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Rostock Rassismus in Rostock: Zahl der Gewalttaten steigt
Mecklenburg Rostock Rassismus in Rostock: Zahl der Gewalttaten steigt
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07:19 14.03.2019
Am 25. Februar 2004 wurde Mehmet Turgut in Rostock ermordet. Er gehörte zu einer Reihe von Opfern der Terrororganisation „Nationalsozialistischer Untergrund“. Quelle: Ove Arscholl
Rostock

Ein Montagabend im Dezember 2018: Nichts ahnend verlässt ein 35 Jahre alter Gambier den Supermarkt an der Osloer Straße in Lütten Klein, als plötzlich drei Männer auf ihn zukommen. Sie bedrängen und beleidigen ihn mit ausländerfeindlichen Sprüchen. Der Afrikaner versucht, der Situation aus dem Weg zu gehen. Plötzlich schlägt ihm einer der Angreifer mit einem Hammer ins Gesicht. Der Betroffene wird so schwer verletzt, dass er operiert und längere Zeit stationär behandelt werden muss.

Es ist eine von 35 rassistischen Gewalttaten in Rostock, die im vergangenen Jahr bei Lobbi, der Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt, gemeldet worden sind. Der Verein spricht von einem dramatischen Anstieg – 2017 waren es noch 18 Angriffe in der Hansestadt. Dabei sind die Fallzahlen landesweit rückläufig.

Hemmschwelle fällt

„Die Hemmschwelle der Täter fällt immer weiter“, sagt Lobbi-Sprecher Tim Bleis. Dies lasse sich an der zunehmenden Brutalität der Angriffe, aber auch an der Auswahl der Opfer ablesen. So sei der Anteil an gefährlichen Körperverletzungen auf über die Hälfte angestiegen und deutlich häufiger als zuvor seien Kinder und Jugendliche zum Angriffsziel geworden. „Das ist eine besorgniserregende Entwicklung“, sagt Bleis.

Ursache ist laut Lobbi eine kontinuierliche rassistische Propaganda. Auch habe sich die rechte Szene in Rostock in den vergangenen Jahren wieder stärker organisiert. Andererseits verfüge die Hansestadt über ein dichtes Unterstützer-Netzwerk, dass die Berichte von rechten Angriffen weitertrage und die Betroffenen an Lobbi vermittle. „Das ist in den ländlichen Regionen so eher nicht gegeben“, sagt Bleis.

Ängste werden geschürt

Aus Sicht von Rubén Cárdenas, Geschäftsführer beim Förderverein des Migrantenrates der Hansestadt, hat die Entwicklung mit der gesamten Stimmung im Land zu tun. „Es werden Ängste geschürt, vor allem von der AfD.“ Als Beispiel nennt Cárdenas die Kampagne gegen den Bau einer Moschee im Rostocker Hansaviertel. Unbekannte hatten auf dem in Frage kommenden Gelände zuletzt einen Schweinekopf abgelegt (die OZ berichtete). „Dabei gibt es noch gar keine Entscheidung, sondern nur Gespräche. Und trotzdem ist schon diese Stimmung da“, sagt Cárdenas.

Doch es gebe auch die andere Seite: Cárdenas spricht von sehr vielen Rostockern, die sich aktiv für eine offene Gesellschaft einsetzen. „Gerade die Demonstrationen gegen die AfD zeigen, dass es eine große Masse an Menschen gibt, die gegen Ausgrenzung ist.“ Auch sei bei der Flüchtlingsbewegung 2015 eine riesige Hilfsbereitschaft der Rostocker zu spüren gewesen. „Das war großartig.“ Ohne dieses Engagement wäre es nicht möglich gewesen, die Flüchtlinge zu versorgen, sagt Cárdenas. Er betont: „Es gibt Gewalt und Rassismus, aber es gibt auch das.“

Engagement für Toleranz

Laut Stephanie Nelles, Integrationsbeauftragten der Hansestadt, hat das ehrenamtliche Engagement der Rostocker im Jahr 2015 bundesweit für Eindruck gesorgt. Auch gebe es an der Warnow inzwischen eine breite Masse an Menschen, die sofort auf die Straße gingen, wenn es zu Rassismus oder rechter Propaganda komme. „Es ist wichtig Stellung zu beziehen, ein gemeinsames ,Wir' zu erzeugen als Zeichen für Toleranz und Vielfalt“, sagt Nelles. Die Rostocker seien durch die Ausschreitungen in Lichtenhagen 1992 und den NSU-Mord an Mehmet Turgut besonders sensibel bei dem Thema.

Das bestätigt Juri Rosov, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und des Migrantenrates. Im Alltag sei für seine Gemeinde in Rostock keine Zunahme von Rassismus spürbar. „Einige Migrantengruppen sehen das jedoch anders“, betont Rosov. In der jüdischen Gemeinde gebe es hingegen eher Ängste vor einem muslimischen Antisemitismus. „Bisher ist es bei den Ängsten geblieben.“

Angriffe werden seltener angezeigt

Für Cárdenas bleibt es eine langfristige Angelegenheit, Rassismus zu bekämpfen. „Dabei hilft die Aufklärung von Gewalttaten.“ Gerade bei den NSU-Morden sei es wichtig gewesen, zu erfahren, wie die Netzwerke funktionieren, sagt er. Im Fall des 35 Jahre alten Gambiers hat die Polizei wenige Tage nach der Tat einen Verdächtigen festgenommen.

Laut Lobbi werden jedoch rassistische Angriffe seltener bei der Polizei angezeigt. So hat das Innenministerium im Jahr 2018 „nur“ 42 rechte Gewalttaten in ganz MV festgestellt – die Beratungsstelle registrierte im gleichen Zeitraum 96 Fälle. „Häufig wollen Betroffene nach dem Angriff einfach zur Ruhe kommen, haben Angst vor weiteren Angriffen aus Rache oder haben schlichtweg andere Problemlagen zu bewältigen und nehmen deshalb Abstand von einer Anzeige“, sagt Bleis.

Aktionswoche gegen Rassismus

Zum Auftakt der Rostocker Woche gegen Rassismus ist am Freitag, 15. März, ein ökumenischer Gottesdienst im jüdischen Gemeindeszentrum in der Augustenstraße 20 geplant. Der multireligiöse Nachmittag beginnt um 17 Uhr und ist öffentlich.

Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Rassismus – Für Vielfalt und Toleranz“ steht am Mittwoch, 20. März, der 4. Drachenboot-Indoor-Cup im Hallenschwimmbad „Neptun“ . Zwischen 10 und 15 Uhr starten zahlreiche internationale Teams, um gemeinsam ein sportliches Zeichen für ein vielfältiges Miteinander in Rostock zu setzen.

André Wornowski

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