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Rostock Maix Mayers Fotonotationen zur Moderne der DDR
Mecklenburg Rostock Maix Mayers Fotonotationen zur Moderne der DDR
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08:09 15.02.2019
Maix Mayer 2019 Quelle: Maix Mayer/ VG Bild-Kunst Bonn
Leipzig/Rostock

Einfach macht der es einem nun wirklich nicht. Um dem Medienkonzeptkünstler Maix Mayer (59) in seinen Ausführungen über ein Projekt folgen zu können, muss man sich stark konzentrieren. Das ist schon sehr komplex, was der Mann so in einem Rennwagentempo von sich gibt. Ohne große Schnörkel, gewiss, ohne ausufernde Armbewegungen oder anderen Gestus. Mayer genügt sich selbst in seinem Intellekt und seinem Blick auf die Welt. Spricht er jedoch ohne groß Atem zu holen, über mehrere Projekte, wird’s nach hinten raus richtig eng. Zur Zeit arbeitet Mayer an zwei Ausstellungen in Berlin, einer in Dresden, einer im thüringischen Renthendorf, einem Stipendium in Rostock, einem Buch-Projekt und seinem Engagement bei der Kunstbörse der OSTSEE-ZEITUNG 2019.

Abbildungen aus dem Buch „Barosphere 15-19

Also der Reihe nach. Ab 21. Februar stellt Maix Mayer, der 2018 in der Rostocker Kunsthalle zu erleben war, in der Berliner Dependence der Leipziger Galerei Eigen + Art aus. „Notationen zur Knolle der Moderne“ nennt er diese Schau. Und da fragt man sich schon: Wo geht’s hin? Es geht in die typisch Mayersche Gedankenwelt, die sich seit Jahren an der Geschichte der DDR, an der Ästhetik im Sozialismus, an der DDR-Moderne abarbeitet. In diesem Fall hat sich Mayer auf die spezielle Dahlienzucht in der DDR zu Ehren von Juri Gagarin auf der Erfurter Blumenschau 1963 bezogen. Dem Astronauten Juri Gagarin zu Ehren hatte die DDR eine eigene Dahlie gezüchtet, die seinen Namen trug – die Gagarin-Dahlie. Albern, aber wahr. Im Kapitalismus existieren noch weit albernere Auswüchse des Ehrenwesens. 2013, zum 50. Jahrestag des Gagarin-Dahlie, die längst aus den Gärten verschwunden war, hatte es in Erfurt einen Aufruf gegeben, ob noch jemand ein Exemplar dieser verschollenen Dahlie besitzen würde. Eine damals 80-jährige Frau war im Besitz dieser Dahlie. Sie hatte, wie es sich für diese Generation gehört, alles fein beschriftet, sortiert, verwahrt und gehegt.

Ausstellungen

Der Leipziger Medienkonzeptkünstler Maix Mayer (59) stellt 2019 gleich vier Mal aus und ist zwei Mal in Rostock zu erleben. Die Ausstellung „Notationen zur Knolle der Moderne“ eröffnet am 21. Februar in der Kunstgalerie Eigen + Art in der Auguststraße 26 in Berlin. Die Schau läuft bis zum 15. März.

Die Ausstellung „Notationen zum Malerweg und zur Kantine“ wird am 22. März im Leonhardi Museum Dresden, Grundstraße 26, eröffnet. Sie läuft bis zum 9. Juni.

Vom 30. Juni bis zum 1. Oktober 2019 zeigt das Alfred-Brehm-Museum in Renthendorf, Dorfstraße 22 (Thüringen) die Ausstellung „Die Idee der Natur“.

Ab 20. Juni zeigt die Schwartzsche Villa in Berlin, Grunewaldstraße 55, die Ausstellung „Afronatuic Tales“. Sie läuft bis zum 4. August. Ab dem 1. September ist Maix Mayer Künstler im Atelier-Stipendium der Hansestadt Rostock. Außerdem wird er im Oktober als Künstler an der Kunstbörse der OSTSEE-ZEITUNG teilnehmen und seine Werke in der Rostocker Hochschule für Musik und Theater (HMT) ausstellen und anbieten.

Über derlei gesellschaftliche Auswüchse kann Maix Mayer so richtig feixen. Aber das genügt ihm nicht. Von der Knolle dieser Dahlie hat er einen 3-D-Druck anfertigen lassen. Und den zeigt er im Keller der Galerie Eigen + Art in Berlin. Außerdem hat er die Schultypentapete, die er in der Rostocker Version bereits in der Kunsthalle gezeigt hat, auch für Berlin angefertigt. Sie wird im Obergeschoss der Galerie gezeigt. Mayer hat nun für die Bundeshauptstadt die Tapete mit den Schultypen der Berliner DDR-Bezirke angefertigt. So existieren jetzt mehrfarbig die Schultypentapeten für die Bezirke Berlin, Dresden, Erfurt und Rostock. Jeder Schultyp für seine Stadt als Tapete. Außerdem zeigt Mayer in Berlin seine Version von Walter Womackas Gemälde „Paar am Strand“ – nachfotografiert mit befreundeten Pärchen als Briefmarkenedition, in die man als Betrachter auch seine eigene Version einbauen lassen kann, wenn man dem Künstler ein Bild schickt. „Die Berliner Ausstellung ist eine punktuelle Ergänzung zu dem Projekt der Ost-Moderne“, sagt er.

Denn eingebettet ist auch diese Arbeit in seinen multimedialen Werkzyklus „barosphere“, den Mayer 2016 begonnen hat. Damals waren seine Positionen zur Italienischen Moderne im Gropius Bau und der Galerie Eigen + Art Berlin zu sehen. Dann zeigte er seine Aspekte der „Tschechischen Moderne“ in der Kunsthalle im tschechischen Ostrava. 2018 dann der dritte Teil des Zyklus mit dem Titel „Notationen zur Moderne, zum Paar am Strand und zum Kind des Matrosen“ in der Rostocker Kunsthalle.

Und jetzt wandert die Schau neu konfiguriert ins Leonhardi Museum Dresden. Vom 22. März bis 7. Juni zeigt das Dresdener Museum seine Aspekte der Ostdeutschen Moderne unter dem Titel „Notationen zum Malerweg und zur Kantine“. Wie bei Mayer üblich treffen auch hier wieder Naturbetrachtungen auf architektonische Positionen. Neben der Schultypentapete mit dem Schultyp des Dresdener Bezirkes und dem „Paar am Strand“ beschäftigt sich der Fotograf und Multimediakünstler hier unter anderem mit dem Malerweg und dem Robotron-Werk. Der spätromantische Landschaftsmaler Eduard Leonhardi (1828-1905) war ein Fabrikantensohn, dessen Vater in der Nähe des Blauen Wunders eine Firma besaß. Mayer hat sich von dort aus auf Spurensuche über den Malerweg in der Sächsischen Schweiz begeben, den man abschreiten kann zu den Motiven berühmter Landschaftsmaler. Das spiegelt er mit dem einzigen Überbleibsel des dortigen Robotron-Werkes – der Kantine. Der Rest der Fabrik ist dem Nachwende-Abrisswahn zum Opfer gefallen. Dazu wird es im Leonhardi Teile der Rostocker Ausstellung zu sehen geben – wie der Katalogisierung der ostdeutschen Mütherbauten Mayers. In Dresden führt Mayer seinen Zyklus zur Ostdeutschen Moderne zu Ende. Dazu wird ein Katalog mit Texten des Schriftstellers Ingo Schulze sowie weiterer Autoren herausgegeben.

Vom 30. Juni bis zum 1. Oktober zeigt Mayer dann im noch leeren Alfred-Brehm Museum Renthendorf bei Jena, das ab 2020 mit Ausstellungsstücken zu Alfred Brehm gefüllt wird, seine Schau „Die Idee der Natur“. Die Ausstellung speist sich aus seinem Vogelprojekt, das er weltweit von 1991 bis 1995 geführt und in das Buch „Gullivers Reise biographischer Architektur“ münden ließ. Hierzu hat Mayer auf dem gesamten Globus Vogelmotive abgebildet. Dioramen mit Vogel-Exponaten aus Naturkundemuseen in Brüssel, das Glasdach eines Museums in Sidney mit Vogel-Aufklebern, Wandmalereien mit Vogelmotiven im Pariser Bahnhof oder einen Tasmanischen Teppich mit Vogelmuster. Das Buch teilt sich in drei Bände mit antrophologischen Vexierbildern, Vogel-Motiven aus dem Band „Pilzsuche oder Phantome auf dem Möbiusbrand“ und seinem „Haus-Raum-Heim-Projekt“, in dem er unter anderem seine Mutter in den DDR-typischen Nylon-Kittelschürzen zwischen zwei Räumen seines Elternhauses abgelichtet hat. Ihm geht es hier um Dinge, die aus unserem Alltag verschwinden, wie zum Beispiel der Kittelschürze. „Die hatte immer so ein psychedelisches Muster“, sagt Mayer. Das sei eine typisch ostdeutsche Kindheitserinnerung, die in den Köpfen festgebrannt sei. „Um mir das Projekt damals leisten zu können, bin ich Blut spenden gegangen und habe mir von den 50 Mark Polaroids gekauft.“ Völlig verrückt, dieser Kerl, denkt man spontan. Und dann zeigt er einem stolz das letzte Bild in der Sammlung, auf dem er selbst mit freiem Oberkörper zu sehen ist. In der Armbeuge noch das Pflaster vom Blutspenden.

Außerdem eröffnet in der Schwartzschen Villa in Berlin am 20. Juni die Mayer-Ausstellung „Afronautic Tales“, die bis 4. August zu sehen sein wird. Und Mayer arbeitet an dem Buch-Projekt „Child in time“ – Texte des österreichischen Schriftstellers Josef Haslinger (“Der Opernball“) kombiniert mit einem Fotoessay von Mayer – das im Leipziger Verlag Faber & Faber erscheint, einem Nachfolger des Aufbau Verlags.

Wem das alles noch nicht genügt im Mayerschen-Moderne-Kosmos, der kann ihn ab 1. September im Atelier-Stipendium der Hansestadt Rostock erleben. Dort wird er sich mit dem Rostocker Messegelände beschäftigen. „Mal schauen“, sagt er. „Das Gelände finde ich total spannend. Auch mit seinen internationalen Schauen. Das werde ich mit Arbeiten zum Stadtarchiv koppeln – eventuell auch mit dem Bauhaus-Jubiläum 2019.“ Außerdem wird Mayer im Oktober einer der 13 Künstler der OZ-Kunstbörse sein. Schließlich hat er hier nicht nur ausgestellt und arbeitet in diesem Jahr innerhalb seines Stipendiums. In Rostock hat der Leipziger Fotograf auch sein Studium der Meeresbiologie mit dem Diplom der Marinen Ökologie absolviert, bevor er sich der Kunst und seinem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig – ebenfalls mit Diplom – gewidmet hat. An der Universität der Künste in Poznan (Polen) hat er anschließend im Fach Neue Medien promoviert. Heute werden seine Arbeiten von Sydney (MocA) bis Sao Paulo (Museu Brasileiro da Escultura) gezeigt. Und eben in Rostock.

Michael Meyer