Rostock: Ärger um Bestatter im Auftrag der Polizei
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Rostock Hilfe, meine tote Frau wurde „entführt“!
Mecklenburg Rostock Hilfe, meine tote Frau wurde „entführt“!
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06:01 02.11.2018
Olaf Ellermann (59) aus Lichtenhagen steht vor dem Krematorium auf dem Neuen Friedhof in Rostock. Quelle: André Wornowski
Gartenstadt

Olaf Ellermann aus Lichtenhagen kann es nicht fassen. Völlig unerwartet ist seine Frau gestorben. Weil die Todesursache nicht eindeutig geklärt werden konnte, musste die Leiche in die Rechtsmedizin der Universitätsklinik geliefert werden. Nach Abschluss der Untersuchungen erteilte die Staatsanwaltschaft dann die Freigabe der Toten. Doch als Ellermanns Bestatter in der Rechtsmedizin eintrifft, ist seine Frau schon weg. „Auf dem Weg in ein kleines Dorf 30 Kilometer von Rostock entfernt“, sagt der 59-Jährige.

Olaf Ellermann schüttelt mit dem Kopf. „Ich bin sprachlos. Mein Bestatter kommt dahin und meine Frau ist weg. Das war ein Schock.“ Der „Gipfel der Frechheit“ sei für ihn gewesen, dass er sowohl die Kosten für den Rück-Transport nach Rostock als auch für die Kühlung der Toten bei dem Bestatter aus dem Umland zahlen sollte, wie er sagt und erhebt Vorwürfe gegen das Unternehmen. Dessen Chef weist die Darstellung jedoch zurück – zumindest was die Kosten angeht.

Vertrag mit der Polizei

Hintergrund: Das Polizeipräsidium Rostock hat Verträge mit Bestattern. Diese sind für die Bergung und den Transport von sichergestellten Leichen und Leichenteilen verantwortlich. „Ziel dieser Verträge ist der schnelle, einheitliche sowie unkomplizierte Abtransport von Leichenteilen, bei nicht-natürlichen Toden", sagt Polizeisprecherin Sophie Pawelke. Hierzu zählten vor allem Autounfälle oder andere Unglücksfälle.

Bei Frau Ellermann, die im Südstadt-Klinikum verstarb, sollte die Obduktion nun Klarheit über die Todesursache bringen. Solange war die Leiche beschlagnahmt. Als Vertragspartner der Polizei brachte das Bestattungshaus aus dem Landkreis die tote Frau vom Südstadt-Klinikum in die Rechtsmedizin.

Bestatter weist Vorwürfe zurück

„Sobald die Leiche zur Obduktion gegeben wurde, ist die Staatsanwaltschaft zuständig. Sie verfügt dann über die Leiche“, sagt Pawelke. Die Polizei sei dann nicht mehr verantwortlich für den weiteren Transport und somit auch nicht der Vertragsbestatter, so die Sprecherin. Doch Torsten Lange, Vorsitzender des Bestatterverbandes MV, widerspricht: Laut seinen Worten müsse der Vertragspartner der Polizei die Leiche nach der Obduktion noch zur nächstgelegenen Kühlung bringen – also zum Beispiel zum Neuen Friedhof oder zum Westfriedhof.

Dass die Leiche von Olaf Ellermanns Ehefrau jedoch nicht dorthin, sondern in das 30 Kilometer entfernte Dorf gebracht wurde, erklärt das kritisierte Bestattungshaus mit organisatorischen Gründen. „Nach der Freigabe habe ich die Leiche aber gleich am nächsten Werktag zum Neuen Friedhof gebracht“, so der Bestattungsunternehmer. Er versichert gegenüber der OZ: „Herrn Ellermann sind keinerlei Unkosten entstanden.“ Das Unternehmen hat laut eigener Internet-Seite auch eine Niederlassung in der Hansestadt.

Ermittlungsverfahren wegen Betruges

Es ist nicht das erste Mal, das Probleme mit einem Vertragsbestatter des Polizeipräsidiums Rostock auftreten. Im vergangenen Jahr sind mehrere Ermittlungsverfahren wegen Betruges gegen ein anderes regionales Bestattungshaus eingeleitet worden. Der Vertrag wurde daraufhin nicht mehr verlängert. Das Unternehmen soll viel zu hohe Rechnungen gestellt und Leistungen nicht erbracht haben.

Torsten Lange kennt die Vorwürfe und Strafanzeigen. Er spricht von einem strukturellen Problem, weil die Polizei nur nach wirtschaftlichen Kriterien ihre Vertragspartner auswähle. „Wir beobachten, dass die Bestatter beim Land ihre Leistungen für einen sehr, sehr günstigen Preis anbieten – damit die Angehörigen auf sie aufmerksam werden und möglichst bei ihnen verbleiben“, so Lange. Damit würden die Unternehmen dann ihr Geld verdienen. Doch: Angehörige dürfen den Bestatter frei auswählen, müssen nicht den Vertragspartner der Polizei oder der Staatsanwaltschaft nehmen.

Kampf um Leichen

Der Bestatter aus dem Umland fühlt sich zu Unrecht kritisiert. Hinterbliebene wie Olaf Ellermann würden ganz gezielt gegen ihn aufgestachelt werden, weil andere Bestatter auch gern Vertragspartner der Polizei sein würden. „Wir haben inzwischen 17 bis 18 Bestatter allein in Rostock. Es gibt einen Kampf um die Leichen“, sagt er. Verbandschef Lange bestätigt: „Es gibt viel Wildwuchs.“ Ursache dafür sei, dass im Prinzip jeder ein Bestattungsunternehmen gründen kann – auch ohne Ausbildung. „Sie brauchen sich einfach nur den Gewerbeschein holen und dürfen sich Bestatter nennen", so Lange.

Neue Gesetze gefordert

Der Bestatterverband MV hofft nun auf eine Expertenkommission für Bestattungskultur, die der Landtag eingesetzt hat. Das Ziel sind klarere gesetzliche Regeln. „Angehörige melden sich bei uns und sind oft entsetzt über das Vorgehen einiger Bestatter. Doch es gibt bisher kaum eine Handhabe, um Vergehen zu bestrafen.“ Olaf Ellermann kann das nicht verstehen. „In Deutschland gibt es für alles Gesetze. Aber für so etwas wichtiges nicht? Das kann doch nicht wahr sein“, sagt er. Die Todesursache seiner Frau kennt Ellermann noch immer nicht. Sie soll in den kommenden Tagen auf See bestattet werden.

Einäscherung kostet 240 Euro

Im Jahr 2017 gab es auf den drei Rostocker Friedhöfen insgesamt 1914 Beisetzungen, davon 84 Erd- und 1830 Feuerbestattungen. Laut Stadtverwaltung ist der Anteil von mehr als 90 Prozent Feuerbestattungen in den vergangenen fünf Jahren konstant geblieben. Gleichzeitig nimmt das Rostocker Krematorium auch Einäscherungen für die Umlandgemeinden vor - und hier steigt der Bedarf.

Urnengemeinschaftsgräber liegen aktuell im Trend. Der Aufwand ist geringer, die Pflege nimmt nicht so viel Zeit in Anspruch und es kostet weniger. Die Gebühr für eine Erdbestattung beträgt beispielsweise 940 Euro. Eine Urnengrabstelle mit zwei Urnen kostet hingegen 450 Euro. Allerdings kommen jeweils weitere Kosten hinzu. Beim Urnengrab sind zum Beispiel 240 Euro für die Einäscherung fällig.

André Wornowski

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