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Rostock Umstritten: Kunsthalle Rostock zeigt Werke von Willi Sitte und Fritz Cremer
Mecklenburg Rostock Umstritten: Kunsthalle Rostock zeigt Werke von Willi Sitte und Fritz Cremer
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14:37 09.11.2018
Fritz Cremer „Liegender Akt“ Quelle: VG Bild-Kunst Bonn; Galerie Schwind
Rostock

Es gibt Bonmots, die sind unsterblich – und systemübergreifend. „Lieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt“ ist ein Spruch, der in der Bundesrepublik Deutschland fast ebenso bekannt war wie in der DDR. Nur, dass im Westen kaum jemand wusste, wer dieser Sitte ist.

In Ostdeutschland ist Willi Sitte (1921-2013) ebenso bekannt wie umstritten. Ein äußerst ambivalenter Mensch, Künstler, Funktionär. Einer aus der Viererbande der DDR-Staatskünstler mit Bernhard Heisig, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer. Sitte war Verfolgter des Nazi-Regimes, in den 50ern Avantgardist auf der Suche und den Spuren von Picasso und Léger. Und als Präsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK) der DDR einer jener Funktionäre, die den Daumen über Kollegen senken und ganze Lebenswege vernichten konnten. Sitte hat das System der privilegierten Künstler im Sozialismus, die Reisefreiheit genossen, installiert. Aber er hat nicht, und das hat der Spiegel offengelegt als IM gewirkt.

Willi Sitte wuchs im tschechischen Kratzau in bürgerlichem Milieu mit kommunistischem Hintergrund auf. Er ging auf die Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg und hat daher seinen Schliff als akademischer Maler. Sitte gilt neben Tübke als der bedeutendste deutsche Zeichner des 20. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg diente er an der Ostfront, desertierte und schloss sich in Italien den Partisanen an. Sitte war überzeugter Antifaschist, Sozialist, DDR-Funktionär. Was Hermann Kant der Literatur war, war Sitte der Kunst.

Ähnlich Fritz Cremer (1906-1993). Der Bildhauer, Grafiker, Zeichner wurde in Arnsberg geboren und absolvierte in Essen eine Steinbildhauerlehre, bevor er die Folkwang-Schule besuchte. In den 30er gehörte Cremer zum Umfeld der Widerstandsgruppe „Die Rote Kapelle“. Im Zweiten Weltkrieg geriet er in jugoslawische Kriegsgefangenschaft und trat 1946 der SED bei. Er war Leiter der Akademie der Künste in Wien und Professor an der Akademie der Künste in Berlin, ab 1974 deren Vizepräsident. Er unterschrieb 1976 auch den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, zog seine Signatur jedoch zurück.

Willi Sitte (1921-2013)

Willi Sitte wurde am 28. Februar 1921 im tschechischen Kratzau geboren. Er starb am 8. Juni in Halle an der Aale. Sitte studierte an der Kunstschule des nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg und wechselte als 19-Jähriger an die Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei nach Kronenburg in die Eifel. Er desertierte im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront und schloss sich in Italien den Partisanen an. Nach dem Krieg lebte Sitte in Halle. Er trat 1947 der SED bei und erhielt einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, wo er ab Mitte der 60er Jahre versuchte, den Malstil des sozialistischen Realismus zu etablieren. Von 1974 bis 1988 war Sitte Präsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK) der DDR und von 1986 bis 1989 Mitglied des Zentralkomitees der SED, Mitglied des Weltfriedensrats und der European Acadamy of Sciences, Arts and Humanities in Paris.

Zwei geniale, aber umstrittene Künstler, die ein unglaubliches Oeuvre hinterlassen haben. Künstler, die in Fläche, Komposition, Materialgestaltung und Inhalt meisterhaft gewesen sind, die sich einem humanistischen Menschenbild verschrieben haben, der eine (Sitte) in der Frühphase eher dem Kubismus mit Fernand Léger und Pablo Picasso zugewandt, der andere (Cremer) eher dem Expressionismus mit Barlach. Beide mit Brüchen in ihren Werken, die an den jeweiligen Beginn ihrer Funktionärstätigkeit datieren.

Darf man diese Künstler zeigen? Die Bild-Zeitung hat vor der Eröffnung der Ausstellung, bevor man ein Werk sehen oder eine Konzeption erahnen konnte in Opfer-Anbiederei gefordert, die Schau zu verbieten. Der Leiter der Forschungs- und Dokumentationsstelle des Landes zur Geschichte der Diktaturen in Deutschland, Fred Mrotzek, sagte: „Herr Neumann, schließen Sie diese Ausstellung!“ Jörg-Uwe Neumann, Direktor der Kunsthalle, zeigt sich weniger entsetzt über die Forderung als über das Menschenbild, das dahinter steht: „ Es macht mich betroffen, dass es immer noch Menschen gibt, die 30 Jahre nach dem Ende der DDR so einen unglaublichen Schmerz in sich tragen.“ Er sei weit davon entfernt, die Schau mit 60 Gemälden aus Sittes Frühwerk und 60 Bronzeplastiken aus Cremers Gesamtwerk zu schließen. Kunsthistorisch gesehen gebe es an beiden Werken gar nichts zu deuteln. „All die Bilder und Skulpturen haben ein humanistisches Menschenbild und sind einfach unfassbar gut. Außerdem zeigen wir die Kunst, nicht die Künstler.“

Doch daran scheiden sich die Geister. Im deutsch-deutschen Bilderstreit, den der Maler Georg Baselitz 1993 vom Zaun – oder besser – über die Mauer brach, ging es darum, ob Staatskunst Kunst sei. Baselitz behauptete agitativ und PR-schlau, dass es in der DDR überhaupt keine Künstler gegeben hat. Noch 2012 sorgte eine Schau zur DDR-Kunst in Weimar für einen handfesten Skandal. Seitdem setzen sich aber Museen wie das Barberini Potsdam, die Moritzburg Halle, die Kunsthalle Rostock, das Albertinum Dresden, das Staatliche Museum Schwerin oder das Folkwang Essen dezidiert mit dieser Epoche auseinander. Der Frankfurter Kunstkritiker Eduard Beaucamp ist fassungslos über die Forderung eines Verbots: „Die sind wohl verrückt. Das darf man auf keinen Fall verbieten. Das nutzt weder der Kunst noch der Gesellschaft.“ Beaucamp fordert: „Diese Kunst, sollte man in der Nationalgalerie zeigen!“ Auch der Historiker Karl-Siegbert Rehberg vom Institut für Soziologie an der TU Dresden sagt: „Man kann auch mal die Frühphase eines Malers wie Sitte zeigen, so wie Rostock das tut. Denn die hat den Kontext zur Hallenser Moderne.“ Sitte habe eine Kommunistische Moderne als Strömung der Klassischen Moderne von der Avantgarde kommend entwickeln wollen. Rehberg: „Verbieten? Das wäre absurd. Wir müssen uns damit beschäftigen.“

OZ-Umfrage: Darf man diese Bilder zeigen?

Michael Meyer

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