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Rostock Rostock war ein Zentrum des deutschen Flugzeugbaus
Mecklenburg Rostock Rostock war ein Zentrum des deutschen Flugzeugbaus
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00:05 18.05.2017

Ein gutes Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung des durch den Nazi-Krieg und den Kalten Krieg geteilten Deutschlands und in Vorbereitung der 800-Jahr-Feier der Verleihung des Lübischen Stadtrechts an Rostock – nicht seiner Gründung – befindet sich unsere Stadt wie das ganze Land in einem tiefgreifenden Selbstverständigungsprozess.

An einer Giebelwand in Reutershagen prangt eine etwa vier Meter hohe Sandsteinskulptur eines Heinkel-Arbeiters. Quelle: Foto: Helmut Aude
Der Arbeiter schaut einem Flugzeug nach, das entfernt wurde.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Heinkelmauer und der vor rund 15 Jahren gescheiterten Initiative zur Rückkehr der Flugzeugindustrie nach Rostock geraten Heinkel und Hans von Ohain in das Zentrum der Diskussion.

Vor kurzem brachte Rostocks Amtsleiterin für Kultur, Michaela Selling, diese Frage erstmals explizit in die Öffentlichkeit. Sie meinte natürlich kein Standbild der beiden Konstrukteure und Erfinder.

Heinkel nicht nur auf Bomber-Bau reduzieren

Es ist völliger Unsinn, Heinkel auf den Bomber HE 111 zu reduzieren. 1922 schon schlossen die im 1. Weltkrieg unterlegenen Deutschen und Russen den Vertrag von Rapallo, der ihre Isolation abschwächte, der jungen Sowjetunion Know-how verschaffte und der Weimarer Republik Rohstoffe. Für Deutschland unterschrieb Walter Rathenau und wurde dafür später von der deutschen Rechten prompt ermordet wie Luxemburg, Liebknecht, Erzberger auch.

Heinkel nutzte sowjetische Flugplätze und durchbrach so die Versailler Verbote. Nebenbei baute er die sowjetische Luftwaffe mit auf und erflog mit seinen Konstruktionen Dutzende Weltrekorde der zivilen Luftfahrt. Sein junger Mitarbeiter Hans Pabst von Ohain erfand mit dem Strahltriebwerk eine völlig neue Art des Antriebs. Beide ließen am 27. August 1939 das erste Düsenflugzeug der Welt über Rostock durch den Piloten Erich Warsitz fliegen. Wenn sich auch später ein bei Messerschmidt konstruiertes System durchsetzte, bleibt Ohains Erfindung neuartig und epochal. Er war kein Nazi, es kam glücklicherweise nicht zum Missbrauch seiner Erfindung, und so ist er weltweit anerkannt und geehrt, nur in Rostock nicht. Die DDR tabuisierte das Thema total. Die intensiven Forschungen von Volker Koos an der Rostocker Universität blieben in der Stadt ohne große Wirkung, da sie nicht in die breite Öffentlichkeit gelangten.

1992 schon gab es einen hervorragenden Vorschlag, die Heinkelmauer zu sanieren, was damals vielleicht noch möglich gewesen wäre, nämlich in die Fensteröffnungen auf wetterfeste Planen Abbilder der berühmtesten Heinkelflugzeuge zu hängen. In Bausch und Bogen abgelehnt, und zwar vereint vom Rostocker Konservatismus und den extremen Linken. Zehn Jahre später benutzten Letztere den Bomber und die Zwangsarbeiter als Argumente gegen die Ansiedlung für den Bau des A 380 und die Schaffung von vielen Hightech-Arbeitsplätzen in Laage.

Immerhin gibt es jetzt in Laage-Kronskamp das Ohain-Terminal und eine Heinkelstraße.

Wolfsburg steht zu seinen Autobauern

Schauen wir einmal zum Vergleich nach Wolfsburg. VW produzierte ebenfalls in großen Stückzahlen den Kübelwagen, den Jeep der Deutschen Wehrmacht. Porsche und Nordhoff haben Hitler wesentlich häufiger die Hand geschüttelt als Heinkel. Die beiden Hauptstraßen Wolfsburgs sind nach ihnen benannt. Trotzdem: VW produziert, investiert und ist „Das Auto“. Die Steuereinnahmen sprudeln.

Rostock hatte sie in den 20er 30er Jahren auch. Ergebnisse sind das Hansa-Viertel, der Thomas-Müntzer-Platz und Reutershagen, einer der schönsten Stadtteile zwischen Botanischem Garten, Schwanenteich, Wiener Platz und Kärntner Straße einerseits und andererseits der Hamburger mit Alt-Reutershagen und Marienehe.

Es ist viel Zeit vergangen und wir werden uns wohl von der Heinkelmauer, die übrigens auch die Anfänge des Dieselmotorenwerks Rostock nach dem 2. Weltkrieg symbolisiert, verabschieden, obwohl das Wiener Architekturbüro, das die Ausschreibung um das Werftdreieck gewann, sie wunderbar integriert hat.

Sandstein-Skulptur fehlt

das Flugzeug

So können wir uns die Forderung der Kulturamtsleiterin mit geringen Kosten zu eigen machen. Es ist nämlich noch eines vorhanden. Wo es sich genau befindet, klären wir in einer der nächsten Ausgaben. An einer Giebelwand in Reutershagen prangt eine etwa vier Meter hohe Sandsteinskulptur eines Arbeiters mit einem großen Hammer auf der Schulter, der, so dachte ich lange als unwissender junger Mensch, die Hand vor den Augen von der Sonne geblendet schien. Stimmt nicht, denn Mitte der 80er Jahre fand ich in der „Kommunalpolitischen Rundschau der Seestadt Rostock“ der 30er Jahre, die mir auch die Wiederentdeckung der beiden Rostock-Filme von 1930 und 1936 ermöglichte, im Stadtarchiv heraus, dass er einem Flugzeug nachschaut, das aber nicht mehr an der Wand war. Da es im Komponistenviertel keine Zerstörungen gab und andererseits Wandskulpturen der Schöpfer großartiger Musik, nach denen auch die Straßen benannt sind, noch an den Stirnwänden prangen, darf man annehmen, dass die Geschichtsbewältigung der DDR darin bestand, allein den Arbeiter zu ehren. Sein Produkt aber, das Flugzeug, abzuschlagen. Sinnlos und widersprüchlich, denn die beiden Stadtviertel der Flugzeugindustrie sind ja existent. Hier wohnten die Heinkelianer, wie sie hießen.

Spendenkonto für Erneuerung des Wandschmucks

Ich denke daran, unabhängig vom Schicksal der Mauer, analog des Wiederaufbaus des Petrikirchturms ein Spendenkonto einzurichten, aus dem ein Bildhauer den Wandschmuck wieder vervollständigt. Die Skulptur sollte sofort unter Denkmalschutz gestellt und eine gärtnerische Flurbereinigung der kleinen Fläche davor vorgenommen werden. Zum Schluss eine wetterfeste Hinweistafel. Ich hoffe, dass ich nicht ein Rufer in der Wüste werde wie bisher auch für eine Rückkehr des Brinckman-Brunnens ins Stadtzentrum.

Die Hansestadt Rostock und die Region besitzen mit der ältesten Universität Nordeuropas, mit international beachteten Innovationen (erste eiserne Schraubendampfer, Chemiker Witte, Konstrukteur Ohain), mit weithin geschätzten Zeugnissen von Architektur und Kunst genügend Potenzial, die endlich von vorgefassten Meinungen befreit werden müssen, um so die Identifizierung der Menschen mit dieser Region Rostock weiter zu stärken.

Helmut Aude

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