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Rostock „Jedermann war beim Stapellauf dabei“
Mecklenburg Rostock „Jedermann war beim Stapellauf dabei“
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23:44 23.02.2018

. Riesige Schiffbauhallen und Großkräne prägen heute die Stadtbilder von Wismar und Warnemünde. Bis zur Mitte der 90er Jahre waren es die Kabelkrananlagen, die die Helligen überspannten und beide Hansestädte unverwechselbar machten. Ruth Bley war nach ihrem Studium an der Seefahrtschule in Warnemünde von 1976 an als Konstrukteurin im Rohrleitungsbau der Warnow Werft tätig, leitete 13 Jahre lang den Konstruktionsmodellbau. Der letzte Stapellauf von der dortigen Helling fand am 30. Juni 1995 statt.

Gleich danach wurden die ersten Laufkatzen der Anlage demontiert. Ein Moment der Wehmut für viele Rostocker, stand die Kabelkrananlage doch für ein deutliches Stückchen Schiffbaugeschichte. Die nun folgenden Schiffe wurden im Dock gebaut. Bereits am 1. August 1995 fand die erste Kiellegung in der Baugrube statt – für ein Containerschiff des Typs Warnow CV 2600; wie der Name sagt, ein „Container Vessel“ mit 2600 Container-Stellplätzen.

„Dafür musste eine völlig neue Technologie erarbeitet werden“, schreibt Ruth Bley. „Es war für uns alle Neuland, und manch Rohrstutzen auf der Tankdecke, Funktionsblöcke oder Fundamente mussten anders gestaltet werden.“ Das Team aus erfahrenen Kollegen – Konstrukteure, Technologen und Fachleute aus Erprobung und Montage – lernte schnell. „Für die folgenden Schiffe konnten die Module immer umfangreicher vorgefertigt werden“, erinnert sich Ruth Bley. „Die damalige Bautechnologie war beispielgebend – und Basis für weitere Entwicklungen.“

Dass nicht alles immer nur rund lief auf den Werften und in der sozialistischen Produktion, daran erinnert Feinblechschlosser Henry Glaß. Er arbeitete ab 1984 auf der Rostocker Neptunwerft. „Meine Arbeit bestand aus der Verblechung von Kesseln, Abgasleitungen und anderen Anlagen auf den Schiffen“, schreibt er. Gar nicht selten mussten seine Kollegen und er die Bleche per Hand an Bord wuchten. Immer dann, wenn der Kran mal wieder defekt war und trotzdem der Volkswirtschaftsplan erfüllt werden musste. „Eines Tages kam unser Meister an Bord, mit ernstem Gesicht“, erinnert sich Henry Glaß, „und kommandierte: ,So Jungs, alles, was ihr die letzten drei Tage an Blech verbaut habt, baut ihr sofort wieder ab!’.“ Damals hätten sich alle Kollegen nur verwundert angesehen, immerhin war die Arbeit gut gelaufen. Die Antwort auf die Frage nach dem Grund war umso verwunderlicher: „Plan-Über-Erfüllung!“ Im Prinzip nicht schlecht, doch es war viel zu viel Blech im laufenden Monat verbraucht worden. Henry Glaß zitiert seinen Meister: „Das Blech muss sofort runter! Egal wie! Und wenn ihr dafür Überstunden macht.“

Ab 1960 arbeitete Artur Bodenhaupt in der Hellingmontage in Wismar. Seine Bilder berichten von der schweren Arbeit der Menschen unter kolossalen Schiffskörpern, von der Aufregung kurz vor dem Stapellauf, wenn die Pallungen weggeschlagen wurden, und von dem Moment, wenn die Sektflasche auf den Stahl knallte. Eckehardt Kleinschmidt erinnert an den Umbau des Eisbrechers „Krasin“zwischen 1958 und 1959 auf der Wismarer Werft. „Der Umbau gehört einfach zur Geschichte der Werft“, schreibt Eckehardt Kleinschmidt. „Ich selbst war dabei.“ Berühmt geworden war die „Krasin“ 1928, als Schiff und Besatzung die Überlebenden der Nobile-Luftschiff-Nordpolexpedition retteten. Neun Menschen waren beim Absturz des Luftschiffs auf eine Eisscholle geschleudert worden, 26 Schiffe versuchten vergeblich, sie zu retten. Die „Krasin“, damals das stärkste Schiff der Welt, bahnte sich den Weg durchs Eis und schaffte es. Und nun lag es in Wismar.

Groß war die Anteilnahme der Bevölkerung in früheren Jahren an jedem Stapellauf. In Warnemünde wurde 1962 der Kohle-Erz-Frachter „Dneprodzerzhinsk“ dem nassen Element übergeben. „So ein Stapellauf war damals für uns immer ein großes Ereignis, und ganz Warnemünde war mit Kind und Kegel dabei“, schreibt Franz Stepanek. Jedermann, der wollte, konnte unmittelbar dabei sein.

Selbst ältere Frauen kletterten auf Gerüste, um besser sehen zu können.

Danke für diese Geschichten

Viele Bilder und Geschichten erreichten die Redaktion – Danke allen Einsendern. Ruth Bley aus Rostock erinnert an den letzten Stapellauf von der Helling der Warnow Werft in Warnemünde, und auch ein Foto vom letzten Stapellauf in Wismar erreichte die Redaktion. Mit dem Abbau der Kabelkrananlagen in beiden Werftstädten veränderten nicht nur die Städte ihre Gesichter, es begann auch eine neue Ära im Schiffbau.

Dennoch, die Geschichte der Arbeit auf den Helligen ist lebendig geblieben, und die Anteilnahme der Bevölkerung am Schiffbau war groß. Auch bei jedem Stapellauf: Daran erinnert Franz Stepanek in Wort und Bild. In Sachen Walfangmutterschiff „Yuri Dolgoruki“wünschte sich OZ-Leser A. Bormann eine Fortsetzung – Uwe Havemann aus Warnemünde lieferte sie. Das Schiff, im Zweiten Weltkrieg vor Sassnitz gesunken, beschäftige ein gutes Jahrzehnt die Warnemünder Schiffbauer. Doch nicht nur große Schiffe wurden gebaut: Auch in Sachen Konsumgüterproduktion schrieben Schiffbauer in Wismar Geschichte.

Die OZ sucht Ihre Bilder

Ob in Rostock, Bad Doberan, Wismar oder Grevesmühlen – viele Menschen in der Region haben eine enge Verbindung zur maritimen Wirtschaft. Doch wie sah die Arbeit damals im Vergleich zu heute aus? Wir freuen uns, wenn Sie, liebe Leser, uns Ihre Fotos und Geschichten zukommen lassen.

Per Mail: mecklenburg@ostsee-zeitung.de; per Post: OSTSEE-ZEITUNG, Redaktion Sekretariat, Richard-Wagner-Straße 1a, 18055 Rostock (Bilder bitte unbedingt beschriften!)

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