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Rostock Modelwohnung: Hure beraubt und gequält
Mecklenburg Rostock Modelwohnung: Hure beraubt und gequält
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00:00 11.04.2013
In der Doberaner Stra�e kam im November 2012 eine Prostituierte ums Leben. Im Mai muss sich ein Mann daf�r verantworten. Quelle: Sebastian Heger
Kröpeliner-Tor-Vorstadt

Lisa, Nina oder Vanessa: mit nackter Haut und Traummaßen werben langmähnige Blondinen und Brünette um die Männergunst. Per Internet oder in Kleinanzeigen. Liebesdienste gegen Bares in Rostocker Privatwohnungen. Ein riskantes Geschäft für die Frauen. Häufig kommt es im Schutz der vier Wände zu Übergriffen. Jüngstes Opfer: eine 27-Jährige.

Ein Freier verprügelte die Prostituierte am Mittwoch in ihrer Wohnung in der Wismarschen Straße. Statt zu bezahlen, schlug der Mann mit einer Flasche auf sie ein, fesselte sie, stahl Geld, Handy und ein Laptop. „Die Nachbarin alarmierte die Polizei“, sagt Isabel Wenzel, Sprecherin im Rostocker Polizeipräsidium. Die Misshandelte werde noch im Krankenhaus betreut. Bei ihrer heutigen Vernehmung hoffen die Ermittler auf entscheidende Hinweise. „Anzeigen aus dem Rotlichtmilieu sind selten. Die Angst vor Repressalien hält viele Geschädigte ab“, weiß Wenzel. Die Dunkelziffer sei sicher groß.

Mindestens 35 Privatadressen, auf ganz Rostock verteilt, sind der Behörde bekannt. Mehr als 50 Sexarbeiterinnen, vielfach aus Osteuropa und Afrika, sind dort temporär anzutreffen. Sex gegen Bezahlung sei das große Tabu in der Gesellschaft, betont Ulrike Bartel, Chefin des Vereins Frauen helfen Frauen. „Prostituierte fürchten, dass sie ausgegrenzt werden. Der Geheimhaltungsdruck ist enorm, die Scham riesig.“ Eine falsche Scham, die tödlich enden kann — wie im November 2012. Ein Feier erstach eine 52 Jahre alte ukrainische Prostituierte. Erst Tage später wurde sie in ihrer Wohnung an der Doberaner Straße entdeckt. Der Täter, ein 22-Jähriger aus Rostock, stellte sich selbst. Am 14. Mai muss sich der Mann wegen Mordes vorm Landgericht verantworten. „Ihm droht lebenslänglich“, sagt Staatsanwältin Maureen Wiechmann.

„Wir brauchen eine Beratungsstelle für Prostituierte, abgekoppelt von Institutionen, vernetzt mit Behörden“, fordert die Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Thielk. „Der große Zulauf in der kostenlosen Beratungsstelle im Gesundheitsamt belegt den Bedarf.“ Ein erstes Konzept liege der Verwaltung vor, sei dem Gesundheits- und Sozialausschuss vorgestellt worden. „Ungeklärt ist die Finanzierung“, sagt Thielk. „In diesem Jahr sehe ich schwarz.“ Trotzdem: Das Vorhaben stoße auf offene Ohren im Ausschuss. „Wir dürfen solche Menschen mit ihren Hoffnungen und Beschwerden nicht allein lassen“, sagt Rolf-Rainer Müller (Für Rostock). Beifall auch bei Grünen-Vertreter Thomas Wanie: „Das Thema Prostitution ist nicht prominent, weil wir nicht darüber reden. Es muss in die Öffentlichkeit.“

Auch im Milieu kommt Thielks Idee an. Gerade mit Blick auf das Phänomen Modelwohnungen. „Die leisten der Zwangsprostitution Vorschub“, warnt der Betreiber eines Rostocker Eros-Centers. „In Bordellen herrschen Regeln.“ Wenzel bestätigt: „Modelwohnungen werden kontrolliert. Aber nur mit Einwilligung der Prostituierten.“

Rostocks Rotlichtmilieu
Mindestens 35 Modelwohnungen sind der Polizei in Rostock bekannt. Die Räume sind oft nur stunden- oder tageweise gemietet. Hauptzulaufzeit ist in den Mittagsstunden. Die Dunkelziffer — gerade in der Hotel- und Gastronomiebranche wird höher geschätzt. Einschlägige Liebesdienste werden häufig auch hinter der Fassade von Massage- und Sonnenstudios angeboten. Rund 40 Prostituierte, vor allem Migrantinnen aus Polen, Litauen, Lettland, Nigeria und Syrien, verdingen sich in drei Bordellen der Stadt.

Katrin Starke

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