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Rostock Medizin aus Rostock kann Alzheimer stoppen
Mecklenburg Rostock Medizin aus Rostock kann Alzheimer stoppen
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06:12 18.02.2019
Antonio Martinez (l.) und sein Mitarbeiter Börge Heim werten Daten ihrer Studien aus. Quelle: OVE ARSCHOLL
Stadtmitte

Weltweit arbeiten Wissenschaftler mit Hochdruck daran, ein Heilmittel für Alzheimer zu finden. Einem Pharmazieunternehmen aus Rostock könnte der Durchbruch gelingen: Die Immungenetics AG will ein Medikament auf den Markt bringen, das die heimtückische Nervenkrankheit stoppen und deren Folgen teilweise rückgängig machen können soll. „Ein Meilenstein“, verkündet Immungenetics-Geschäftsführer Antonio Martinez.

Eine erfolgreiche Therapie soll Thiethylperazin ermöglichen, ein Medikament, das bisher zur Behandlung von Schwindel und Übelkeit eingesetzt worden ist. „Wir haben festgestellt, dass es auch bei Alzheimer wirkt.“ Das könne der langgesuchte Schlüssel zur Früherkennung und Therapie der degenerativen Nervenerkrankung sein. Und so funktioniert’s: Wissenschaftler gehen davon aus, dass die sogenannten Beta-Amyloid Peptide eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielen. Dabei handelt es sich um Spaltprodukte eines größeren Eiweißmoleküls im Gehirn. Bei gesunden Menschen werden sie über die Blut-Hirn-Schranke abgeleitet und dann vom Körper verstoffwechselt oder ausgeschieden. Bei Alzheimer-Patienten aber passiere das nicht effektiv genug, erklärt Martinez. „Die Müllabfuhr versagt.“ Stattdessen sammeln sich die Peptide im Hirn an und verklumpen. Die so entstehenden Plaques schädigen die Nervenzellen, bis diese schließlich unwiederbringlich absterben. Immungenetics sei es gelungen, die für die „Müllabfuhr“ zuständigen Transporterproteine in der Blut-Hirn-Schranke mit Hilfe von Thiethylperazin wieder zu aktivieren.

Bei Alzheimer-Patienten sterben nach und nach die Gehirnzellen ab. Die genaue Ursache dafür ist noch nicht restlos geklärt. Quelle: Pixabay

Die Mechanismen, die zur Ableitung von toxischen Peptiden über die Blut-Hirn-Schranke führen, und den Drainage-Effekt von Thiethylperazin hat Immungenetics-Mitbegründer Jens Pahnke zunächst an Mäusen nachgewiesen. Inzwischen wurde die Arznei auch an Patienten mit frühem Demenzstadium getestet. Die Studie hat eine Koryphäe auf dem Gebiet der Alzheimer-Forschung überwacht: Jens Wiltfang von der Unimedizin Göttingen. Dessen Ergebnisse seien beachtlich, sagt Martinez. „Wir können den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Unser Ziel ist es, Alzheimer im Frühstadium zu stoppen.“ Noch stünden Langzeitstudien am Menschen aus. „Das ist Gegenstand unserer nächsten Finanzierungsrunde.“ Bei den Labormäusen habe sich jener Zustand wiederherstellen lassen, den die Nager zwei Jahre zuvor hatten. „Ihr Kurzzeitgedächtnis wurde präziser, die Desorientierung nahm ab.“ Nebenwirkungen hätten die Forscher nicht festgestellt.

Das dürfte viele Patienten hoffen lassen. Allein in Deutschland gelten 1,7 Millionen Menschen als demenzkrank, die meisten von ihnen leiden an Alzheimer. Betroffene verlieren nach und nach ihre geistigen Fähigkeiten, wie Sprache, Orientierung oder Urteilsvermögen. Bislang kann die Krankheit nicht gestoppt werden, behandelt werden lediglich ihre Symptome. Immungenetics will die Therapie revolutionieren. Bis ihr Medikament auf den Markt komme, werde es voraussichtlich aber noch zwei Jahre dauern, sagt Martinez.

Demenz breitet sich aus

300 000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an einer Demenz. Die häufigste Form der Nervenkrankheit ist Alzheimer.

Prognosen gehen davon aus, dass sich bis zum Jahr 2050 die Zahl der bundesweit Betroffenen auf drei Millionen Demenzkranke verdoppeln könnte.

Demenz kann prinzipiell jeden treffen (in Deutschland sollen etwa 700 Kinder betroffen sein), tritt in den meisten Fällen jedoch erst ab dem 60. Lebensjahr auf. Frauen haben laut Statistik ein höheres Risiko als Männer, zu erkranken. Nach Schätzungen von Alzheimer´s Disease International sind weltweit 46,8 Millionen Menschen von Demenz betroffen – und jedes Jahr kommen rund 7,7 Millionen Neuerkrankungen hinzu.

Mit Thiethylperazin wollen die Rostocker einen weiteren Coup landen: Immungenetics entwickelt einen Bluttest, mit dem Alzheimer – Jahre bevor die ersten Symptome auftreten – diagnostiziert werden kann. Das eröffne ganz neue Wege in der Therapie, sagt Antonio Martinez. Wer frühzeitig weiß, dass er an Alzheimer leide, könne seinen Lebensstil entsprechend ändern und das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen. Das verschaffe Patienten und deren Familien wertvolle Zeit. Dass auch die Angehörigen leiden, hat er selbst erlebt. „Meine Oma hat mich am Ende nicht mehr erkannt.“

Auch finanziell zahlt sich der Bluttest aus. Bislang werde Alzheimer mittels Lumbalpunktion und PET-Scan nachgewiesen. „Das sind sehr aufwendige und kostspielige Methoden.“ Der Bluttest sei dagegen günstig und könne vom Hausarzt durchgeführt werden. Alles, was der dafür brauche, seien Thiethylperazin und Röhrchen für Blutproben vor und nach der Medikamentengabe. Die Auswertung würde dann Immungenetics übernehmen, sagt Martinez. Damit die Rostocker davon profitieren, sei Eile geboten. „Wer das Medikament oder den Test zuerst auf den Markt bringt, darf mit Umsätzen von mehreren Milliarden rechnen.“

Zuvor muss Immungenetics Unsummen ausgeben. Allein im vergangenen Jahr habe die AG 1,5 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung gesteckt. „Dieses Jahr wird es ähnlich sein“, sagt Martinez. Das Geld kommt durch Privatinvestoren, größere Aktionäre und Fördermittel aus Bundesprogrammen rein. Damit sich das rentiert, schütze Immungenetics seine Medikamente und Methoden weltweit mit Patenten, sagt Martinez. Dafür können die Rostocker ihr Know-how zweitverwerten: Der Ansatz zur Alzheimer-Therapie sei übertragbar auf andere neurodegenerative Erkrankungen, wie Parkinson oder Huntington.

Die Rostocker begnügen sich nicht mit der Therapie von Alzheimer. Sie wollen die Ursache für die Krankheit aufspüren, sagt Martinez. Vieles deute darauf hin, dass diese nicht im Erbgut des Zellkerns, sondern in der DNA der Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle, zu finden ist. Das hätten Tests an Mäusen bestätigt. Antonio Martinez ist optimistisch. „Wir sind ganz nah dran, ein Heilmittel zu finden.“

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URL: http://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Rostock/Schleuder-und-Schockfrost-Das-passiert-mit-Ihrem-Blut article: 5342552 (Artikel)

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