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Rostock Mit Stift und Spaten den biblischen Wurzeln auf der Spur
Mecklenburg Rostock Mit Stift und Spaten den biblischen Wurzeln auf der Spur
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00:00 27.12.2013
Studenten bei der Ausgrabung im israelischen Qubur al-Walaydah, zehn Kilometer östlich der Grenze zum Gazastreifen. Fotos (2): Michael Niemann
Stadtmitte

Hermann Michael Niemann ist ein waschechter Rostocker, der seine Heimatstadt und seine Universität nie wirklich verlassen hat. Das wird er auch künftig nicht tun, doch mit 65 Jahren läuft tatsächlich das letzte Semester für den Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Universität Rostock.

„Zu meiner eigenen Überraschung werde ich zum Semesterende emeritiert“, sagt Niemann, der 1967 an der Theologischen Fakultät immatrikuliert wurde. Kollegen, Freunde und Studenten verabschieden ihn am 31. Januar mit einem Kolloquium im Schliemann-Institut zum Thema „In die Mitte der Völker gesetzt. Jerusalem — heilige Stadt und Erinnerungsort“.

Doch eine anschließende Ruhe auf dem Canapé ist nicht sein Ding. Auch wenn er nicht mehr unterrichtet, nicht mehr aktiv in der Theologischen Fakultät wirken wird, legt Niemann dennoch nicht Stift und Spaten aus der Hand.

Seit 20 Jahren hat Niemann in sieben Ausgrabungen und Kartierungen in Israel und der Türkei die Rostocker Biblische Archäologie international bekannt gemacht. Seit mehreren Jahren legen Studentengruppen unter Leitung des Rostocker Theologen mit Schaufel und Pinsel den Ort Qubur al-Walaydah, ein Philisterdorf, frei. Sie sind dabei auf den Spuren von Ereignissen aus den alttestamentlichen Texten. Zuletzt haben sie eine kleine Sensation dokumentieren können: Die Philister sind als Händler und Krieger nicht nur in den größeren Orten an der Küste zu Hause gewesen, sondern sie haben auch im Hinterland eine Dorfkultur entwickelt. „Wir haben erstmals ein Philister-Dorf freigelegt“, so Niemann.

Eigentlich sollten die Grabungen abgeschlossen sein. Aber nein: „Ich bereite die Grabungskampagne für 2014 vor“, berichtet Niemann. „Wir haben in dem Dorf ein Gebäude gefunden, das da eigentlich nicht hingehört, das müssen wir untersuchen“, begründet er, warum es dort weitergeht.

„Wir arbeiten nah am Gazastreifen, erleben so auch die Konflikte“, sagt Niemann und erinnert daran, dass die Ausgrabungen 2011 unterbrochen werden mussten, weil es Raketenangriffe aus dem Gazastreifen gegeben hatte. Für die Studenten seien nicht nur die Ausgrabungen wichtig, in Israel lernten sie auch Land und Leute kennen.

Neben den Grabungen und der Veröffentlichung der Ergebnisse, beschäftigt den Theologen noch ein weiteres Projekt. „Ich will endlich das Lehrbuch über das Alltagsleben in biblischer Zeit fertigstellen“, sagt Niemann. Das sei spannend, weil es sich so sehr von unserem heutigen Leben unterscheide. „Wir müssen einen Grund haben, unsere Wohnung, unser Haus zu verlassen, die Menschen damals mussten einen Grund haben, in ihre unkomfortablen Wohnräume zu gehen. Im Regelfall, um dort zu schlafen. 90 Prozent des Lebens spielt sich im Freien ab“, begründet Niemann auch die damals übliche hohe Kommunikation. Allerdings sei das Alltagsleben für die alttestamentliche Zeit nur schwer zu illustrieren. „Wir haben nur wenige schriftliche Zeugnisse, es gibt kaum Inschriften“, weiß

der Wissenschaftler.

Niemann geht immer geradlinig und beruflich erfolgreich durchs Leben. Auch wenn mit der Emeritierung ein Abschnitt endet, gilt es, auf der nächsten Wegstrecke noch so manchen Stein umzudrehen. Stift und Spaten legt er nicht aus der Hand, sondern er benutzt sie weiter, um die Wurzeln der biblischen Texte zu erkunden.

Berufskarriere begann als Krankenpfleger
Hermann Michael Niemann wurde am 19. Oktober 1948 in Rostock geboren. Da sein Großvater und sein Vater Pastoren waren, wurde ihm der Glaube im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt. Da er genau wegen dieses Hintergrundes die Zulassung zur Oberschule nicht bekam, arbeitete er als Krankenpfleger auf dem „Michaelshof“ in Gehlsdorf und legte an der Volkshochschule das Abitur ab.


Das Studium der Theologie folgte anschließend in Rostock und Berlin. Die Rostocker Theologen Peter Heidrich, Gerd Haendler und Klaus-Dietrich Schunck förderten ihn. Nach dem Studium begannen Assistentenjahre an der Universität Rostock mit Promotion und Habilitation. 1993 bekam er den Lehrstuhl für Altes Testament und Biblische Archäologie in Rostock. Seit 1995 gräbt er in Israel.


Einen Ruf an die Universität Heidelberg lehnte Niemann 2000 ab. Die Entscheidung war für Rostock gefallen. Er ist Mitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften. Niemann ist seit 1972 verheiratet und hat zwei Töchter.

Thomas Sternberg