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Rostock Rostocker Großprojekten droht das Aus
Mecklenburg Rostock Rostocker Großprojekten droht das Aus
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09:47 06.11.2018
Der Siegerentwurf für Rostocks neues Petritor: Auch auf dieses Vorhaben wollen die Grünen verzichten. Quelle: Gerkan, Marg und Partner
Rostock

Wenn Oberbürgermeister Roland Methling (UFR) im kommenden Jahr aus dem Amt scheidet, soll der Bau zwei seiner wichtigsten Vorhaben eigentlich bereits begonnen haben: An der Nordkante des Neuen Marktes soll ein Anbau für das historische Rathaus entstehen, in der östlichen Altstadt ein neues Petritor. Doch beiden Großprojekten droht nun das Aus – jedenfalls nach dem Willen der Grünen und des Stadtschülerrates. Sie wollen die beiden Neubauten ersatzlos streichen. Das Geld – zusammen immerhin knapp 29 Millionen Euro – soll in die Schulen der Stadt fließen.

Baukosten haben sich vervierfacht

Bis zu 500 Mitarbeiter der Stadtverwaltung sollen laut den Planungen in den Neubau am Neuen Markt ziehen. Zudem sind ein neuer, barrierefreier Bürgerschaftssaal und ein neues Trauzimmer geplant. Die Stadt will mit dem Vorhaben langfristig Geld sparen: Denn viele Verwaltungsgebäude in Rostock sind nur angemietet –die Alte Post beispielsweise oder auch Räume im Klenow Tor in Groß Klein. Und die Mietkosten seien, so heißt es aus dem Eigenbetrieb KOE, in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Das Plus im Klenow Tor soll beispielsweise bei 35 Prozent liegen.

Doch ob sich ein Neubau rechnet, zweifeln die Grünen stark an: Denn die Baukosten für das neue Rathaus haben sich vervierfacht. „Ursprünglich hieß es, der Verwaltungsneubau am Neuen Markt würde um die zehn Millionen Euro kosten. Im Wirtschaftsplan des KOE sind nun aber 40 Millionen Euro vorgesehen!“, so Uwe Flachsmeyer, Fraktionschef und OB-Kandidat der Grünen. Allerdings: Rund 15 Millionen Euro davon wären Städtebaufördermittel des Landes. Dennoch: „Was ist die Stadt seit Jahren plant, ist einfach nicht mehr einzusehen“, sagt er. „Das Rathaus ist seit der Wende mehrfach saniert worden, die anderen Verwaltungsgebäude ebenfalls. Aber es gibt in Rostock nach wie vor baufällige Schulen, zum Teil werden unsere Kinder in Containern unterrichten.“ Flachsmeyer weiter: „Beim Petritor das Selbe: Von 2,9 Millionen Euro sind die Kosten plötzlich auf 6,4 Millionen Euro gestiegen. Mehr als das Doppelte.“

Millionen für die Schulen

Die Grünen wollen sowohl das Petritor als auch den Rathaus-Bau vorerst zu den Akten legen – und das „gesparte“ Geld in marode Schulen stecken: „Bereits seit 2016 hat eine Sanierung des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums höchste Priorität. Doch das Vorhaben wurde auf die Jahre 2020 bis 2022 verschoben. Mit dem Geld aus dem Rathaus-Projekt könnten wir die Sanierung vorziehen“, sagt Flachsmeyer. „Die Schüler werden aktuell im sanierungsbedürftigen Hauptgebäude und – schlimmer noch! – in Containern unterrichtet.“ Auch Sanierungsarbeiten an der Heinrich-Schütz-, der Jenaplan-sowie der Grundschule Juri Gagarin sollen mit dem Geld bezahlt werden. Für diese drei Maßnahmen steht bisher noch gar kein Geld zur Verfügung.

Schülerrat: Stadt setzt falsche Prioritäten

„Die Stadt setzt falsche Prioritäten. Schule ist Zukunft!“, sagt auch Leonard Raudszus, Vorstandsmitglied des Rostocker Stadtschülerrates. Das Gremium begrüßte den Antrag der Grünen – und hofft, dass sich weitere Fraktionen anschließen: Auch wenn im Bereich Schule viel investiert worden sei, so seien die Pläne der Stadt und des KOE für die kommenden Jahre „nicht zufriedenstellend“. Eine Sanierung der Schütz-Schule sei zum Beispiel bereits für 2017 vorgesehen gewesen, nun ist davon keine Rede mehr in den aktuellen Planungen. „Schulgebäude, die Brandschutz- und Sicherheitsrichtlinien ebenso wenig entsprechen, wie sie eine Barrierefreiheit ermöglichen, dürfen nicht den Regelfall darstellen. Diesbezüglich muss sich dringen etwas tun.“, fordert Caro Freitag, Vorsitzende des Stadtschülerrates.

Überraschende Kritik an dem 40-Millionen-Euro-Projekt von OB Methling kommt auch von dessen Stellvertreter, Finanzsenator Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD). Der OB-Kandidat der Sozialdemokraten will den Neubau des Rathauses ebenfalls auf den Prüfstand stellen: „Ich bezweifel, dass das Vorhaben unter den neuen finanziellen Vorzeichen wirtschaftlich ist. Das müssen wir prüfen.“ Und außerdem: „Dass wir gemietete Räume aufgeben und stattdessen als Stadt selbst bauen, macht absolut Sinn. Aber warum ausgerechnet mitten in der Innenstadt? Wir sollten die Verwaltung zu den Bürgern bringen“, so Müller-von Wrycz Rekowski. Er fordert: „Ein Neubau für die Verwaltung im Nordosten oder Nordwesten könnte Geld sparen und die Stadtteil aufwerten.“,

KOE: Anforderungen gestiegen

KOE-Chefin Sigrid Hecht bestätigt, die Kostensteigerungen – aber: Die ursprüngliche Zehn-Millionen-Euro-Variante für den Rathaus-Anbau sei für 250 Mitarbeiter ausgelegt gewesen. Zwischenzeitlich hätte die Verwaltung aber Bedarf für 530 Arbeitsplätze sowie einen größeren Bürgerschaftssaal angemeldet. Wirtschaftlich sei der Bau dennoch: „Wir können eine Kaltmiete von acht Euro je Quadratmeter möglich machen. Für externe Immobilien zahlen wir zehn bis elf Euro.“ Außerdem: Wenn die Stadt den Bau absagt, seien zwei Millionen Euro Planungskosten vergeudet. Beim Petritor sei es ähnlich: „Dort wollen wir zudem eine historische Lücke in der Silhouette Rostocks schließen.“

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Andreas Meyer