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Rostock „Wer trauert, darf trotzdem lachen!“
Mecklenburg Rostock „Wer trauert, darf trotzdem lachen!“
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11:37 01.12.2018
Madlen Grolle Döhring (l.) und Lea Puchert vom Ambulanten Kinderhospizdienst OSKAR Quelle: privat
Rostock

Ein Lachen dringt auf den Flur. Wer diesen zum ersten Mal betritt und weiß, was geradezu hinter der Tür stattfindet, den überrascht die Heiterkeit. Im buntgeschmückten Gruppenraum packt eine Handvoll Kinder harten Tobak aus. Es geht um nichts Geringeres als um Leben und Tod. Die fünf, die hier beisammensitzen, haben alle einen geliebten Menschen verloren, müssen den viel zu frühen Tod von Mama oder Papa verkraften. „Wer trauert, darf trotzdem lachen!“, sagt Madlen Grolle-Döhring. Gemeinsam mit Rebecca Hoch leitet die Diplom-Pädagogin die „Begegnungszeit“. Die Kindertrauergruppe ist ein Angebot des Ökumenischen Ambulanten Kinderhospiz- und Familienbegleitdienstes „Oskar“. Wobei es das Wort Trauergruppe eigentlich nicht recht treffe, findet Madlen Grolle-Döhring. „Bei uns ist es nicht so traurig, wie es klingt. Uns geht es ums Leben, darum, Lebendigkeit zu spüren und Mut zu fassen.“ Dabei können Sie, liebe Leser, den Kindern helfen. Mit der OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ sammeln wir bis Heiligabend Spenden für „Oskar“.

Der Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst, den Grolle-Döhring mit Lea Puchert führt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien, denen der schmerzhafte Abschied von einem schwer erkrankten Angehörigen bevorsteht, zur Seite zu stehen. Die Kindertrauergruppe „Begegnungszeit“ richtet sich an diejenigen, die einen solchen Schicksalsschlag bereits erleben mussten. Jeden zweiten Montag trifft sich die kleine Runde dort, wo die ambulante Behindertenhilfe der Caritas ihr Zuhause hat, im Brunnenhof. Hier tauschen die Kinder zwei Stunden lang ihre Verlusterfahrungen aus. Miteinander reden, schweigen, weinen und – ja, auch lachen, das tut gut. „Die Kinder merken, dass sie nicht alleine sind, dass andere Ähnliches durchmachen müssen“, erklärt Madlen Grolle-Döhring. Die ausgebildete Trauerbegleiterin hilft den Mädchen und Jungs dabei, Gefühle zuzulassen, sie zu benennen und zu reflektieren. Jedes Kind soll seinen eigenen Trauerweg finden. Das gelingt mit Gesprächen, Ritualen und kreativen Projekten. Zum Beispiel einem Steckbrief. „Was war Papas Lieblingsessen?“, „Welche Augenfarbe hatte Mama?“, „In welchen Situationen waren wir zusammen glücklich?“ und „Wie stelle ich mir ein Leben ohne diesen Menschen vor?“ – Fragen wie diese sollen die Kinder ganz konkret beantworten. Erinnerungen an Kuschelstunden mit dem Verstorbenen teilen sie ebenso miteinander wie die an Streitereien. „Wir schaffen damit Ankerplätze in einem Meer von Gefühlen“, erklärt Madlen Grolle-Döhring.

Traurigkeit zulassen, ohne von ihr hinfort geschwemmt zu werden, das kostet Kraft und verlangt nicht nur den Betroffenen viel ab. „Wenn die Kinder auspacken, nimmt mir das auch manchmal den Atem“, gesteht Madlen Grolle-Döhring. Und dennoch stimme sie die Arbeit keinesfalls wehmütig. „Ich habe richtig Lust darauf.“ Für die zweifache Mutter ist die Trauergruppe ein Herzensprojekt. Was in ihren Schützlingen vorgeht, kann sie gut nachfühlen. Die gebürtige Thüringerin hat selbst in ihrer Jugend ihren Bruder verloren. Weil sie die Themen Tod und Sterben auch während ihres Studiums begleiteten, bewarb sie sich anschließend um die Leitung des Kinderhospizdienstes, die sie vor sieben Jahren übernahm. Vor vier Jahren rief sie mit Rebecca Hoch die Trauergruppe ins Leben, weil es ein solches Angebot für Kinder bis dato so nicht gab. Dabei sei es dringend nötig. „Was wir hier machen, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Bedarf ist viel größer, als wir abdecken können.“ Mehr als sechs Schützlinge könnten sie und ihre Kollegin Rebecca Hoch nicht in die Trauergruppe aufnehmen. „Wir bauen zu den Kindern eine Verbindung auf. Das gelingt nur, wenn wir uns Zeit für den Einzelnen nehmen.“

Wut, Verzweiflung, Erinnerungen an schöne Momente und Freude über Erlebtes – Trauer kennt viele Gesichter. Und jedes davon wollen sie in der Gruppe gemeinsam anschauen. „Keine heimlichen Tränen mehr. Wir halten das zusammen aus“, sagt Madlen Grolle-Döhring. Dass die Kinder in der Gruppe ihren Schmerz frei äußern können, sei wichtig. „Aber man darf bei uns auch fröhlich und albern sein und braucht sich dafür nicht schuldig fühlen.“ Im Gegenteil. Lachen gehört zum Leben und hilft, trotz – oder gerade in – aller Trauer, nach vorne zu schauen.

Tod, Tabus und Tröstendes

Der Ökumenische Ambulante Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst „Oskar“ ist ein Angebot der Diakonie Stadtmission und der Caritas Rostock. Sein Anliegen ist es, Familien mit schwer erkrankten Kindern sowie Abschied nehmenden Kindern in ihrem schwierigen Alltag zur Seite zu stehen. Die Begleitung übernehmen speziell dafür ausgebildete Ehrenamtler. In der TrauergruppeBegegnungszeit“ helfen sie Kindern dabei, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten. Das Projekt „Hospiz und Schule“ richtet sich an Schüler von der 1. bis zur 12. Klasse sowie deren Lehrer und Schulsozialarbeiter. Es soll Tabuthemen wie Krankheit und Tod ihren Schrecken nehmen. Dafür werden bei Gesprächsrunden und Exkursionen Verlusterfahrungen und Gedanken zu Trauer und Trost ausgetauscht.

Kontakt: 0381/ 40310202; kinderhospiz@rostocker-stadtmission.de

Das Spendenkonto

Helfen bringt Freude: Bitte spenden Sie auf das Konto des Kinderhospizdienstes „Oskar“ (IBAN: DE45 1305 0000 0202 2222 33) bei der Ostseesparkasse unter dem Verwendungszweck „Spende: OZ-Weihnachtsaktion“. Alle Spender erhalten bei Bedarf eine Spendenquittung und werden in der OZ veröffentlicht. Sollten Sie eine Veröffentlichung nicht wünschen, vermerken Sie dies bitte auf der Überweisung.

Bei der jüngsten „Helfen bringt Freude“-Aktion hatten OZ-Leser mehr als 60000 Euro gespendet. Das Geld ging an die Rostocker Tafel, die damit einen neuen Kühltransporter und den Aufbau einer neuen Ausgabestelle in der Südstadt finanzieren konnte.

Antje Bernstein