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Rostock Neues Leben: Rostock ist spitze bei der Parkinson-Forschung
Mecklenburg Rostock Neues Leben: Rostock ist spitze bei der Parkinson-Forschung
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00:00 16.04.2013
Brinckmansdorf

„Ich lebe mein zweites Leben“, sagt Parkison-Patientin Regina Semmler (59). 1994 wurde die Schüttellähmung bei ihr festgestellt. „Ich war wie fest gefroren.

Laufen konnte ich nur noch in ganz kleinen Schritten.“ Nach 14 Jahren geschah das Wunder: Regina Semmler konnte wieder richtig gehen. Auch das Zittern war weg — dank der Tiefen Hirnstimulation, die seit 15 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich angewendet wird.

Am Sonnabend luden Neurochirurgen und Neurologen der Uni-Kliniken Rostock und Greifswald ins Trihotel ein, um mit Patienten, Angehörigen und auch Ärzten über die bisherige Entwicklung der Tiefen Hirnstimulation zu sprechen.

„Das ist ein großes Wunder für die Betroffenen“, so überwältigend beschreibt Wolgang Jähme, niedergelassener Nervenarzt aus Schwerin, sein Erstaunen über die Entwicklung neurochirurgischer Verfahren.

Mehr als 200 Menschen, die an Parkinson, Dystonie oder auch Tremor (unwillkürliches Muskelzittern) erkrankt sind, wurden in MV behandelt. „Sogar aus Skandinavien kommen Patienten zu uns, die behandelt werden möchten“, sagt Alexander Wolters, Leiter der Ambulanz für Bewegungsstörungen und Tiefe Hirnstimulation der Uniklinik Rostock.

Das Verfahren: In den vorderen Kopf wird links und rechts jeweils eine Elektrode eingesetzt. Über ein Kabel sind die Elektroden mit einem Hinrschrittmacher verbunden, der in den Brustkorb implantiert wird. Mittels elektrischer Impulse an das Gehirn werden die fehlerhaften Informationen unterdrückt. Die Stromwellen sorgen dafür, dass die äußerlichen Bewegungsstörungen verringert werden. Für einen Parkinson-Patienten heißt das: Die Lähmungserscheinungen verbessern sich und auch das Zittern wird verringert.

Dadurch fand Regina Semmler neuen Lebensmut: „Ich kann jetzt wieder verreisen. Es ist so ein wundervolles Gefühl“, sagt die Rentnerin, die immer Unterstützung durch ihren Mann erfuhr. „Ohne ihn hätte ich das alles nicht gemeistert.“ Seit 37 Jahren sind beide verheiratet. „Ich nehme ihre Krankheit mit Humor“, sagt Siegward Semmler. Manchmal frage er sich schon, wo er seine Frau wieder ausschalten könne, sagt er und lacht.

Auch Jana Bützow kann durch die Tiefe Hirnstimulation wieder ein unabhängigeres Leben führen. „Ich habe eine Ausbilung zur Bürokaufrau gemacht und arbeite jetzt als Buchalterin beim Verein ohne Barrieren.“ Das wäre ohne die Operation nie möglich gewesen. Seit dem Bützow zehn Jahre alt ist, leidet sie an Dystonie. Die Krankheit zeigt sich durch unkontrollierbare Willkürbewegungen und abnormale Fehlhaltungen des Körpers.

Die 29-Jährige wurde damals sogar künstlich gelähmt — bis zum Hals hin. Das sei besser, als mit der Dystonie zu leben, sagt Neurologe Wolters. Bützow konnte dadurch ruhig liegen und schlafen. Vor zehn Jahren wurde ihr der Hirnschrittmacher eingepflanzt. „Ich bin zufrieden und führe ein neues Leben“, sagt Jana Bützow etwas stotternd. „Mein Stottern ist aber seitdem viel besser geworden.“ Auch selbständig essen und trinken geht wieder. Das war vorher nur mit einem Strohhalm möglich, ohne sich dabei zu bekleckern.

Ihr Bruder sei auch an Dystonie erkrankt. Er war der erste Dystonie-Patient, der 2002 operiert worden ist.

Luisa Schröder

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