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Rostock Rostocker Problemkids: 569 Straftaten in acht Monaten
Mecklenburg Rostock Rostocker Problemkids: 569 Straftaten in acht Monaten
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14:07 14.02.2019
Ermittler Olaf Beyer sucht das Gespräch mit den „Jugendbanden“ - auch auf dem Jakobikirchhof. Quelle: Andreas Meyer
Rostock

An diesem Abend ist es ruhig in Rostocks Innenstadt. „Schauen Sie doch mal auf das Thermometer“, sagt Olaf Beyer. „Wir haben Minus-Temperaturen.“ Natürlich sei da weniger los. Und doch sind sie da – jene Jugendlichen, die seit fast zwei Jahren Rostock in Atem halten, die sich selbst als „Gangs“ bezeichnen und durch Gewalt und Drogen-Delikte von sich reden machen. Beyer und seine Kollegen haben sie aber im Visier. Seit Mai 2018. Denn seitdem gibt es die „OTEG“, die „Operativ-taktische Einsatzgruppe“ der Rostocker Polizei. Und Beyer ist ihr Chef.

Unsichtbar und immer da

Wer dem Hauptkommissar in der Innenstadt begegnet, hält ihn für einen der vielen „normalen“ Passanten. Beyer trägt Zivilkleidung. Winterjacke, dicker Schal. Funkgerät, Schlagstock und Dienstwaffe hat er bei sich. Aber sie sind „unsichtbar“. „Wir wollen nicht auffallen“, so der Chef-Ermittler. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. 14 Beamte hat die Inspektion für die OTEG abgestellt. Alle haben sich freiwillig gemeldet für die Aufgabe. „Anfangs war es unsere Aufgabe, die klassische Kleinkriminalität zu bekämpfen. Heute gehört viel mehr zu unserem Job.“ Vom frühen Nachmittag an bis in die Nachtstunden sind die Zivilermittler im Einsatz. In der Innenstadt, aber auch in der Östlichen Altstadt und im Nordwesten. Überall dort, wo sich die „Gangs“ auf offener Straße treffen.

Mit der OTEG reagierte die Rostocker Polizeiführung um Inspektionschef Michael Ebert und Kripo-Chef Sebastian Schütt auf die zunehmenden Probleme mit den Jugendlichen. Vor dem Kröpeliner Tor und auf dem Doberaner Platz hatte es Massenschlägereien gegeben, Messer wurden auch gezückt. In den Wallanlagen wurden offen Drogen konsumiert und auch gehandelt. Die Händler beklagten sich, Anwohner lebten in ständiger Sorge. Durch die Spezialeinheit wurde es besser. Bis Ende April ist das Projekt zunächst befristet. „Ich bin optimistisch, dass die OTEG ihren Dienst auch danach nicht einstellen muss“, sagt Kripo-Leiter Schütt bereits jetzt. „Wenn wir ein paar Tage regelmäßig an einem Brennpunkt unterwegs waren, war dort auch ganz schnell Ruhe“, sagt OTEG-Chef Beyer. „Aber kaum schauen wir weg, sind die Gangs auch wieder da.“

Gemischte Gruppen, viele Brennpunkte

Gangs – das klingt nach bewaffneten Banden, die wie in amerikanischen Spielfilmen ganze Stadtviertel regieren. Beyer lacht: „Natürlich ist es bei uns lange nicht so schlimm.“ In Rostock sind die Gangs eher Jugendgruppen. Die Mitglieder sind zwischen zwölf und 30 Jahre alt. „Sie geben sich ulkige Namen“, verrät Beyer. Ein nennt sich beispielsweise „305“. „Das ist die Nummer des Zimmers in der Flüchtlingsunterkunft Langenort, in der sich die Mitglieder anfangs immer getroffen haben.“ Eine andere Gruppe nennt sich „AKS“. Das soll „Auf krimineller Schiene“ bedeuten. „Diese Jungs sind uns vor allem durch Fahrraddiebstähle im Nordwesten aufgefallen.“

Wie viele solcher Cliquen es in Rostock gibt, sagt die Polizei nicht. „Mehrere“ ist die Antwort. Manchen Gruppen gehören nur deutsche Jugendliche an oder nur Kinder von Spätaussiedlern aus den Staaten der ehemaligen UdSSR, manche Gangs haben nur syrische und manche nur somalische Mitglieder. „Aber meist sind die Banden komplett gemischt“, so Fahnder Beyer. Es gibt auch eine Gang, in der rechtsextreme Jugendliche organisiert sind. Kommuniziert wird über Nachrichtendienste auf den Handys – über WhatsApp zum Beispiel. Nach acht Monaten im Einsatz kennen die OTEG-Beamten die Brennpunkte: „Eigentlich sind die Cliquen zwischen Neuer Markt und Doberaner Platz unterwegs, im Sommer auch am Warnowufer“, so Beyer. Haupttreffpunkt ist der Jakobikirchhof. Und genau dort sind auch die Fahnder.

Polizeihauptkommissar Olaf Beyer leitet die zivile Sondereinheit der Rostocker Polizei. Quelle: Andreas Meyer

Streetworker mit Dienstwaffe

In der Dunkelheit am Kröpeliner Tor, versteckt hinter Bäumen, stehen zwei Männer. Einer hünenhaft groß, der andere etwas kleiner und muskulös. Beyer spricht sie an. Es sind Kollegen. Aus dem Schatten heraus haben sie alles im Blick. Auf der Kröpeliner Straße sind zeitgleich zwei weitere Beamte im Einsatz. Ein Mann und die einzige Frau im Team. Sie wirken wir ein Paar. Das macht sie unauffällig. Die meisten Jugendlichen kennen die OTEG-Fahnder persönlich – und sie sprechen sie nicht nur an, wenn etwas geschehen ist: „Wir suchen regelmäßig den Kontakt“, so Kommissar Beyer.

Im KTC sieht er drei junge Migranten. „Der eine ist der Chef der Gang“, erzählt Beyer. Der Jugendliche saß bis Jahresende noch im Jugendgefängnis Neustrelitz, ist unter Auflagen wieder draußen. Beyer geht auf ihn zu, fragt nach der Lage. Die drei Jugendlichen sind nett, geradezu höflich. Danach erzählt Beyer, dass der Gang-Chef gerade mit seiner Freundin zusammengezogen sei und nun eine Lehre machen wolle. Sie wünschen einen schönen Abend, Beyer zieht weiter. „Wir haben Vertrauen aufgebaut. Die Jugendlichen wissen, dass wir da sind und dass wir durchgreifen. Aber sie wissen auch, dass es besser ist, mit uns zu reden.“ Manchmal, sagt er, nehmen die Beamten Aufgabe wahr, die eigentlich Streetworker übernehmen sollten. Davon gibt es aber viel zu wenige.

Die Netzwerke kennen die Fahnder mittlerweile bestens: Welche Gang hat Streit mit welcher anderen Gruppe, wer mag sich und wer nicht. Sie kennen zum Teil sogar die Freundinnen der jungen Problemkids. „Manchmal ist leichter, die Jungs über ihre Freundinnen zu erreichen. Den sagen wir, dass wir Redebedarf haben – und wenig später rufen die Jungs zurück.“ Die OTEG weiß auch, wer von den Jugendlichen gefährlich ist. „Es gab einen jungen Mann, den haben wir nur zu zweit angesprochen. Leider sind die Jugendlichen oft bewaffnet. Meist mit Messern.“ Die Ermittler kriegen mittlerweile auch mit, wenn es Streit gibt. „Die Cliquen gehen dann ganz schnell auf einander los – und wir haben wieder Massenschlägereien. Bevor es so weit kommt, gehen wir dazwischen und sprechen sie an.“

Drogen-Delikte nehmen dramatisch zu

Eines haben die Gangs aber alle gemein: Sie sind nicht harmlos – und sie haben fast alle mit Drogen zu tun. „Hauptsächlich mit Cannabis“, so Beyer. Wie groß das kriminelle Potenzial der Problemkids ist, belegen die Zahlen: In nur acht Monaten schrieben die Fahnder der OTEG 569 Strafanzeigen gegen Jugendliche aus den selbst ernannten Gangs – zwei Drittel davon wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. „Abschließende Zahlen liegen uns für 2018 noch nicht vor“, betont Kripo-Chef Sebastian Schütt. Aber: „Die Tendenz der vergangenen Jahre war bereits steigend. Und wir rechnen für 2018 mit einem weiteren, enormen Anstieg der Drogen-Delikte in Rostock.“ 2017 zählten die Fahnder mehr als 1000 Straftaten in diesem Bereich. Jetzt kommen noch mal mehr 330 von den Problemkids hinzu. „Wo wir genauer hinschauen, finden wir auch mehr“, so Schütt. „Aber es könnte auch sein, dass mehr und mehr Drogen in der Hansestadt im Umlauf sind.“

In einer vorherigen Fassung dieses Artikels haben wir im Zusammenhang mit einem Lichtbild (das inzwischen gelöscht wurde), das drei an einem Geländer stehende Männer zeigt, den Eindruck erweckt, dass der in der Mitte abgebildete Mann „Chef“ einer „Gang“ sei und im Jugendgefängnis gesessen habe. Dieser Eindruck ist unwahr. Die Redaktion

Andreas Meyer

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