfarrius auch schützend vor seine Mieter stellen. Er als Vermieter gebe die Kosten ja nur weiter, und die Hausbewohner müssten mehr zahlen. Kai-Uwe Glause, Rechtsberater beim Mieterverein, bestätigt das. „Es ist ein Ärgernis, als Mieter hat man keine Chance.“ Je nach Vertragsart liegen die Kosten grob um ein Drittel höher.

Stadtwerke-Sprecher Thomas Schneider widerspricht. „Der Fernwärmepreis ist mit dem Gaspreis nicht vergleichbar.“ Bei der Fernwärme handele es sich um ein gebrauchsfertiges Produkt, während der Gaspreis der reine Brennstoffpreis ist. Ein Vergleich sei „nur über eine Vollkostenrechnung möglich“. Hausbesitzer würden sich auch ohne Zwang für Fernwärme entscheiden, so Schneider. Zwischen 2011 und 2015 stieg die Zahl der Anschlüsse um 16,4 Prozent.

„Der Fernwärmepreis ist in den letzten Jahren stark gesunken“, erklärt Thomas Schneider. Die Rostocker Stadtwerke gehören jedoch zu den sieben deutschen Unternehmen, deren Fernwärme-Preis das Bundeskartellamt seit 2013 untersucht. Das Verfahren laufe noch, erklärte ein Sprecher.

Das Monopol der Stadtwerke und die fehlende Möglichkeit aus mehreren Anbietern zu wählen sehen Verbraucherzentrale , Eigentümer und Mieterverein als das zentrale Probleme. Die Fernwärme sei für die Stadt Rostock so etwas wie eine Gelddruckmaschine, so Dirk Pfarrius. Umweltsenator Holger Matthäus (Grüne) räumt freimütig ein, dass mit der Satzung neben dem ökologischen Aspekt ein weiterer von Bedeutung sei. Die Gewinne, die die zum großen Teil kommunalen Stadtwerke erzielen, könnten für andere Dinge in der Stadt eingesetzt werden.

Satzung von 2007

Die Fernwärmesatzung legt seit 2007 die Gebiete in den Rostocker Stadtteilen fest, für die ein Anschlusszwang gilt, beispielsweise wenn eine Heizungsanlage erneuert oder ersetzt werden soll. Eine Befreiung ist bis maximal Ende 2022 unter anderem möglich, wenn Wärme besonders schadstoffarm oder zu einem großen Teil mit regenerativen Energien produziert wird. Etwa 63 Prozent aller Objekte in Rostock werden laut Stadtwerke mit Fernwärme versorgt; das Leitungsnetz ist etwa 400 Kilometer lang. Erzeugt wird die Wärme überwiegend im Gas- und Dampfturbinenkraftwerk der Stadtwerke in Marienehe. Brennstoff dort ist Erdgas.

Thomas Niebuhr

Die Stadt verteidigt den Anschlusszwang aus ökologischen Gründen. Kritiker bemängeln Monopol und höheren Preis. Der sei mit Gas nicht vergleichbar, so die Stadtwerke.

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