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Rostock Rostock: Neubaupläne für Moschee gestoppt
Mecklenburg Rostock Rostock: Neubaupläne für Moschee gestoppt
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22:36 19.03.2019
Ortsbeiratsvorsitzender Karsten Cornelius versucht, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Viele Bürger kamen nicht in den Sitzungssaal – die 55 Zuhörer-Stühle waren schnell belegt. Quelle: Claudia Labude-Gericke
Rostock

Die Neubaupläne für eine Moschee in Rostock liegen vorerst auf Eis – weil dem Islamischen Bund als Bauherren die finanziellen Mittel fehlen. Aber auch, wenn die Pläne im Rathaus ruhen – die Emotionen vieler Rostocker dazu kochen weiter hoch. Vor allem im Hansaviertel, da aktuell eine kommunale Grünfläche neben dem Botanischen Garten – im Dreieck Hans-Sachs-Allee/Holbeinplatz – favorisierter Standort für den neuen Hauptsitz des Islamischen Bundes in Rostock ist. „Der Standort ist aber denkbar ungeeignet“, sagt beispielsweise Anwohnerin Gudrun Przybylski. „Und wir haben schon mehr öffentliche Einrichtungen, als wir vertragen können“, erklärte der Ortsbeiratsvorsitzende Karsten Cornelius (SPD).

Unmut über den Einlass-Stopp

In den vergangenen Wochen waren vor allem die Gegner der Moschee im Viertel aktiv: So kursierten Schreiben einer angeblichen Bürgerinitiative namens „Hansaviertel in Sorge“, außerdem wurden im gesamten Stadtteil Flyer in die Briefkästen verteilt, die für viele Bürger den Anschein erweckten, sie kämen vom Ortsbeirat. „Aber wir sind nicht der Absender, wissen selber nicht, von wem der Flyer stammt und wurden ebenfalls davon überrascht“, erklärte Cornelius am Dienstagabend vor der Tür der Begegnungsstätte der Volkssolidarität in der Bremer Straße den wartenden und teilweise auch wütenden Bürgern. Denn nachdem die 55 Zuhörer-Plätze im Versammlungsraum belegt waren, wurde durch den im Vorfeld alarmierten Sicherheitsdienst niemand mehr reingelassen. Vielen Bürgern stieß übel auf, dass für die Sitzung kein größerer Raum organisiert worden war. Einige versuchten sogar noch, von der Rückseite des Gebäudes Einlass zu erhalten oder zumindest durch die Fenster mithören zu können.

Alle Stühle belegt: Viele Bürger wollten vom Ortsbeirat etwas zu den Moschee-Plänen im Hansaviertel erfahren. Quelle: Claudia Labude-Gericke

Viel konnte Karsten Cornelius zum Thema allerdings auch nicht sagen. „Wir haben uns bemüht, den Oberbürgermeister oder einen anderen Beauftragten herzubitten, aber vergeblich.“ Stattdessen hätte Methling ein Schreiben geschickt, in dem er knapp mitteilt, dass die Baupläne so lange ruhen, bis die Finanzierung geklärt sei. Den Anwesenden reichte das nicht. „Das Damoklesschwert schwebt also immer noch über uns“, flüsterte eine Bürgerin.

Viertel verträgt keinen Neubau mehr

Der Ortsbeiratsvorsitzende versuchte anschließend, die Debatte zu versachlichen. Viele Bürger seien nach dem OZ-Bericht über die Moschee-Pläne am Holbeinplatz auf ihn und die anderen gewählten Vertreter zu gekommen oder hätten Briefe zum Thema geschickt. „Bis auf zwei Ausnahmen hat keiner verlangt, dass die Muslime ihren Glauben in Rostock nicht ausleben dürfen, das steht ja schließlich auch so im Grundgesetz. Aber wirklich alle lehnen den gewählten Standort vehement ab“, so Cornelius. Die Gründe dafür seien vielschichtig, lägen aber vor allem daran, dass das Hansaviertel schon jetzt extrem dicht bebaut sei, sondern auch fast mehr öffentliche Einrichtungen hätte, als es vertragen kann – inklusive aller Nebenwirkungen wie erhöhtem Verkehr, Parkplatznot oder Lautstärke, um nur einige zu nennen.

Arbeitsamt, Uniklinik, Ostseestadion, das künftige Nato-Hauptquartier der Marine – „eine weitere öffentliche Einrichtung im Viertel ist unverantwortlich. Und das gilt nicht nur für die Moschee, sondern genau so für einen weiteren Kindergarten“, sagte Cornelius unter dem zustimmenden Nicken der Gäste.

Unbekannte haben am Dienstag Körperteile eines Schweins auf dem Gelände abgelegt, auf dem ein Gotteshaus für rund 2000 Muslime entstehen soll.

Die Entscheidung des Rathauses, der Islamischen Gemeinde den Standort am Holbeinplatz anzubieten, bezeichnete Cornelius als unvernünftig. „Dabei brauchen solche Entscheidungen Vernunft, weil sie nur dann von der Bevölkerung akzeptiert und mit getragen werden“, sagte er. So, wie es bisher gelaufen wäre, sei es ein „Beispiel, wie es nicht sein soll“. Der Ortsbeirat fühle sich deshalb verantwortlich, den Sorgen der Bürger bei diesem sensiblen Thema zuzuhören, auch wenn das Gremium bisher keine Informationen zu den Moschee-Plänen hätte.

Transparente Untersuchung verschiedener Standorte gefordert

Dass der Islamische Bund aufgrund der Baupläne der Stadt am Groten Pohl einen neuen Standort bräuchte und sucht, sei verständlich. „Aber wir müssen auch verlangen, dass hier Varianten untersucht und mit gleichem Maßstab bewertet werden“, so Cornelius. Er versprach, sich dafür einzusetzen, dass es bezüglich des möglichen Moschee-Neubaus nicht zu einem „Hinterzimmerbeschluss“ kommt, sondern dass der Ortsbeirat die Bürger in einem größeren Rahmen informiert, sobald das Gremium mehr dazu wisse.

Um diese freie Fläche zwischen Holbeinplatz, Hans-Sachs-Allee und dem Botanischen Garten geht es. Quelle: Ove Arscholl

Vielen der anwesenden Bürger fiel es schwer, diesen Aussagen zu glauben. „Wie sollen wir denn vertrauen, wenn es schon so lange Gespräche gibt und wir als Anwohner nicht informiert werden“, sagte Gudrun Przybylski. Sie habe nichts dagegen, dass eine Moschee gebaut würde, halte aber den Standort für denkbar ungeeignet. Schließlich kämen beispielsweise bei Fußballspielen oder Konzerten die Menschenmassen vom Holbeinplatz aus, was bereits jetzt Probleme verursache, zum Beispiel mit Wildpinklern oder Alkoholisierten. „Da sind Randale vorprogrammiert“, fürchtet die Ortsansässige.

Zudem sei die Grünfläche neben dem Botanischen Garten auch von der Entwässerung her sehr problematisch und schwer zu bebauen, stimmte Gudrun Przybylski anderen Anliegern zu, die dieses Argument im Ortsbeirat vorgebracht hatten.

Flyer als Provokation, die Stimmung weiter aufzuheizen

„Aber dass die Muslime neue Gebetsräume brauchen, ist unbestritten“, erklärte Hans-Peter Fal. „Ich war zum Tag der offenen Moschee in der Südstadt und das aktuelle Haus ist in einem beschämenden Zustand“, sagte er. Fal war wenig überrascht, dass am Dienstagabend so viele Bürger zur Ortsbeiratssitzung gekommen sind. „Moschee ist für viele ein Reizwort und der Flyer war deshalb in seiner Aufmachung eine reine Provokation, um die Stimmung aufzuheizen.“

Grundstücksverkauf vom Tisch: Maximal Pacht möglich

Auch wenn die Standortverhandlungen aktuell ruhen: Dem Islamischen Bund rennt die Zeit davon. Das Mietverhältnis für die aktuellen Räume in der Erich-Schlesinger-Straße läuft aus, sobald der B-Plan für den Groten Pohl in Kraft tritt, was laut der Verwaltung spätestens kommendes Jahr der Fall sein dürfte. Der Standort am Holbeinplatz seit laut einer Studie der Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung für den Neubau einer Moschee geeignet.

Insgesamt leben in Rostock aktuell etwa 2000 Muslime. Benötigt würde ein Grundstück von zirka 2000 bis 2500 Quadratmetern Größe. In einem rund 1100 Quadratmeter großen Gebäude sollen zwei Gebetssäle für circa 400 Personen mit entsprechenden Nebenflächen entstehen. Bereits im November hatte der Islamische Bund einen Kaufantrag für die Fläche am Holbeinplatz gestellt. Mittlerweile hätten sich laut Auskunft der Stadtverwaltung aber auch die Bedingungen grundlegend verändert. Durch einen Beschluss der Bürgerschaft würde bei kommunalen Grundstücken die Erbbaupacht dem Verkauf bevorzugt. Das betrifft auch den Islamischen Bund, der ein Grundstück demzufolge nur pachten, nicht aber erwerben könnte.

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Claudia Labude-Gericke