Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rostock Pastor Gerhardts große Dorftour geht zu Ende
Mecklenburg Rostock Pastor Gerhardts große Dorftour geht zu Ende
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 19.04.2013
Pastor Manfred Gerhardt (65) zündet in seiner Kirche in Rövershagen eine Kerze vor dem Altar an. Quelle: Michaek Schißler
Rövershagen

In seinem Dienstzimmer in Rövershagen hat er in diesen Tagen immer wieder einen Blumenstrauß stehen. „Ich gehe in Etappen in den Ruhestand“, sagt Manfred Gerhardt (65) lächelnd. Von dieser Gruppe kommt ein Strauß und von jenem Arbeitskreis. Das Tempo mag dem Mann entgegen kommen: „Ich habe anderthalb Jahre gebraucht, um von 150 runterzufahren.“ Aber die Ziellinie ist errreicht: „Nun werde ich langsam ein fröhlicher Ruheständler“, sagt der Rövershäger Pastor. Zum 1. Mai geht er, „das Mädchen für alles“. Denn das ist seiner Ansicht nach der Seelsorger auf dem Dorf.

Und vom Dorf war der Mann eigentlich nie fort. Geboren wurde er in Rugensee bei Schwerin, sein Vater war Kirchenältester und die Christenlehre hat er bei einer Frau in deren Wohnzimmer besucht. „Ich war ein eifriger Schüler“, erinnert sich Manfred Gerhardt, der aber erst über einen jungen Pastor im Nachbardorf an die Kirche herankam.

„Wichtig waren mir die Gespräche mit diesem frommen Mann“, sagt Gerhardt. Bevor er allerdings selbst Theologe wurde, kam noch die Schulzeit in Schwerin. Er legte sein Abitur mit Berufsausbildung ab.

Gerhardt lernte Maurer und arbeitet als Student in Rostock auf Baustellen. „Später als Pastor habe ich noch ein paar Schornsteinköpfe gemauert“, sagt er. Und dann kamen ganz andere Baustellen für ihn: Seine Vikarzeit in Ribnitz und die Jahre im „Taiga-Dorf“, dessen Namen er nicht verraten möchte, „irgendwo zwischen Waren und Malchow“. „Ein Dorf ohne festen Straßenanschluss, ich dachte nicht, dass es so etwas noch gibt.“ Als er und seine Frau schon fünf Kinder hatten, wurde er nach Rövershagen versetzt. Das war eine Verbesserung für die Familie: „Sie hatten hier ein leerstehendes Pfarrhaus, und wir konnten gut leben.“

Und die Gemeinde war größer. „Hier konnte n wir das eine oder andere verwirklichen“, sagt Manfred Gerhardt. Er baute eine ehrenamtliche Küstergruppe auf, die die Gottesdienste vorbereitete, und er organisierte Veranstaltungen, „denn hier ging das“. Die Gemeinschaft stand im Vordergrund: „Wir waren arm, aber wir waren beieinander.“ „Gefühlt hatten wir damals 1000 Mitglieder mit den Volkenshäger zusammen“, sagt Gerhardt. Sie hielten zusammen, die Rövershäger und Volkenshäger. „Das waren zwei ähnliche Dörfer und wir haben zum Beispiel zusammen Fasching gefeiert“, erinnert sich Gerhardt.

Nach der Wende aber wurde alles anders. Rövershagen entwickelt sich als politische Gemeinde gut, und die Kirchgemeinde nahm neue Aufgaben wahr, die Volkenshäger wollten das auch alles. „Wir haben damals für die Bedürftigen eine Kleiderkammer eingerichtet“, sagt Gerhardt, der die Jahre nach der Wende noch heute „als spannende Zeit“ sieht, auch weil Menschen aus den Strukturen der westlichen Bundesländer auf die im östlichen Aufbau stießen.

In der Partnergemeinde Lokstedt in Hamburg „kannten sie gar nicht so kleine Dorfgemeinden mit einem Pastor.“ Die Kirchgemeinde wurde damals zum Kulturträger des Ortes. „Die 90er Jahre waren geprägt durch ganz viel Musik, „vom Gospel, von jeder Art Kosakenformationen und Puppentheater“, sagt Gerhardt. Das war einerseits die Gelegenheit zur Begegnung unter dem Dach der Kirche. Aber es gab mehr:

„Wir haben etliche Jahre Kaminabende gemacht, da hat dann einmal eine Familie aus Bayern berichtet, wie es denn bei ihnen so aussieht“, erzählt Gerhardt. „Auch wenn von den Zugezogenen einige wieder Rövershagen verlassen haben, insgesamt ist das Dorf ein guter Schmelztiegel für Ost und West“, befindet der Seelsorger, in dessen Amtszeit die Kirche saniert wurde — auch mit Geld aus dem Rostocker Patronat.

Vielleicht, weil er vieles erledigt hat, vielleicht wegen der langen 30 Jahre in Rövershagen ist er im Rahmen seiner Entschleunigung zu „einem fröhlichen Ruheständler geworden“, der sich nun mehr aufs Fahrrad schwingen und die Vögel beobachten will.

Pfarrhaus wird Sitz des Gemeindepädagogen
Die Pastorenstelle in Rövershagen wird nach dem Fortgang von Manfred Gerhardt nicht wieder besetzt werden. Die Gemeinde wird jetzt vom Blankenhäger Pastor betreut werden, Volkshagen von der Bentwischer Pastorin. Pastor Günther Joneit ist unter der Telefonnummer 038201/837 zu erreichen, seine Kollegin Astrid Gosch unter 0381/68 15 01. Für die Kirchgemeinden Rövershagen und Volkshagen und Bentwisch wird derzeit ein Gemeindepädagoge gesucht. Er soll kirchliche Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien schaffen, Freizeiten anbieten und besondere Gottesdienste mitgestalten. Seinen Sitz wird er im Pfarrhaus in Rövershagen haben. Die Stelle soll zum August besetzt werden.


Am Sonntag, 21. April, wird Pastor Manfred Gerhardt mit einem Gottesdienst in der Kirche in Rövershagen verabschiedet.

Rövershagen ist ein guter Schmelzti- gel für Ost und West.“Manfred Gerhardt, Pastor in Rövershagen

Michael Schißler

Anzeige