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Rostock Private Sicherheit für Rostocks Bürger
Mecklenburg Rostock Private Sicherheit für Rostocks Bürger
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10:31 29.09.2018
In der Alarmzentrale der Firma ABS in Schmarl werden mittlerweile bereits 500 private Haushalte überwacht. Quelle: Andreas Meyer
Schmarl

Etwas mehr als 450 Polizisten sind in Rostock im Einsatz, knapp die Hälfte davon im Streifendienst auf der Straße. Doch um die Menschen in der Hansestadt, Unternehmen und auch große Feste zu schützen, reicht das längst nicht: Mehr und mehr Sicherheitsaufgaben in der Hansestadt übernehmen private Fachfirmen. Branchenprimus in diesem Markt ist in Rostock die Alarm-, Bewachungs- und Sicherheitsdienst GmbH (ABS) aus Schmarl. Und der bekam in dieser Woche Besuch vom Innenausschuss des Schweriner Landtages. Die großen Themen: Cybersicherheit, der Schutz von Festen und kritischer Infrastruktur.

Mehr als 3000 Objekte unter Bewachung

„Das Berufsbild in der privaten Sicherheitsbranche hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert“, sagt ABS-Geschäftsführer Jörg Hübner. Auch sein Unternehmen habe als „Werkschutz“ angefangen: „Wir haben Firmen vor Einbrechern geschützt.“ Das macht ABS auch heute noch, aber die Anforderungen und auch die Zahl der zu schützende Objekte nehmen zu: Mehr als 3000 Firmen, Häuser, Wohnungen und Anlagen sind mittlerweile an die Alarmzentrale von ABS in Schmarl angeschlossen. Nicht nur aus Rostock, sondern auch von Partnerfirmen aus ganz Deutschland. Aus Speyer (Rheinland-Pfalz) etwa oder auch Berlin. Der kleine Raum, in dem Notrufe –auch automatisch von Alarmanlagen – auflaufen, ist einer der sichersten in ganz MV. Rein geht es nur durch eine Schleuse mit zwei dicken Stahltüren. Wenn von innen keiner aufmacht, bleiben die zu. Von hier aus werden die 400 ABS-Mitarbeiter und die 15 Streifenwagen geführt. Der Raum hat eine eigene Notstromversorgung, Türen und Fenster halten selbst dem Beschuss mit Granaten stand. „Nur zwei Firmen im Land haben eine solch sichere Zentrale“, sagt Hübner.

Schutz für kritische Infrastruktur

Das muss bei ABS auch so sein: Denn eines der großen Themen der Branche ist derzeit die sogenannte kritische Infrastruktur. Kraftwerke, wie das im Seehafen, zählen dazu, große Server-Farmen, Internet-Knotenpunkte, Behörden, Wasserwerke. Die Angst, dass diese Einrichtungen angegriffen werden könnten – zum Beispiel auch von Terroristen – wächst. „Wir sind als Berater aktiv und erarbeiten mit den Betroffenen Schutzstrategien“, erklärt Hübner. Der Seehafen Wismar und auch der Ölhafen in Rostock seien nur zwei seiner Kunden. „Und wir sichern selbst ab.“ Ein Kunde, dessen Namen ABS nicht nennt, sei beispielsweise in der Lebensmittelbranche aktiv. „Die haben Sorge, dass sich jemand an ihren Brunnen zu schaffen machen könnte und so irgendwas in ihre Saft-Produktion gelangen könnte.“ Auch die Stadt, die Feuerwehr und die Polizei befassen sich mit diesem Thema. 2017 gab es erste gemeinsame Übungen und Planungen für den Fall eines tagelangen Stromausfalls in der Hansestadt.

So arbeitet ein privater Wachdienst

Sicherheitslage ist gut

Vor zehn Jahren seien solche Sorgen und Ängste noch kein Thema gewesen. „Fakt ist: Die Sicherheitslage in Deutschland ist gut. Wir leben in einem der sichersten Länder der Welt. Das hat sich nicht geändert“, so Hübner. Die Sorge aber sei größer geworden. „Die Gefahr, dass wir in Rostock einen Anschlag erleben, geht aus meiner Sicht gegen null. Aber dennoch dürfen wir nicht arglos sein, müssen uns schützen.“ In Zukunft wolle sich ABS auch mit dem Thema „Cybersicherheit“ befassen. Auf Deutsch: Wie können Firmen und Privatpersonen ihre Computersysteme und -daten vor Angriffen von außen und vor Manipulation schützen?

Dass der Trend zu mehr Sicherheit geht – notfalls auch auf eigene Rechnung – kann Hübners Kollege Uwe Wendorf nur bestätigen. Er ist Chef des Sicherheitsdienstes Exsiro und weil sein Unternehmen Geld- und Werttransporte durchführt, wurde auch Exsiro als „kritische Infrastruktur“ eingestuft. „Wir haben die Versorgung der Bevölkerung mit Geld sicherzustellen. Auch bei Notlagen.“ Deshalb musste die Firma auch ihre eigenen Sicherheitsvorkehrungen verschärfen. „Aber das subjektive Sicherheitsempfinden und die objektive Lage gehen mittlerweile ganz weit auseinander. In Rostock ist es sicher.“

Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen

Ein weiteres großes Thema, bei dem mittlerweile statt der Polizei immer öfter private Sicherheitsexperten wie Exsiro und ABS die Federführung übernehmen: Veranstaltungen. ABS etwa sichert den Weihnachtsmarkt und die Hanse Sail, hat für beide Großevents die Sicherheitskonzepte erarbeitet – mit Wissenschaftlern aus ganz Deutschland zusammen. „2014, nach der Tragödie bei der ,Loveparade’ in Duisburg, kam das Thema auf. Seitdem haben wir viel gemacht, damit so etwas bei uns nicht passieren kann“, sagt Hübner. Die Polizei könne so etwas gar nicht mehr leisten, die Stadtverwaltung auch nicht. „Also beauftragen die Veranstalter und auch die Behörden selbst Private wie uns.“

Das gesamte Gelände der Hanse Sail zum Beispiel wurde bei ABS auf Karten abgebildet und in Planquadrate zerlegt. „Im Notfall weiß jeder so, wo er hin muss.“ Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei nutzen mittlerweile ebenfalls Hübners Karten. Im Auftrag der Stadt analysierte ABS etwa die Besucherzahlen und -ströme. „Konsequenz war, dass wir für Notfälle mehr Freiraum und breitere Wege schaffen mussten.“ Der ABS war es auch, der sich für die Sperrung der L 22 an den beiden meist besuchten Abenden der Sail einsetzten.

Und dann kam auch noch das Thema „Terrorismus“ auf: „Plötzlich waren die Eingänge wieder zu breit. Nach dem Anschlag mit einem Lastwagen auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin, mussten wir auch reagieren.“ ABS hat Lkw-Sperren aus Israel angeschafft und schwere Stahlpoller aus Torgelow. „Wir arbeiten eng mit den Behörden, insbesondere der Polizei, zusammen. Wir beurteilen die Sicherheitslage, treffen Entscheidungen und leiten Maßnahmen ein“, sagt Hübner. In diesem Jahr etwa war er es, der die Unterbrechung der Sail am Freitagvormittag wegen Unwetter-Warnungen ins Spiel brachte. „Wir haben bei der Sail sogar eigene Meteorologen. Die Unterbrechung war richtig. Dazu stehe ich.“ Eine erfreuliche Entwicklung aus Sicht Hübners: „Früher wurden unsere Leute oft belächelt – als Hilfssheriffs. Heute bedanken sich die Menschen, wenn wir etwa bei der Sail im Einsatz sind.“

Die selben Rechte wieder jeder Bürger

Rein juristisch haben die privaten Sicherheitsfirmen allerdings längst nicht die Befugnisse der Polizei. „Wir dürfen in der Regel nicht mehr als jeder normale Bürger“, sagt Hübner und spricht von den sogenannten Jedermannsrechten: „Gerade mal 15 unserer 400 Mitarbeiter dürfen zum Beispiel eine Waffe tragen.“ Alle anderen dürfen sich bei Angriffen verteidigen, dürfen auch Personen – Einbrecher etwa oder Randalierer – festhalten. „Aber wir müssen dann die Polizei rufen und sie übergeben.“ Ähnlich sehe es bei Veranstaltungen aus. Hübner und sein Mit-Geschäftsführer Jan Köhler sind mit ihren Leuten zum Beispiel bei Konzerten und auch den Heimspielen des FC Hansa Rostock im Einsatz.

Mittlerweile haben sie eine ganze Asservatenkammer voll mit verbotenen Gegenständen, die sie bei Kontrollen der Besucher entdeckt haben. Messer sind dabei, Schlagwerkzeuge, jede Menge Pyrotechnik – und einen Zimmermannshammer. „Den haben wir einem Handwerker abgenommen. Er war direkt von der Arbeit zu der Veranstaltung gekommen und hatte den Hammer am Gürtel vergessen“, so Köhler. Wenn die privaten Sicherheitsfirmen jemanden mit verbotenen Gegenständen erwischen, dürfen sie die aber nicht beschlagnahmen: „Wir haben dann nur das Recht, denjenigen nicht in die Halle oder das Stadion zu lassen. Wir müssen ihm die Sachen aber wiedergeben und er darf sie wegwerfen, behalten.“ Das gelte auch für Pyrotechnik, wenn sie bei Fußballfans entdeckt wird.

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Andreas Meyer