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Rostock Putzen und Pizzadienst: Nebenjobs boomen wie nie zuvor
Mecklenburg Rostock Putzen und Pizzadienst: Nebenjobs boomen wie nie zuvor
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07:12 25.03.2014
„Wenn zu niedrige Löhne gezahlt werden, sind Menschen auf Zweitjobs angewiesen.“ Frank Schischefsky, Dienstleistungsgewerkschaft Verdi

Pizzen liefern, Babys sitten, Hotelzimmer putzen: Niemals zuvor gab es in Deutschland so viele Beschäftigte mit einem Nebenjob. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg hatten 2013 erstmals mehr als drei Millionen Menschen neben ihrem Hauptberuf noch einen Zweitjob. Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist diese Zahl kräftig gestiegen:

Nach den aktuellsten Daten der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit gingen im Juni 2013 in MV knapp 26 600 Arbeitnehmer einem Nebenjob nach — ein Plus von rund 1000 Beschäftigten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

„Gerade in Bereichen, in denen schlecht bezahlt wird, sind Menschen auf Zweitjobs angewiesen, um über die Runden zu kommen“, betont der Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Schischefsky. Branchenübergreifend müssten Arbeitnehmer beispielsweise zusätzlich an Tankstellen oder bei Wachdiensten aushelfen. Die Verdi-Forderung: „Wir brauchen vernünftige Löhne und Gehälter“.

Das gelte für Tarifverträge sowie für Mindestlöhne.

Bundesweit hat sich die Zahl der Arbeitnehmer mit einem Nebenjob seit der Wiedervereinigung mehr als verdreifacht auf zuletzt 3,02 Millionen. In diesem Jahr rechnet das IAB laut „Berliner Zeitung“erneut mit einer leichten Zunahme.

Einen wesentlichen Grund für den Anstieg für Zweitjobs sieht IAB-Forscher Enzo Weber in Vergünstigungen, die die Politik im Zuge der Hartz-Reformen beschlossen habe. Mehr als zwei Millionen Beschäftigte hätten neben ihrem Hauptberuf einen Minijob. Seit 2003 ist dieser Hinzuverdienst für die Beschäftigten hier praktisch steuer- und abgabenfrei. Weber kritisiert: „Es ist schwer nachvollziehbar, warum man den Zweitjob so begünstigt.“ Entlastet würden nicht nur Geringverdiener. Von der Regelung profitierten auch Gutverdiener mit einer Nebentätigkeit. Auch jeder Hochqualifizierte — z. B. in der IT-Branche — könne einen Nebenjob annehmen. Laut Weber müsste viel mehr differenziert werden: „Bei Geringverdienern müsste man grundsätzlich die Belastung reduzieren.“

Als weitere Gründe für Nebenjobs nennt der Sprecher der Arbeitsagentur Nord, Horst Schmitt, zudem die Erhöhung oder Sicherung des Lebensstandards — etwa um sich Urlaubsreisen leisten oder steigende Mieten bezahlen zu können. Nebenjobs gibt es laut IAB vor allem im Gastgewerbe und im Gesundheitswesen. Dennoch seien sie über den gesamten Arbeitsmarkt „breit gestreut“.

Eigentlich sollen Minijobs zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten für Geringverdiener schaffen und die Hürden für eine Einstellung senken. Die Verdienstobergrenze liegt bei 450 Euro. Die Zahl der Minijobber ist in Deutschland mit aktuell rund 6,9 Millionen in den vergangenen Jahren nahezu konstant geblieben. In MV ist sie hingegen seit 2009 um rund 2600 auf jetzt 81 700 gesunken. In Rostock waren laut einer Studie des Pestel-Instituts (Hannover) im Jahr 2012 rund 3519 Berufstätige auf einen Minijob als zusätzliche Einnahmequelle angewiesen. Innerhalb von zehn Jahren hat sich diese Anzahl um knapp 140 Prozent erhöht.



Axel Meyer und Cathérine Simon

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