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Rostock Musiker trauert: Nach Überfall ist das Akkordeon kaputt
Mecklenburg Rostock Musiker trauert: Nach Überfall ist das Akkordeon kaputt
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00:33 13.06.2018
Mladen Dimitrov (28) zeigt sein kaputtes Akkordeon. Er hofft auf Spenden, so dass er sich ein neues Instrument kaufen kann. Quelle: Foto: Ove Arscholl

Viele Rostocker kennen Mladen Dimitrov und sein Akkordeon. Meistens sitzt er in der Kröpeliner Straße oder im Friedhofsweg vor einem Supermarkt. Der 28-Jährige musiziert, die Menschen belohnen ihn mit ein paar Cent oder Euro. Doch diese Möglichkeit, sein Geld zu verdienen, ist erst einmal weg. Der Bulgare wurde Anfang Juni in Evershagen überfallen. Dabei ging sein Akkordeon zu Bruch. Der Opferhilfe-Verein Lobbi versucht zu helfen.

„Ohne Instrument zu sein, das ist das Schlimmste für einen Musiker.“ Die Wunden des Überfalls heilen, sagt der Straßenmusiker, aber das Akkordeon fehlt. In diesen Tagen rennt Mladen Dimitrov meist ziellos durch die Stadt, weiß nichts mit sich anzufangen. Eigenes Geld für ein neues Musikinstrument hat er nicht. „Ich habe in Rostock noch nie Probleme gehabt“, erzählt er. Bis zum 2. Juni.

Er sei gefragt worden, ob er nicht mal in Evershagen musizieren will, berichtet Mladen Dimitrov. Warum nicht, er fuhr hin und begann vor einem Einkaufsmarkt zu spielen. Zunächst gab es vor dem Discounter eine Auseinandersetzung über die Musik, an der er selbst aber nicht beteiligt war, sondern nur als Zeuge auftrat. Später sei er von einem Mann beschimpft worden. „Er hat mich rassistisch beleidigt.“ Einige andere Menschen hätten ihn noch ermutigt, weiter zu spielen. „Ich finde dich, hat der Mann zu mir gesagt.“ Am Abend passierte es dann. Mladen Dimitrov wurden von hinten mit einer Bierflasche attackiert, berichtet er. Er lief weg, stürzte und fiel auf das Akkordeon. Über den Notruf rief das Überfallopfer die Polizei. „Es gibt eine Täterbeschreibung. Jetzt ermittelt die Kripo“, sagt Sprecherin Dörte Lembke.

„Ich habe versucht, das Instrument zu reparieren, aber das geht nicht.“ Ein neues kann er sich nicht leisten. Freunde helfen ihm, geben ihm zu essen, lassen ihn bei sich übernachten. Eine eigene Wohnung hat der Bulgare nicht. Hilfe bekommt Mladen Dimitrov nicht nur von Freunden, sondern jetzt auch von Lobbi. Der Verein unterstützt seit 2001 Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern.

Nach Gesprächen mit der Polizei und Mladen Dimitrov geht Mitarbeiter Tim Bleis von einem rassistisch motivierten Überfall aus. Lobbi ruft zu Spenden auf, damit ein neues Akkordeon gekauft werden kann. Wenn Betroffene es wünschen, helfe Lobbi auch, einen Rechtsanwalt zu finden. Ohne Anwalt sei es nur schwer möglich, das Ermittlungsverfahren zu verfolgen. Im vergangenen Jahr haben die Lobbi-Mitarbeiter 144 Menschen nach rechten Angriffen beraten. „Fast nur noch wegen rassistischer Gewalt“, sagt Tim Bleis. Seit 2014 habe die Zahl der Fälle kontinuierlich zugenommen. Während es in der Vergangenheit oft um Einschüchterungen beispielsweise von Lokalpolitikern oder Sachbeschädigungen ging, drehe sich heute fast alles um Körperverletzungen, berichtet Bleis. Oft seien es zufällige Begegnungen vor allem in den Städten, wo ein Wortgefecht in Gewalt mündet.

Ursprünglich wollte Mladen Dimitrov von Bulgarien nach Schweden ziehen. Via Rostock reiste er mit der Fähre über die Ostsee. „Ich war zehn Tage dort.“ Dann kam er zurück. Das war vor fünf Jahren.

„Die Menschen hier sind sehr freundlich.“ Sein Plan war es, endlich eine eigene Wohnung zu finden. Doch jetzt braucht Mladen Dimitrov erst einmal ein neues Instrument. Damit er sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann.

Spenden an Lobbi unter dem

Stichwort „Akkordeon“:

Iban: DE82 1305 0000 0201 0388 46, BIC: NOLADE21ROS

Mehr Gewalt aus politischen Gründen

1417 Straftaten wurden laut Innenministerium im Bereich der politisch motivierten Kriminalität 2017 erfasst. Im Vergleich zum Vorjahr ein deutlicher Rückgang fast um 20 Prozent. Leicht aufwärts zeige dagegen der Trend bei Gewaltstraftaten aus politischen Gründen, 114 im Jahr 2017. Davon stammten 84 Fälle von rechts, elf von links, ein Teil sei nicht zuzuordnen. Opfer solcher Attacken seien in der Hälfte aller Fälle Asylbewerber. Während sich vor zwei Jahren rechte Gewalt vor allem gegen Unterkünfte richtete, gerieten nun Menschen im täglichen Leben ins Visier der Schläger, erklärte Innenminister Lorenz Caffier (CDU) vor einigen Wochen.

Thomas Niebuhr

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