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Rostock Per Tablet gefährliche Herzleiden überwachen
Mecklenburg Rostock Per Tablet gefährliche Herzleiden überwachen
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15:22 26.10.2018
Prof. Hermann Dittrich, Schwester Anja Feldhege und Patient Andreas Mottl (v.l.) unterhalten sich über das Projekt „HerzEffekt“. Quelle: OVE ARSCHOLL
Rostock/Rövershagen

Das Wohnzimmer von Rosemarie Harder ist gemütlich eingerichtet. Eine Anbauwand, ein großes Sofa, bequeme Sessel. Auf dem kleinen Tisch dann so etwas wie ein Fremdkörper: Ein moderner Tabletcomputer. Daneben medizinische Geräte. Rosemarie Harder nimmt das Gerät beschwingt zur Hand. „Am Anfang wusste ich nicht, ob ich die Bedienung überhaupt verstehe“, sagt sie. „Aber dann ist mir alles wunderbar erklärt worden.“Die Herzpatientin aus Rövershagen nimmt an einer Studie der Universitätsmedizin Rostock teil: „HerzEffekt MV“ lautet ihr Name.

„Es geht um die telemedizinische Begleitung von chronisch herzkranken Menschen“, erklärt Prof. Dr. Hermann Dittrich, Studienarzt von „HerzEffekt MV“. Das Projekt reagiert auf ein großes Manko in MV: Im Flächenland gibt es immer mehr Regionen, die von ärztlicher Versorgung immer weiter entfernt sind. Stichwort: Ärztemangel. „Gerade Menschen mit körperlichen Einschränkungen haben bei wachsenden Entfernungen zum Arzt Probleme, regelmäßige Kontrollen durchführen zu lassen“, so Prof. Dittrich.

Die lange Leidensgeschichte der Rosemarie Harder

Und vor allem bei Herzkrankheiten kann das fatale Konsequenzen haben. Denn die Symptome entwickeln sich oft innerhalb kürzester Zeit, und nicht selten unbemerkt von den Betroffenen. Arztbesuche im Abstand von einem Vierteljahr reichen manchmal nicht aus, um entsprechend medizinisch zu reagieren. „Das frühzeitige Erkennen dieser Symptome kann Komplikationen und vor allem die Einweisung ins Krankenhaus verhindern“, sagt Professor Dittrich.

Rosemarie Harder kennt das sehr gut. Die lange Leidensgeschichte sieht man der fröhlichen Frau gar nicht an. Sie wurde 1949 geboren, am 11.11., wie sie betont. 1990 war für sie ein Schicksalsjahr: Nach der politischen Wende und Problemen in der Familie machte ihr Herz nicht mehr mit. Eine Herzklappe ging kaputt und musste durch eine neue ersetzt werden. Allerdings bekam sie die erst 1992. Das ging eine Weile gut, bis 1995. Wieder ein Jahr voller Stress für Rosemarie Harder. Die Folge: ein Aneurysma, die Aussackung einer Ader im Kopf. „Das war eine Nebenwirkung davon, dass mein Blut künstlich dünn gehalten wurde“, erzählt sie.

Blutdruck messen: Daten per Tablet verschicken

In der Reha in Waldeck bei Rostock bekam sie Schmerzen in der Brust. Ihr Ehemann setzte sie ins Auto und fuhr sie in die Klinik. Dort wurde ein Blutgerinnsel an der künstlichen Herzklappe festgestellt. In einer weiteren OP entfernten die Mediziner die alteKlappe und setzen neue eine ein.Das kaputte Herz hat die Rövershägerin vorsichtig gemacht. Oft holte sie bei Unwohlsein den Notarzt, oft landete sie in der Notaufnahme. Künftig dürfte sich das ändern. Denn die Lösung für das Versorgungsproblem auf dem Land ist simpel: Patienten erfassen ihre Gesundheitsdaten selbst.

Täglich misst die Mecklenburgerin ihren Blutdruck, bestimmt die Sauerstoffsättigung des Blutes und stellt sich auf die Waage. Die Daten schickt sie per Tablet-Computer automatisch an die Unimedizin. Dort arbeiten Professor Dittrich und mehrere Betreuer, genannt „Fallmanager“, in einem Versorgungszentrum. Die Daten der beteiligten Patienten werden erfasst und ausgewertet. Das System reagiert sensibel auf Veränderungen. Sobald unter den Werten „Ausreißer“ vorkommen, melden sich die Fallmanager bei den Betreffenden.

Gerade bei Herzkrankheiten können, wie gesagt, innerhalb kürzester Zeit bestimmte Symptome auftreten, teilweise unbemerkt von den Betroffenen.So kann es passieren, dass ein Patient in relativ kurzer Zeit fünf bis sechs Kilo zunimmt, während sich der Sauerstoffgehalt des Blutes verringert. „Das sind Zeichen für eine zunehmende Herzschwäche“, erklärt Prof. Dittrich. Wenn die linke Herzkammer nicht richtig arbeitet, kann sich das frisch aus der Lunge kommende sauerstoffreiche Blut anstauen. Erreicht dieser Rückstau die Lunge, tritt Flüssigkeit aus den Gefäßen aus und lagert sich als „Wasser“ in Lungenbläschen an. Diese Veränderung, die innerhalb weniger Tage eintreten kann, lässt sich anhand der durch die Patienten erfassten Daten gut nachvollziehen.

Netzwerk für die Telemedizin

Ziel des telemedizinischen Projekts „HerzEffekt“ ist es, mittelfristig alle chronisch herzerkrankten Patientinnen und Patienten mit einem Zugang zu spezialisierter Betreuung auszustatten, und zwar direkt an ihrem Wohnort.

Teilnehmer leiden an mindestens einer der folgenden Erkrankungen: Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, schlecht behandelbarer Bluthochdruck.

Voraussetzung für eine Teilnahme an dem Projekt ist die Mitgliedschaft in der AOK oder der Techniker-Krankenkasse (TK). Die Teilnehmer müssen in Mecklenburg-Vorpommern zu Hause sein, sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein und schriftlich ihre Teilnahme bestätigen.

Nach der Diagnosestellung durch den Hausarzt und vor der Teilnahme wird an der Unimedizin Rostock eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt. Weitere Untersuchungen erfolgen nach sechs bis zwölf Monaten.

Erreichbar ist „HerzEffekt“ unter Tel. 0800 4558556

Weitere Informationen bim Hausarzt und im Internet unter www.herzeffekt-mv.de

Die Mediziner können bereits im Anfangsstadium Hilfe leisten, anders, als wenn die Betroffenen die Beschwerden wochenlang mit sich herumschleppen und erst viel später bei einem regulären Arztbesuch untersuchen lassen.„Insofern ist unser Projekt auch keine Konkurrenz für niedergelassene Kollegen“, sagt Prof. Dittrich. Im Gegenteil: Sowohl die Patienten als auch die behandelnden Ärzte können die Gesundheitsdaten abrufen. Medizinisch geht es darum, Komplikationen frühzeitig zu erkennen sowie Notarzteinsätze und Krankenhausaufenthalte zu verhindern.

„Derzeit betreuen wir 200 Patientinnen und Patienten“

Darüber hinaus wolle man zeigen, dass so ein Netzwerk aus Klinik, Haus und Facharzt sowie Patient funktionieren kann, so Dittrich.Bei Rosemarie Harder war dies der Fall. Im vergangenen heißen Sommer hatte sie mehrfach Schwächeanfälle. „Da haben mich die Betreuer aus der Unimedizin sofort kontaktiert und mir Ratschläge gegeben“, erzählt die Frau. „Früher hätte ich den Notarzt gerufen.“ Finanziert wird „HerzEffekt MV“ aus Bundesmitteln. Es ist eines der größten Vorhaben aus dem Innovationsfonds der Bundesregierung. Insgesamt kostet es 14 Millionen Euro.

Sechs Fallmanager arbeiten mit, alle sind ausgebildete Krankenschwestern oder medizinische Fachangestellte. Hinzu kommen zwei Ärzte, ein Ausbilder sowie eine Projektmanagerin nebst Assistentin. Projektleiter ist der Ärztliche Vorstand der Unimedizin Rostock, Prof. Christian Schmidt. „Derzeit betreuen wir 200 Patientinnen und Patienten, neue Teilnehmer werden gesucht. Das ist ein Modellprojekt für die ganze Bundesrepublik“, sagt Prof. Dittrich.

Matthias Schümann

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