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Rostock Glatter Aal Rostock: Archäologen buddeln spannende Schätze aus
Mecklenburg Rostock Glatter Aal Rostock: Archäologen buddeln spannende Schätze aus
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06:00 01.03.2019
Bei ihren Grabungen auf dem Quartier am Glatten Aal haben die Archäologen um Peter Kaute spannende Fundstücke ans Tageslicht geholt. Quelle: Ralf Mulsow
Stadtmitte

Als Hauptspeise gibt’s gebratenen Schwan, vorweg ein Teller Austern und hinterher paffen die Herren ein gepflegtes Tabakspfeifchen. So oder so ähnlich muss es wohl in dem Wirtshaus zugegangen sein, das einst am Glatten Aal von Rostock stand. Darauf deutet Funde hin, die aus zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts stammen und die Archäologen fast 250 Jahre später aus dem Erdreich geborgen haben. Schwanen- und Storchknochen, Muschelschalen, Weinbergschneckenhäuser, Tonpfeifen, dazu Teller, Gläser und Kochgeschirr haben Wissenschaftler im vergangenen Jahr an der Kistenmacherstraße ausgraben können.

Heute gilt das Quartier am Glatten Aal als Filetgrundstück in Rostocks City. Doch schon vor mehreren Jahrhunderten habe dieser gut 2800 Quadratmeter große Flecken zu den besseren Adressen der Stadt gezählt, sagt Peter Kaute vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege MV. „Es war eine durchaus gute Gegend, wenn auch nicht 1A-Lage.“ Für ihn und sein Grabungsteam hat sich das Areal als überraschend reiche Fundgrube erwiesen. Dort, wo die Randalswood-Gruppe gerade Luxus-Appartements bauen lässt, haben die Archäologen vor der Grundsteinlegung für das Hanse-Karree etliche Schätze zutage gefördert, die Einblicke ins alltägliche Leben der vergangenen 750 Jahren erlauben.

Diese geschichtsträchtigen Artefakte haben die Archäologen im Erdreich vom Quartier Glatter Aal in Rostock entdeckt.

Zu den sehenswertesten Funden gehört ein halbrund geschliffener Bergkristall. Der Lesestein gelte als ein Vorläufer der Brille und sei einst auf Schriftstücke gelegt worden, um Buchstaben zu vergrößern, erklärt Peter Kaute. Die Mittelalterlupe haben die Altertumsforscher in einer der vielen Latrinen entdeckt, die sie auf dem Glatten Aal freilegten. Der Kristall war wohl ebenso versehentlich in der Fäkaliengrube versenkt worden wie ein Schmuckstück aus Bernstein, das Kaute und seine Leute ausbuddelten. „So etwas in einer Latrine zu verlieren, ist wirklich bitter“, sagt der Archäologe und schmunzelt. Was für den ursprünglichen Besitzer buchstäblich ein Griff ins Klo gewesen sein muss, ist für Kaute ein echter Glücksgriff und Beweis, dass mittelalterliche Kloaken zurecht als „Schatzkammern der Archäologen“ gelten.

Noch bevor auf dem Glatten Aal die ersten Latrinen gebaut wurden, durchzog ein fast vier Meter tiefer Graben das Areal. Ihn werten die Wissenschaftler als Nachweis der ältesten Stadtbefestigungsanlage an der Westseite der Rostocker Mittelstadt. Als diese sich im Jahr 1265 rechtlich mit der Alt- und Neustadt zusammenschloss, wurde der Graben überflüssig. Um Bauland zu gewinnen, sei er verfüllt worden, erklärt Kaute. Und das nicht nur mit schnöder Erde. Blinker, Armbrustbolzen, Reitersporen, Hohlpfennige, Messergriffe, Lederstücke und Keramiken – Gegenstände, die kurz vor dem Beginn des Hochmittelalters zum Alltag gehörten, haben die Archäologen im Sediment gefunden.

Zum Wohnquartier entwickelte sich der Glatte Aal ab den 1270er Jahren. Grundstücke wurden abgeteilt, mit Wohnhäusern und Werkstätten aus Holz und später Stein bebaut. Hier ließen sich auch jene nieder, die es öfter auf Reisen zog: Die Archäologen fanden etliche Pilgerzeichen aus verschiedenen Städten Europas. Die geprägten Plaketten seien zur damaligen Zeit ein beliebtes Mitbringsel gewesen, das sich die Reisenden an Hut oder Tasche pinnten, erläutert Kaute. „Heute kleben wir uns einen Elch-Sticker ans Auto, wenn wir in Schweden waren“.

Zeitreise

750 Jahre Rostocker Stadtgeschichte spiegeln die Fundstücke wieder, die Archäologen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege MV in der Zeit von September 2017 bis Januar 2018 auf dem Quartier am Glatten Aal ausgruben. Dabei entdeckten sie auch einen Grenzgraben, der bis 1265 Teil der ältesten Stadtbefestigungsanlage an der Westseite der Rostocker Mittelstadt gewesen sein soll.

Aufschluss darüber, aus welchen Ländern Rostocker einst Stoffe für ihre Kleider importierten, geben die Warenplomben, die Kaute und seine Leute bei ihren Grabungen fanden. Die siegelartigen Taler stammen aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und waren als Qualitätsnachweis an Textilien angebracht. Gute Ware ließen sich gut betuchte Hansestädter offenbar auch gern mal etwas mehr kosten: Denn eine der gefundenen Plomben stammt aus Tournai in Flandern, ein im Mittelalter bedeutendes Zentrum des Textilhandels. „Wer sich von dort Tuch hat kommen lassen, war nicht gerade arm“, sagt Kaute.

Verträgen aller Art drückten frühere Glatte-Aal-Bewohner ihren persönlichen Stempel auf. Mit einer Petschaft, einem individuell geprägten Siegelstock, wurden Rechtsgeschäfte abgeschlossen. Ein Exemplar aus dem 14. Jahrhundert entdeckten die Forscher in einer Latrine. Ein beliebter und cleverer Weg, ausgediente Petschaften loszuwerden, erklärt Peter Kaute. „Damit sollte schließlich kein anderer Schindluder betrieben können.“ Eine Petschaft im Hausmüll zu entsorgen, wäre „als ob ich meine EC-Karte mit draufgeschriebener Geheimnummer offen hinlege“. Aber wer durchwühlt schon gern Fäkalien?

Die Archäologen des Landesamtes Landesamt für Kultur und Denkmalpflege gingen den mittelalterlichen Klo-Gruben hingegen gern auf den Grund. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern. Bevor Kaute und sein Team auf dem Glatten Aal loslegen durften, war an gleicher Stelle eine Privatfirma am Werk, die der Bauherr mit Grabungen beauftragt hatte. „Die war allerdings nicht sehr fachmännisch“, meint Rostocks Stadtarchäologe Ralf Mulsow. „Sie haben an der Oberfläche gekratzt. Wir aber wollten bis ins 13. Jahrhundert vordringen.“ Das ist gelungen. Für so viel Tiefgang wurden die Altertumsforscher mit Schätzen „in unglaublicher Anzahl“, freut sich Peter Kaute. Alles, was die Archäologen ans Tageslicht holen konnten, liegt inzwischen gut verwahrt im Fundmagazin in Schwerin.

Was Archäologen auf dem Areal des heutigen Rostocker Kaufhofs fanden, lesen Sie unter

http://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Rostock/Kuriose-Fundstuecke-Uni-Rostock-zeigt-Schaetze-aus-dem-Mittelalter

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