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Rostock Interview mit Regisseur John Dew: „Ich kann noch heulen bei einem Stück“
Mecklenburg Rostock Interview mit Regisseur John Dew: „Ich kann noch heulen bei einem Stück“
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18:09 03.12.2018
Inszeniert am Rostocker Volkstheater die Oper Fidelio: Der international renommierte Regisseur John Dew (74). Quelle: Dietmar Lilienthal
Rostock

 

Viele ihrer Inszenierungen gelten als bahnbrechende Neuinterpretationen, sie werden auch als Ikone des Musiktheaters bezeichnet. Hören Sie das gern?

Ja, warum nicht? Bei meinen Inszenierungen hieß es immer, das sei etwas Neues. Ich habe das gar nicht so empfunden. Es war einfach meine persönliche Reaktion auf das Stück. Ich habe mit Operetten angefangen, obwohl ich überhaupt keine Operetten kannte. Daher hatte ich eine sehr frische Sicht darauf. Meistens waren die Intendanten entsetzt. Aber sobald die ersten Reaktionen des Publikums kamen, wollten sie, das ich wiederkomme und noch eine Operette mache (lacht).

Wieso entsetzt?

Es war einfach nicht der Tradition entsprechend. Ich kannte die Tradition nicht und habe einfach den Text genommen und ihn neu durchdacht. Als ich in Heidelberg „Carmen“ inszeniert habe und der Intendant sagte, „das ist nicht so verrückt, wie deine Operetten“, wurde mir klar, wie verrückt sie waren. Von da an, habe ich versucht, jedes Stück so zu inszenieren, als ob ich ihm zum ersten Mal begegne.

Und welches war ihre verrückteste Operette?

Da gab es viele. „Gasparone“ spielte bei der sizilianischen Mafia, „Der Vogelhändler“ war eine Art durchgetanztes Ballett, wie in einem Hollywood-Musical der 30er Jahre. Das waren Sachen, die ich sehr genossen habe, durch die ich sehr viel gelernt habe und die offensichtlich für die damalige Zeit als radikal galten. Aber ehrlich gesagt, wenn ich heute Operette sehe, sehe ich keine Veränderung zu dem, was ich vor 50 Jahren gesehen habe.

Wie würden Sie sich als Regisseur beschreiben?

Ich bin ein Vermittler der Werke der Vergangenheit – weil man leider in Opern zu 90 Prozent mit Werken der Vergangenheit zu tun hat – zwischen dem Komponisten und dem heutigen Publikum.

Und als Persönlichkeit?

Das überlasse ich anderen. Ich bin ein echter Hausmensch. Ich wohne sehr schön in einem Hundertwasserhaus und bin sehr zufrieden, wenn meine Freunde zum Essen kommen.

Dabei sind sie gar kein Hundertwasserfan, oder?

Nein, die Bilder finde ich abscheulich. Aber das Objekt, in dem ich lebe, ist traumhaft.

Sie haben auf unzähligen internationalen Bühnen inszeniert. Sind sie denn immer noch in der ganzen Welt unterwegs?

Als Tourist ja. Inszenierungen mache ich nur noch unter Freunden, aber nicht mehr in großen Häusern. Das sind Maschinerien, die schwer zu bewegen sind, egal ob Wien, Berlin oder Paris.

Sie haben gesagt, als sie jung waren, seien sie ein „Nerd“ gewesen, „der lieber Opern gehört hat, als Ball zu spielen.“

Absolut.  

Wie war ihre erste Begegnung mit der Oper?

Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen. Ich hatte Masern, lag im Bett und mein Vater machte das Radio an und sagte, das wird dir bestimmt gefallen. Was ich hörte, war eine Wahnsinnsmusik. Am Ende sagte jemand, sie haben soeben den 3. Akt von „Siegfried“ gehört. In 14 Tagen hören sie „Götterdämmerung“. Ich war so davon eingenommen, dass ich binnen 14 Tagen den ersten großen Opernführer hatte, um vorbereitet zu sein.  

Was war für einen 14-Jährigen das Faszinierende an der Oper?

Ich weiß nicht, vielleicht war es die Komplexität. Obwohl es eine schreckliche Aufführung war. Vor einigen Jahren habe ich das Tonband bekommen (lacht).

Erinnern Sie sich an die erste Opernaufführung, die sie besucht haben?

Ja, das war „Salome“ von Richard Strauss. Ich war mit meiner Mutter dort und es war nicht ganz jugendfrei. Aber ich fand es fantastisch.

Können Sie sich heute immer noch so für die Oper begeistern?

Das Schlimme ist, dass ich mich heute nur noch begeistern kann, wenn es eine Aufführung der Superlative gibt. Ich gehe nicht in die Oper, gelegentlich bin ich in Bayreuth. Lieber schaue ich in London Schauspiel und Musicals an, das ist etwas, was mich sehr begeistert. Ich kann immer noch heulen bei einem Stück.  

Sie sind auf Kuba geboren und in New York aufgewachsen, haben dort Kunstgeschichte und Bühnenbild studiert und kamen danach ohne Deutschkenntnisse nach Bayreuth. Warum?

Ich hatte gehört, dass es die Möglichkeit gab, dort ein Stipendium zu erhalten und Friedelind Wagner geschrieben, einer Enkelin von Richard Wagner, die dort einen Kurs aufbauen wollte. Sie sagte, sie wäre zu einer bestimmten Zeit in Paris, aber nicht, wo genau. Ich bin per Anhalter nach Paris gefahren und habe im Telefonbuch nach allen berühmten Sängern gesucht und angerufen, doch niemand wusste etwas. Das schrieb ich Frau Wagner später in einem Brief und sie sagte, wenn du so begeistert bist, kommst du auf jeden Fall nach Bayreuth. Ich kam mit nur zehn englischen Pfund in der Tasche nach Deutschland und habe eine unglaubliche Gastfreundschaft erfahren.  

Wie kamen Sie zur Regie?

Ich wollte Bühnenbildner werden und habe einen Monat bei Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin hospitiert. Das hat mir gezeigt, dass die Darsteller wesentlicher waren, als die Dekoration. Obwohl ich dann eine Position als Ausstattungsassistent in Osnabrück bekam, habe ich die ganze Zeit auf der Bühne verbracht und gesehen, wie die Regisseure mit den Sängern umgehen. Danach habe ich mich als Regisseur beworben und landete in Ulm.

Da führten sie dann tatsächlich 1973 das erste Mal Regie.

Ja, ich habe zuerst ein paar Kammerstücke machen müssen, danach habe ich eine verunglückte Operette repariert. Das Resultat war, dass ich Operetten-Angebote von anderen Theatern bekam. Irgendwann habe ich beschlossen, die nächste Operette abzulehnen. Aber es vergingen vier Monate ohne Angebot und ich hatte Angst, meine Miete nicht mehr zahlen zu können. Dann bekam ich das Angebot in Heidelberg „Das Land des Lächelns“ zu machen. Es war eine sehr düstere Inszenierung, aber der Intendant war nach der Generalprobe so begeistert, dass er mich selbst entscheiden ließ, was ich als Nächstes machen möchte. Ich sagte „Don Giovanni“ und „Carmen“ und so kam ich zur Oper.

Sie waren mehr als zehn Jahre Oberspielleiter der Oper am Theater Bielefeld, von 1995 bis 2001 Generalintendant des Theaters Dortmund und von 2004 bis 2014 Intendant des Staatstheaters Darmstadt. Gibt es ein Theater, das sie am meisten geprägt hat?

Nein, aber die meisten Möglichkeiten zur Entfaltung hatte ich in Bielefeld. Weil ich in der gleichen Situation war, wie der damalige Intendant. Nach wenigen Jahren hatten wir im Grunde alle Stücke inszeniert, die das gängige Repertoire beinhaltet. Und er gab mir ein Heft über eine Ausstellung in Berlin, die „entartete Oper“ hieß. Ich ließ mich gleich begeistern und wir fingen an, diese Stücke aus den 20er Jahren zu machen. Das hat enorme Reaktionen verursacht, aber nur wenige Theater haben sich danach anstecken lassen.

In der aktuellen Spielzeit sind Sie erstmals zu Gast am Volkstheater Rostock. Nachdem sie schon auf der ganzen Welt inszeniert haben, wie ist es für Sie, hier zu sein?

Wunderbar. Es ist wie eine Familie. Die Leute sind alle so lieb und ich finde wunderbare Talente hier, ich bin sehr glücklich.  

Sie inszenieren Beethovens Oper „Fidelio“, die nach 26 Jahren dort wieder zu sehen ist. Was ist die größte Herausforderung?

Beethoven gerecht zu werden. Das ist eine sehr große Aufgabe. Es ist ein Stück, das oft missbraucht worden ist. Die Nazis haben Zeit gebraucht, um zu merken, dass es nicht gerade ein gutes Stück ist für deren Propaganda. Und die Wiener haben die große Oper nach dem Krieg mit einer Fidelio-Aufführung eingeweiht, sodass sie sich als die von Deutschland Vergewaltigten darstellen konnten. Das sind große Themen, also Missbrauch politischer Macht.  

Zum wievielten Mal inszenieren Sie den Fidelio inzwischen?

In Rostock ist es das zweite Mal.  

Hält man dann an der ersten Version fest, oder versucht man, genau das Gegenteil zu machen?

Das hängt immer von den Umständen ab. Das ist hier eine völlig andere Bühne. Das schließt eine Kopie ganz aus. Und dann denkt man es neu aus.  

Sie meinen kleiner ...

Kleiner? Das ist eine Briefmarke (lacht).

Ist das die größte Herausforderung, die Größe der Bühne?

Nein. Das bedeutet, man muss es als Kammerspiel sehen. Dann öffnen sich gleich Türen. Der Vorteil einer kleinen Bühne ist, dass Details herauskommen, die auf einer großen Bühne nicht zu sehen sind.

Es geht um eine Frau, die sich dem despotischen Peiniger ihres Mannes in den Weg stellt, und um das Verschwinden lassen unliebsamer Kritiker. Ein Thema, das bis heute nicht an Brisanz verloren hat. Liegt es auf der Hand, die zwischen 1805 und 1814 entstandene Oper ins Heute zu holen?

Es wird modern, das heißt aber nicht, dass es in heutigen Kleidern ist.

Wie schwer ist es in der heutigen Zeit, die Leute überhaupt noch fürs Theater zu begeistern?

Qualität zieht immer an. Immer. Da gibt es keine Diskussion. Ich habe in Darmstadt in wenigen Jahren das Publikum um über ein Drittel erhöht. Man kann es aber genauso gut verschwinden lassen.

Gibt es ein Erfolgsrezept?

Qualität. Das ist es.

Zur Person

John Dew wurde 1944 auf Kuba geboren und wuchs in New York auf, wo er Kunstgeschichte und Bühnenbild studierte. 1966 kam er nach Bayreuth. Von 1982 bis 1995 war Dew Oberspielleiter in der Oper am Stadttheater Bielefeld, wo er die „Bielefelder Dramaturgie” prägte, die sich der Wiederentdeckung von Opern verschrieb, die durch die nationalsozialistische Kulturpolitik aus dem Bewusstsein verdrängt worden waren. Mit der Inszenierung von Giacomo Meyerbeers „Die Hugenotten“ an der Deutschen Oper Berlin gelang Dew der Sprung an die großen Opernhäuser. Es folgten Arbeiten unter anderem für Hamburg, Leipzig, Zürich, die Wiener Staatsoper, Royal Opera Covent Garden, Opéra Comique Paris, Houston Grand Opera, Operan Göteborg und das Teatro Real Madrid. Von 1995 bis 2001 leitete Dew als Generalintendant das Theater Dortmund, von 2004 bis 2014 war er Intendant des Staatstheaters Darmstadt. Seitdem inszeniert er als Gastregisseur. Am 7. Dezember 2018 feiert er mit Beethovens „Fidelio“ Premiere am Volkstheater Rostock. Beginn: 19.30 Uhr, Großes Haus

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