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Nach tödlichem Unfall am Gleis: Mutter klagt gegen die Bahn

Dierkow Nach tödlichem Unfall am Gleis: Mutter klagt gegen die Bahn

Die Schilder auf dem Weg zum ehemaligen S-Bahnhof Hinrichsdorfer Straße in Dierkow irritieren: Eines, mitten auf der Straße, verbietet den Zugang, das andere am Laternenpfahl nebenan weist das Stück als Rad- und Gehweg aus.

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Roberts Mutter stellt an einer Erinnerungsstelle am fr�heren S-Bahnhof Hinrichsdorfer Stra�e Blumen hin.

Quelle: Ove Arscholl

Dierkow. „Das Verbotsschild wurde erst nach dem tödlichen Unfall aufgestellt“, sagt Christoph Bomke. Der Berliner Rechtsanwalt vertritt die Mutter des 14-jährigen Jungen, der vor zwei Jahren an diesem Haltepunkt ums Leben gekommen ist. Sie klagt gegen den Betreiber des S-Bahn-Netzes, die DB Regio AG, fordert Schmerzensgeld und Schadenersatz von 30 000 Euro von der Bahn wegen Verletzung von Verkehrssicherungspflichten.

Was war geschehen? Es waren Winterferien, und Robert fuhr am Abend des 15. Februar 2011 mit zwei Freunden mit der S-Bahn vom Überseehafen nach Hause. „Sie sind eine Station zu früh ausgestiegen, dachten, sie wären schon in Dierkow“, erzählt die Mutter. Tränen kommen hoch. „Robert war nicht leichtsinnig, eher zurückhaltend, schüchtern“, sagt die 37-Jährige. Dennoch: Beim Warten auf die nächste S-Bahn vertrieben sich die Jugendlichen die Zeit. Mit lebensgefährlichen Spielen. Robert war auf den nur zwei Gleise weiter stehenden Waggon eines Güterzugs geklettert. Mit dem Kopf kam er an die Oberleitung mit einer Spannung von 15 000 Volt. Der Strom zog durch seinen Körper, der Junge wurde vom Dach geschleudert und hat bis zur Ankunft des Notarztes noch etwa 30 Minuten mit dem Tod gerungen. So hat es Anwalt Blomke aus den Akten der Staatsanwaltschaft gelesen.

Als die Polizei vor der Wohnung steht, ahnt die Mutter, dass etwas Schlimmes passiert ist. Die Leiterin einer Bäckerfiliale bricht zusammen, ist bis heute in therapeutischer Behandlung, ebenso wie Roberts jüngerer Bruder. Mindestens einmal pro Woche besucht sie das Grab ihres Sohnes auf dem Westfriedhof. „Er fehlt uns so“, sagt die Frau, die zusammen mit den Großeltern und Roberts Freunden am inzwischen stillgelegten S-Bahn-Haltepunkt auch eine Erinnerungsstelle pflegt. Sie stellt einen Blumentopf mit Frühblühern hin. Dieser Ort ist für die Mutter schwer zu ertragen. Noch immer kann sie das Unglück nicht fassen.

Vor-Ort-Termin gestern: Die 37-Jährige schaut auf die Waggons, die zum Greifen nah sind. Unter der Leiter aufs Waggondach versteckt weist ein Piktogramm auf die tödliche Gefahr des Kletterns hin.

Robert hätte es sehen müssen, sagt die Bahn. Aber es war dunkel und das Zeichen einzige Warnung.

„Solch gefährliche Anlagen müssen einfach besser gesichert sein“, sagt die Mutter. Nach einem Jahr Trauer habe sie die Wut gepackt und sie den Mut gehabt, gegen die Bahn zu klagen, auf die Versäumnisse aufmerksam zu machen, die ihren Sohn das Leben gekostet haben. „Es geht mir weniger ums Geld“, stellt die Rostockerin klar, „ich will andere Mütter und deren Kinder vor einem ähnlichen Schicksal bewahren.“ Im Herbst 2012 hat sie Klage eingereicht, im Juni beginnt der Prozess vor dem Landgericht. Zu einem Drittel wurde das Mitverschulden des 14-Jährigen eingeräumt.

Erst nach dem Unfall sei der Bahnsteig beleuchtet worden, berichtet Anwalt Blomke. Wartehäuschen wurden erneuert. Nach der Stilllegung des Haltepunkts im Dezember 2012 wurde das Verbotsschild aufgestellt, ohne das blaue Hinweisschild für einen Rad- und Fußweg abzumontieren. Rechtsanwalt Bomke ist zuversichtlich, dass der Prozess gewonnen wird. Die Bahn wird reagieren müssen, auch wenn Robert nicht zurückkommt.

Elektrische Spannung
Durch die Fahrdrähte für Züge der Deutschen Bahn fließen mehr als 15 000 Volt Starkstrom. Bei der Rostocker Straßenbahn AG sind es 700 Volt Gleichstrom. Aus Steckdosen in deutschen Haushalten kommen 230 Volt Wechselstrom. Immer wieder kommt es zu Unfällen, da auf Bahndämmen und Güterbahnhöfen Kinder und Jugendliche aufregende Abenteuer suchen. Die Bahn verweist deshalb stets darauf, dass Gleise nicht überquert, Bahnanlagen nicht betreten werden dürfen.

Doris Kesselring

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Rostock
An der Unglücksstelle am ehemaligen S-Bahnhof „Hinrichsdorfer Straße" legt die Mutter des vor zwei Jahren tödlich verunglückten Jungen Blumen ab.

Die Frau klagt klagt zwei Jahre nach dem Tod gegen die Bahn wegen Verletzung von Verkehrssicherungspflichten und fordert Schmerzensgeld und Schadenersatz von 30 000 Euro.

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