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Petritor: Selbst die Jury nörgelt

Östliche Altstadt Petritor: Selbst die Jury nörgelt

Die Rostocker hätten bei der Auswahl der Entwürfe mehr Mitspracherecht bekommen müssen / Meinung der Bürger soll erst jetzt einfließen – so weit es noch geht

Östliche Altstadt. Weiter Diskussionen um das Petritor: Viele Rostocker lehnen die Sieger-Entwürfe für den Neubau des Stadttores in der Östlichen Altstadt ab. In den sozialen Netzwerken im Internet, in Leserbriefen und Foren hagelt es Kritik. Nun gerät auch der Wettbewerb zur Auswahl der Entwürfe in den Fokus. Zwei Jurymitglieder bemängeln fehlende Bürgerbeteiligung und zu hohen Zeitdruck.

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Die Rostocker hätten bei der Auswahl der Entwürfe mehr Mitspracherecht bekommen müssen / Meinung der Bürger soll erst jetzt einfließen – so weit es noch geht

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11 Mitglieder gehörten der Jury an. Fünf davon waren Architekten. Auch lokale Vertreter haben mitentschieden, darunter zum Beispiel Oberbürgermeister Roland Methling (UFR).

„Ich diente in der Jury nur als Feigenblatt für Bürgerbeteiligung“, sagt Joachim Lehmann vom Verein für Rostocker Geschichte. Keiner seiner fünf Favoriten habe es unter die ersten drei geschafft. Die Mehrheit der elfköpfigen Jury, die aus fünf Architekten bestand, entschied anders. „Ich hätte mir eine stärkere Anlehnung an das historische Petritor gewünscht“, sagt Lehmann. „Architekten haben aber eine andere Sicht als Historiker.“

Lehmann hätte den Ablauf des Wettbewerbs umgedreht: Erst hätten die 63 eingereichten Entwürfe im Rathaus ausgestellt und danach die drei Sieger bestimmt werden sollen. „Dadurch hätten wir eher eine Ahnung davon bekommen, was die Rostocker mehrheitlich wollen. Möglicherweise hätte das zu anderen Resultaten geführt“, sagt Lehmann. So aber wurden erst die drei Sieger ausgewählt und dann die 63

Wettbewerbsbeiträge im Rathaus für die Öffentlichkeit ausgestellt. Die massive Kritik an den Sieger-Entwürfen überrascht Lehmann daher nicht.

Das sieht Jurymitglied Andreas Herzog (SPD) vom Ortsbeirat Stadtmitte ähnlich. „So ein emotionales Thema hätte anders angepackt werden müssen“, sagt er. Ein zweistufiger Wettbewerb wäre besser gewesen. „Erst hätte die Jury aus den 63 Arbeiten zehn auswählen sollen, die ein Spektrum von ganz mutig bis ganz konservativ abdecken. Dann hätten die Bürger ihre Favoriten küren können“, so Herzog.

Doch gegen diesen Ablauf habe unter anderem das enorme Tempo gesprochen, das von der Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung (RGS) und der Stadtverwaltung vorgelegt worden sei. „Seit vielen Jahren engagiert sich unser Verein fürs Petritor. Doch es hieß immer, es sei kein Geld da oder es werde für andere Dinge gebraucht“, sagt Lehmann. Nun sei das Verfahren plötzlich hoppla-hopp durchgezogen worden.

Mit dem Ergebnis sind nach OZ-Informationen aber auch die Auftraggeber des Wettbewerbs unzufrieden: Der Lieblingsentwurf von Oberbürgermeister Roland Methling (UFR) habe es nicht mal ins Finale geschafft, heißt es aus Jury-Kreisen. RGS-Chefin Sigrid Hecht habe sich intern für den modernen Entwurf eines regionalen Büros ausgesprochen, sei damit aber bei der Fachjury abgeblitzt. Glücklich mit der Auswahl der Fachleute seien Hecht und Methling beide nicht.

Doch ob die Rostocker wollen oder nicht – sie müssen jetzt mit einem der drei Sieger-Entwürfe leben. Denn der Wettbewerb war so ausgeschrieben, dass einer der Preisträger beauftragt werden muss, wie die RGS auf OZ-Anfrage bestätigt. In die Endverhandlungen über die Gestaltung des Tores soll aber noch die Meinung der Bürger einfließen – „so weit wie möglich“, sagt RGS-Sprecherin Anja Brandenburg.

Mehr als 200 Rostocker haben sich schriftlich zur Ausstellung der 63 Wettbewerbsbeiträge im Rathaus geäußert. Die Auswertung laufe, so Brandenburg. Aus RGS- Sicht ist der Wettbewerb mit Realisierungsabsicht das optimale Verfahren gewesen, um „im Sinne einer schöpferischen Neuinterpretation die bestmögliche bauliche und gestalterische Lösung zu finden“. Dafür sollten unter anderem die lokalen und überregionalen Fachleute in der Jury sorgen.

Immerhin seien die drei Sieger-Entwürfe ein Mittelweg zwischen ganz modern und ganz alt, sagt Herzog. Sein Ortsbeiratskollege Christoph Eisfeld (FDP) hält sie sogar für mutig, gut durchdacht und von Sachverstand geprägt. „Die Akzeptanz dafür wird mit der Zeit wachsen“, ist Eisfeld überzeugt. Die Entwürfe müssten nur hier und da noch angepasst werden. Doch auch Eisfeld sagt: „Was gefehlt hat, um die Akzeptanz zu steigern, ist die Bürgerbeteiligung. Das war unglücklich.“

Millionen-Projekt Petritor: 2018 sollen die Bagger rollen

Das Petritor ist benannt nach der benachbarten Kirche. Es war vom Rat der Stadt ohne Vorwarnung am Morgen des 27. Mai 1960 beseitigt worden – angeblich, weil es der Verkehrsentwicklung im Wege stand. Das damals rund 700 Jahre alte Bauwerk mit gotischem Spitzbogen hatte die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg größtenteils unbeschadet überstanden. Es war ein „Vermittler“ zwischen dem Turm der Petrikirche, den alten Stadthäusern und der Mauer, die einst die mächtige Hansestadt vor Feinden schützte. Seit Jahren ist ein Neubau des Petritores im Gespräch. 2018 sollen nun die Bagger rollen, drei Millionen Euro will Rostock für das Vorhaben ausgeben. Aus ganz Europa beteiligten sich 63 Architekten am Planungswettbewerb „Stadteingang Slüterstraße“. Aufgabe war es, ein Ensemble aus Stadthäusern und Petritor zu entwerfen.

André Wornowski

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