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Fit mit Büchern, Kaffee und Rollator

Von rüstigen Hundertjährigen, die noch gut ihren Alltag meistern Fit mit Büchern, Kaffee und Rollator

Mehr als 200 Menschen in MV sind 100 Jahre und älter. Margarete Fritz und Ruth Lauff gehören nun auch dazu.

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Weit gekommen bin ich nicht“, sagt Margarete Fritz. In Prangendorf geboren und zur Schule gegangen, sei sie später in Rostock als Haushaltshilfe „in Stellung“ gewesen. Nach der Hochzeit mit Hermann (1940) habe sie zunächst in Prangendorf und dann mit Familie in Cammin gewohnt. Bis 2005, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, da zog sie nach Tessin ins Betreute Wohnen. Hier habe sie zwei Zimmer mit Bad und Küche, „es lebt sich gut hier“, sagt Margarete Fritz, die am 27. Januar ihren 100. Geburtstag gefeiert hat.

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Mehr als 200 Menschen in MV sind 100 Jahre und älter. Margarete Fritz und Ruth Lauff gehören nun auch dazu.

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Die ganze Familie war da, ihre vier Kinder mit Anhang, acht Enkel und zwölf Urenkel. „Die kleinste ist elf Wochen alt und die älteste 32 Jahre“, freut sich die Uroma über den Nachwuchs. Sie wollte ja gar nicht 100 werden, sagt Margarete Fritz, „nur älter als Lisbeth“, ihre Schwester, die noch den 90. erlebte. „Das habe ich geschafft, und nun denke ich in Jahresschritten“, erzählt sie ganz munter. Mehrmals am Tag schauen Pflegeschwestern vorbei, helfen bei Körperpflege, bringen Essen oder holen sie ab, zum Spielenachmittag im Tessinum. Die 100-Jährige kloppt gern Skat. „Früher habe ich die Karten geschmissen, wenn es nicht lief, jetzt bin ich ruhiger“, sagt sie schmunzelnd. Beim Rommé am Dienstag hat sie wieder abgeräumt. „Klar gewonnen“, erzählt sie mit schelmischem Blick. Auch wenn die Finger nicht mehr richtig mitmachen wollen, „da halten die Schwestern die Karten und ich gebe gute Tipps“. An das Hörgerät hat sie sich gewöhnt und mit der Lesebrille kann sie wenigstens Kreuzworträtsel lösen. Denn: „Das mache ich immer noch.“

„Mutti wäre gern weiter zur Schule gegangen, wollte eine Lehre machen“, verrät Tochter Anne Pasedag (65). Doch es waren Kriegszeiten, die Familie hatte andere Sorgen. Mit Büchern hat Margarete Fritz ihren Wort- und Kenntnisstand stetig erweitert. „Ich habe gern gelesen“, sagt sie, auch Plattdeutsches. Viele Gedichte sitzen noch: „Lütt Matten de Has“, damit sind Kinder und Enkel groß geworden.

Sie hat genäht, gestickt, gehäkelt und gestrickt. Mit Viehhaltung hat sich die Familie selbst versorgt und durch den Verkauf von Schweinefleisch, Hühnern, Enten ihr Budget aufgebessert. Jedes Jahr war Margarete Fritz auf dem Acker: Rüben hacken und Kartoffeln sammeln. Bescheiden und arbeitsreich waren die meisten ihrer 100 Lebensjahre. Aber sie blicke zufrieden zurück, sagt die Jubilarin.

Täglich dreht sie mit dem Rollator ihre Runden, durch die Wohnung und wenigstens einmal auf dem langen Hausflur. Früher sei sie viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, bis die Kinder sie nicht mehr ließen. Auto sei sie selbst nie gefahren, aber Pferdekutsche: „Meine Eltern hatten eine schöne gelbe Kutsche“, erinnert sie sich. Und dann fällt ihr ein, dass sie doch weiter gekommen ist, nach Schwedt zur Tochter und nach Luckenwalde zur Hochzeit ihres Jüngsten – „das war die weiteste Reise“, sagt Margarete Fritz.

A us dem Haus zieht sie nicht mehr aus und „fremde Leute“ kommen nicht rein. Damit erteilt Ruth Lauff jedem Pflegedienst eine Absage. Ihren Kaffee kocht sie sich jeden Morgen selbst – „türkisch“, wie sie ihn am liebsten mag. Ums Essen kümmern sich ihre drei Kinder, immer abwechselnd, wobei Tochter Roswitha aus Tessin den Löwenanteil übernimmt. „Ich bin freischaffende Künstlerin“, sagt die Hundertjährige und grinst. Ihr Tag beginne, „wenn es mir passt, sonst bleib ich morgens liegen“. Mit Fernsehen und Lesen vertreibt sie sich meist die Zeit. Zum 100. Geburtstag am 28. Januar hat sie die Autobiografie von Gregor Gysi bekommen. „Der Mann ist gut, aber nicht in der richtigen Partei“, erklärt sie: „Und das Buch ist so schwer.“ Vom Gewicht.

Ruth Lauff hat die Gusche auf dem richtigen Fleck, sprachgewandt erzählt sie ihre Geschichte. Mit Vater und Schwester ist sie im Januar 1945 aus dem westpreußischen Bauerndorf Hohensee geflüchtet.

Nach Stormsdorf, wo sie bei einer Familie unterkamen und sich beim Bauern als Erntehelfer verdingt haben. Hier lernt Ruth ihren Mann kennen, Albert Lauff, mit dem sie 1952 in Gnewitz ein Haus kauft und als Neusiedler startet. Eine kleine Bauernwirtschaft führt das Paar mit seinen drei Kindern. Bis 1961, als sie in die LPG eintreten mussten. Von da an habe sie auf dem Feld und in der Kartoffelhalle gearbeitet. „Das war eine Schinderei“, schimpft Ruth Lauff.

Mit ihrer Meinung hat sie nie hinterm Berg gehalten. Damit das Dorf endlich fließend Wasser bekommt, hat sie an den damaligen DDR-Präsidenten, Wilhelm Pieck, geschrieben. „Oh, das gab Ärger“, erzählt sie, „der Bürgermeister fühlte sich übergangen. Aber das Wasser kam.“ Ihr Albert ist 2005, 79-jährig, gestorben. Doch sie bleibt auf dem riesigen Grundstück, das die Kinder nun pflegen. Bis vor einigen Jahren habe sie noch selbst den Garten bewirtschaftet. „Aber in letzter Zeit habe ich gestreikt“, sagt sie augenzwinkernd. „Ja, man wird alt“. Das halbe Leben habe sie auf dem Fahrrad zugebracht, „bis die Kinder mir das weggenommen haben“. Nun spaziert sie mit Stock und Rollator übers Gehöft. Die Brille braucht sie nach einer Laseroperation nicht mehr. „Wissen Sie, ich lese viel!

Als Rentnerin habe ich mich durch alle Bibliotheken durchgelesen“, erzählt sie stolz. Schwager Fritz, er war Lehrer in der alten Heimat, gab ihr als Kind Privatunterricht und weckte die Leidenschaft fürs Lesen. Weit gereist ist die Gnewitzerin nicht. Einige Westbesuche und von der LPG aus nach Jalta auf der Krim. Nach der Wende hat sie Tochter und Schwiegersohn sechs Wochen in Nigeria besucht.

„In Afrika muss man mal gewesen sein“, sagt sie, „aber das Unrecht da, zwischen Arm und Reich, das hat mich verrückt gemacht.“ Zu Hause pflegt Ruth Lauff eine gute Nachbarschaft. Alle haben ein Auge auf die Hundertjährige und sie zum Jubiläum mit Blumen und Geschenken überrascht. Doris Deutsch

Doris Deutsch

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