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Rostock Kanzel von St. Marien gibt ihre kleinen Geheimnisse preis
Mecklenburg Rostock Kanzel von St. Marien gibt ihre kleinen Geheimnisse preis
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06:12 25.11.2014
Die Restauratoren Fred Kluth (l.) und Marcus Mannewitz haben sich der Kanzel der Marienkirche angenommen. Fotos (3): Ove Arscholl
Rostock-Stadtmitte

Die gut 440 Jahre alte Kanzel der Marienkirche ist verhüllt. Die umfangreichen Restaurierungsarbeiten für das in Norddeutschland einmalige Kunstwerk aus der Renaissance laufen. Bis spätestens 2017, dem 500-jährigen Reformationsjubiläum, sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Stück für Stück entlocken die beiden Rostocker Restauratoren Marcus Mannewitz und Fred Kluth der Kanzel ihre Geheimnisse. „Eine überraschende Entdeckung waren die geschnitzten Medaillons“, sagt Marcus Mannewitz. Ans Tageslicht kamen vier völlig unbekannte eingeschnitzte Reliefs männlicher Köpfe. „Die realistischen Porträts im Profil zeigen jüngere Männer, einen davon mit Backenbart“, erzählt Fred Kluth. Die Reliefs seien so angebracht worden, dass sie nicht zu sehen gewesen seien. Sie befinden sich im Gebälk über den Säulen, in einem Hohlraum oberhalb der Tür zum Kanzelaufgang.

Wer diese Männer sein könnten, wissen die Restauratoren nicht. „Vielleicht haben sich hier im 16. Jahrhundert die Künstler, also Gesellen des Kanzelbauers, heimlich verewigt“, vermuten die Restauratoren unisono. Sie erlebten noch „weitere Überraschungen“.

In der Vergangenheit war die Kanzel mit Holzschutzmitteln bearbeitet worden. Das macht jetzt eine Veränderung des Restaurierungskonzepts notwendig und erfordert viel höheren Aufwand.

Interessant auch, dass in den Bildnissen „Kreuzigung“ und „Geburt Christi“ gebrannte Ton-Figuren gefunden wurden, die nicht aus der Zeit der Renaissance stammen, sondern offensichtlich erst im 19.

Jahrhundert angefertigt wurden. Die Figuren waren so angemalt, dass sie nicht von den hölzernen zu unterscheiden waren. Vielleicht habe es damals keinen fähigen Holzschnitzer gegeben, sagt Mannewitz.

Nun soll ein Kunstwissenschaftler eine zeitliche Zuordnung der Kanzel vornehmen. Auch dies ist eine nicht geplante Investition. Zusätzlich müssen aufwendige Reinigungsarbeiten vorgenommen werden.

„Die Schnitzereien aus dem 18. Jahrhundert — wie Engelchen oder Wolken aus Lindenholz — sind vom Holzwurm völlig zerfressen“, gibt Fred Kluth Einblick in die aufwendigen Arbeiten mit erheblichem Mehraufwand. „Die Einzelteile werden abgebaut und in der Werkstatt mit einer Lösung gefestigt“, beschreibt Kluth das Prozedere. Und das wird erheblich teurer als ursprünglich gedacht. Mit 100 000 Euro unterstützen die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und Ostseesparkasse sowie die Oetkerstiftung, der Förderverein und die Innenstadtgemeinde dieses Projekt.

„Das verteuert sich nun um gut 35000 Euro“, sagt Hannelore Holzerland“, Vorsitzende des Fördervereins Stiftung St.-Marien-Kirche zu Rostock.

Ein Video gibt den Besuchern während der Zeit der Einhausung übrigens die Möglichkeit, die Kanzel und ihre Details zu betrachten und die Arbeiten zu verfolgen.

„Diese Arbeiten sind einzigartig“, sagt Mannewitz. „Wir müssen bei unseren Arbeiten mehrere Zeitepochen bedenken“. Die einzelnen Bauphasen können die Experten gut am verwendeten Holz und der Farbe ablesen. Beispielsweise ist alles aus der Barockzeit aus Linde geschnitzt.

Für Pastor Tilman Jeremias übt die Kanzel als zentraler Ort in der Kirche eine große Faszination aus. Dort haben über Jahrhunderte Mitglieder der Theologischen Fakultät der Universität gepredigt.

„Die feierliche Immatrikulation als eines der wichtigsten Feste in St. Marien unterstreicht bis heute die enge Verbundenheit zwischen Gotteshaus und Stadt“, betont Uni-Rektor Wolfgang Schareck.

Einzigartige Schnitzereien
Die Kanzel in St. Marien wurde 1574 von Rudolf Stockmann gebaut. Tischler Friedrich Möller und Bildhauer Hartich ergänzten 1732 den Schalldeckel. Nach 400 Jahren ist das Kunstwerk verschmutzt, verschlissen und beschädigt. Einzigartig bleiben dennoch die vergoldeten Holzschnitzereien. Durch sie entsteht der Eindruck eines Natursteinbauwerkes. In den rundbogigen Nischen werden Szenen aus dem Leben Jesu gezeigt. Um auch für folgende Generationen dieses Kunstwerk zu erhalten, muss eine umfangreiche Restaurierung erfolgen, deren Kosten mit nun 135 000 Euro geschätzt werden.




Wer das Restaurieren unterstützen will, kann Spenden auf das dafür eingerichtete Konto der Ostseesparkasse überweisen. IBAN: DE76 1305 0000 0205 3333 38, BIC: NOLADE21ROS



Wolfgang Thiel