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Rostock Nur noch ein Notdienst für Kinder
Mecklenburg Rostock Nur noch ein Notdienst für Kinder
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00:00 15.03.2013
Susan Palmer (34) mit ihren S�hnen vor dem Kindernotdienst in der Trelleborger Stra�e. Fotos (4): Ove Arscholl
Lütten Klein

Zu wenig Zulauf: Der Kindernotdienst im Ärztehaus in der Trelleborger Straße in Lütten Klein wird ab dem 1. April werktags nicht mehr besetzt sein. Das bestätigt Thomas Hohlbein (60), Rostocker Kreisstellenleiter der Kassenärztlichen Vereinigung, die das Angebot organisiert. Am Wochenende bleibe dieses aber bestehen, erwachsene Notfälle würden weiter täglich in der Praxis im Haus behandelt. Eltern mit kranken Kindern allerdings bleibt unter der Woche abends lediglich der Kindernotdienst im Ärztehaus an der Paulstraße in Stadtmitte als Anlaufstation.

Das stößt im Nordwesten vielen Eltern sauer auf. In die Stadt hetzten im Notfall? Kann sich Susan Palmer (34) kaum vorstellen, wenn ihr Sohn Finn nach Luft ringt. Der Dreijährige leidet mehrmals im Jahr unter Pseudo-Krupp-Anfällen, gefährlichem Husten, bei dem das Kind kaum Luft bekommt. Demnächst müsste sie sich unter der Woche von Lichtenhagen-Dorf zur Paulstraße aufmachen. Alternative wäre die Uni-Kinderklinik — zu der es mit dem Auto ebenfalls eine Viertelstunde wäre mit dem leidenden Jungen auf dem Rücksitz. „Finn muss bei solchen Anfällen sofort ein Medikament inhalieren, ein Kortison-Zäpfchen bekommen“, sagt Palmer. Der lange Weg würde die Hilfe unnötig hinauszögern.

Dirk Nitzschner (29), Vater eines Neunjährigen aus Lütten Klein, musste den Dienst bisher nie in Anspruch nehmen, wäre aber beruhigt, ihn weiterhin um die Ecke zu wissen. „Zumal Leuten, die kein Auto haben, ab 1. April nur bleibt, ein Taxi zu rufen oder sich mit krankem Kind in die Straßenbahn Richtung Stadt zu setzen.“ Für ihn die schlechtere Variante. Und nebenbei, im Fall der schnellen Taxifahrt, für viele auch ein Kostenfaktor.

38 000 Fälle betreuen die Notdienste im Jahr, davon sind 14 000 Kinder. Laut Hohlbein ist die Aufgabe des Angebots unter der Woche nur konsequent: „An den Werktagen nahmen nur ein, zwei Leute den Notdienst in Anspruch“, berichtet er. Zu wenig, um dauerhaft zwischen 19 und 22 Uhr eine Sprechstunde vorzuhalten. Und vor allem Kinderärzte zu binden — von denen es ohnehin zu wenige gebe in der Stadt. Im Lütten Kleiner Ärztehaus rotierten alle Kinderärzte der Stadt, um Notfälle zu betreuen. 32 sind es derzeit. Der Engpass werde sich noch verschlimmern, prophezeit Hohlbein: „Die Kollegen werden älter, es gibt keine Nachfolger für die Praxen.“

Den Unmut der Eltern im Norden versteht der Ärzte-Vertreter. „Aber wir sind im ganzen Land die einzige Stadt, die werktags überhaupt einen Kindernotdienst anbietet“, gibt er zu bedenken. Das sei ein freiwilliger Service für die Bevölkerung. Ein paar Kilometer zur Paulstraße auf sich zu nehmen, ist in seinen Augen „keine Zumutung“. „Was sollen Leute auf dem Land sagen, die es 100 Kilometer weit haben bis zum nächsten Arzt oder Notdienst?“

Im Vergleich zu anderen Orten kommt der Rostocker Kindernotdienst außerdem ganz ohne Zuschüsse von den Krankenkassen aus. „Die Ärzte selbst halten die Sprechstunde freiwillig vor“, stellt Thomas Hohlbein klar. „Die Kosten für die Krankenschwestern — sechs sind es für beide Dienste —, den Fahrdienst und die Miete werden per Umlage auf alle verteilt.“ Etwa 400 000 Euro Kosten seien in jedem Jahr zu bestreiten, berichtet Hohlbein.

Der Kindernotdienst im Ärztehaus der Paulstraße wird an den Wochentagen übrigens ebenfalls nicht allzu häufig frequentiert. „Nur am Wochenende ist die Auslastung stark“, berichtet KV-Mann Thomas Hohlbein. Den zweiten Standort unter der Woche auch aufzugeben, stehe aber derzeit nicht zur Debatte.

Bereitschaft ist Pflicht
Jeder niedergelassene Arzt in Deutschland hat eine „öffentliche Dienstpflicht“, am ärztlichen Notdienst teilzunehmen. Meist im Rotationssystem betreuen die Ärzte außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten an den Werktagen Notfälle. Große Besonderheit in Rostock: Alle Kinderärzte der Stadt betreiben den Kindernotdienst freiwillig — ganz ohne Zuschüsse der Krankenkassen.

Kerstin Beckmann

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