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Rostock Haarschnitt in opulenter Kulisse
Mecklenburg Rostock Haarschnitt in opulenter Kulisse
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00:00 08.03.2013
Enrico Müller schneidet nur, wenn die Kunden stehen. Angela Kleinpeter aus Krakow am See genießt diese Philosophie, zu der auch gehört, ohne Spiegel zu arbeiten. Quelle: Claudia Tupeit
Bülow

In einem Sessel in Leopardenoptik thront Angela Kleinpeter. Sie nippt am Sekt und beobachtet das Treiben um sie herum: plaudernde Damen und Herren am Kaminfeuer zum Beispiel. Um den Körper trägt die 64-Jährige das, was in dem Haus unbedingt jede Frau anhaben sollte: einen schwarzen Umhang mit Bindegürtel. Das Nonplusultra — nicht modisch gesehen, aber auf jeden Fall gut, um Farbklecksen zu entgehen.

Die Dame aus Krakow am See gastiert nicht etwa auf einer feinen Nachmittagsgesellschaft im Bülower Gutshaus. Sie wartet auf einen Haarschnitt. Von Enrico Müller, Friseur und Visagist, der tageweise zu den Kunden kommt. „Das ist mein Konzept. In New York wurde ich dazu inspiriert“, sagt der 38-Jährige. Durch ganz Deutschland reist er mit seinen Kollegen Andreas Jünger, Farbexperte, und Petra Jaschinski, „die Filigrane für Strähnchentechnik“. In Kosmetikstudios oder Boutiquen wird geschnitten, gefärbt, geföhnt. „Und beraten“, sagt Enrico Müller, dessen Unternehmen „Ricovisage“ heißt. Drei Wochen arbeitet er ununterbrochen, dann verbringt er drei Wochen in Los Angeles bei seinem Partner. Sein Lebensrhythmus hat ihm auf zwei Flugmeilenkonten je 360 000 Punkte eingebracht.

In Bülow bei Gutow ist er ein bisschen sesshaft geworden. In dieses Gutshaus, dessen Einrichtung an die Zeit von Sonnenkönig Ludwig erinnert, kommt er etwa einmal pro Monat für ein paar Tage. „Ich habe das Haus 2005 gesehen und sofort gekauft“, erzählt der hochgewachsene Mann. Schritt für Schritt sei jedes Zimmer entstanden, inklusive Wände-Rausreißen und Leitungen-Verlegen, teilweise übernahm er das in mehreren Tagen und Nächten selbst.

Resultat: eine Spielwiese, fernab vom Friseursalon-Schick. Damen mit zum Turban gewickelten Handtüchern sitzen auf Sofas und kosten Getränke aus edlem Porzellan. Kerzen flackern, es duftet nach Kuchen. Im Eingangsbereich erklärt Andreas Jünger wie so oft einer Kundin den Weg. „Es gibt den Ort nämlich zweimal mit der gleichen Postleitzahl“, erklärt er. Dann geht der 32-Jährige zu Enrico Müllers Bereich. „Ich brauche ein Drittel fünf N, einen Schuss vier N“, sagt der Figaro und schickt Jünger zum Farbemischen. „Darin ist er Profi“, so Müller. Und im Kochen. Fürs Gutshausteam, zu dem auch zwei Kosmetikerinnen aus Dresden beziehungsweise Alsfeld in Hessen zählen, bereitet er abends Hausmannskost zu.

Die nächste Kundin stellt sich vor Müller hin. Marta Kosztolanyi kommt aus Schwerin. „Ich bin beeindruckt“, erzählt die Sängerin vom Staatstheater. „Einen Wunsch hast du frei, Frau Kosztolanyi. Den Rest übernehme ich“, sagt der gebürtige Sachsen-Anhaltiner. Er duzt die Kundschaft, nennt sie aber beim Nachnamen. „Die Haare müssen lang bleiben“, sagt die Kundin. Ansonsten vertraue sie ihm.

Dann ist Angela Kleinpeter dran. Ihr Wunsch: „Etwas kürzer.“ Den Rest entscheidet er, schlägt vor, setzt um. „Ich habe ja meine Vorstellungen, sobald jemand durch die Tür kommt“, sagt der Vater eines 20-jährigen Sohns. Aber nie würde er einer introvertierten Person einen auffallenden Kurzhaarschnitt verpassen. Dann setzt er die Schere bei Angela Kleinpeter an. Sie steht, er steht — seine Philosophie. „Das ist für meinen Rücken besser“, sagt er und lacht. „Und nur so habe ich den besten Blick für den perfekten Schnitt.“ Um ihn herum violett-angestrichene Wände, ein kleiner Brunnen und Hund „Justin“, der zu seinem Bett tapst. Fehlen nur noch: Spiegel. „Ich habe kaum welche“, sagt Müller. Mehr Überraschung beim Kunden.

Seine Mama kommt um die Ecke. Alle winken ihr zu. Sie ist genau so eine Institution wie ihr Sohn. Sie betüttelt ihn. Mixt ihm einen Erdbeer-Eiweiß-Shake für die Muskeln. „Ich habe 30 Kilo zugenommen.

Mein früherer Stil, das war nicht ich“, erzählt Müller, der bei Promi-Friseur Udo Walz Lehrausbilder gewesen ist. Mama Sigrid Rolke ist sichtlich stolz auf ihren erfolgreichen Sohn. „Er liebt Haare über alles, wollte immer Friseur werden“, verrät sie und wirft eine Strähne hinters Ohr. Die Frisur? „Von Enrico natürlich!“

Claudia Tupeit

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