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Rostock Ärztekammer-Präsident Crusius fordert: „Dem Kommerz widersetzen“
Mecklenburg Rostock Ärztekammer-Präsident Crusius fordert: „Dem Kommerz widersetzen“
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16:54 27.09.2018
Prof. Andreas Crusius, Präsident der Landes-Ärztekammer Quelle: Dietmar Lilienthal
Rostock

Zuletzt sind die Kliniken in Mecklenburg-Vorpommern aus verschiedenen Gründen in die Kritik geraten. Prof. Dr. Andreas Crusius (62) arbeitet als Oberarzt am Universitätsklinikum Rostock. Viele Probleme kennt der Kammer-Präsident aus eigenem Erleben im Klinik-Alltag.

Landesbildungsministerin Birgit Hesse (SPD) fordert ein Umsteuern in der Gesundheitspolitik. Sie auch?

Prof. Andreas Crusius: Es muss zwingend umgesteuert werden, wenn das Gesundheitssystem nicht gegen den Baum gefahren werden soll. Veränderungen sind nötig, damit Ärzte ihrem Auftrag gerecht werden können und nicht zu Handlangern des Kommerzes werden.

Woran machen Sie das fest?

Klinikkonzerne und Krankenhausökonomen verlangen immer mehr Operationen, immer mehr Katheter, immer mehr Behandlungen, um steigende Gewinne zu erwirtschaften. Am Personal wird so gespart, dass die notwendige ärztliche und pflegerische Zuwendung zum Patienten nicht mehr geleistet werden kann.

Es ist politisch gewollt, dass Kliniken wie Wirtschaftsunternehmen geführt werden. Haben Sie damit ein Problem?

Ja, denn Gesundheitsversorgung gehört zur Daseinsvorsorge des Staates. Deshalb dürfen Beschäftigte im Gesundheitswesen nicht zur Gewinnmaximierung verpflichtet werden - genauso wenig wie Polizei, Justiz und Feuerwehr.

Müssen nicht aber niedergelassene Ärzte und Therapeuten wie Unternehmer agieren?

Um Gewinnmaximierung darf es nirgends gehen - nicht in Krankenhäusern, nicht in Niederlassungen, Rehakliniken, Medizinischen Versorgungszentren. Und es gilt für alle, also auch für medizinisches Fachpersonal wie Schwestern, Pfleger, Physio- und Physiotherapeuten und Logopäden.

Die Unimedizin Rostock hat 2017 mehr als 9 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet, es kam zum Eklat um Ex-Vorstandschef Christian Schmidt. Jetzt soll eine unabhängige Kommission das Geschehen aufarbeiten, ein richtiger Ansatz?

Zunächst einmal sollten andere die Vorgänge bearbeiten, nämlich die Ermittlungsorgane von Staatsanwaltschaft, Ärztekammer, Steuerbehörde und Ministerium. Dann kann auch eine unabhängige Kommission das System Gesundheitswesen durchleuchten.

Die Ärztekammer ermittelt selbst?

Ja, es geht um Vorwürfe wegen unärztlichen Verhaltens sowie Nötigung von Schwestern und Ärzten.

Richten sich die Vorwürfe gegen Ex-Vorstandschef Schmidt?

Nicht gegen ihn allein, sondern gegen die Führungsriege der Unimedizin.

Was werfen Sie dem Führungsstab vor?

Wir wollen verschiedene Dinge geklärt haben. Das beginnt bei nicht dokumentierten Personalgesprächen. Und reicht bis zum Vorwurf der Nötigung, dass Ärzte Verträge unterschreiben sollen, bei denen die Vergütung von Leistungssteigerung abhängig gemacht wird.

Sie meinen, dass Ärzte Boni erhalten, wenn sie mehr operieren? Oder wofür steht Leistungssteigerung?

In Arbeitsverträgen von Chefärzten und leitenden Oberärzten wird verlangt, mehr Patienten zu behandeln oder mehr am Patienten zu machen als nötig ist. Das ist ein Verstoß gegen die Berufspflichten und kann auch strafrechtlich relevant sein. Betroffene haben sich an die Kammer gewandt und wir gehen dem nach.

Wie geschieht das?

Bundesärztekammer und Deutsche Krankenhausgesellschaft haben gemeinsam eine Stelle geschaffen, wo Ärzte ihre Verträge anonym einreichen und prüfen lassen können. Auch aus Mecklenburg-Vorpommern haben das bereits einige Kollegen getan, sowohl von der Unimedizin Greifswald als auch aus Rostock.

Liegen schon Ergebnisse vor?

Ja. Mir sind zwei Fälle bekannt, bei denen die Prüfer auf Punkte stießen, die nicht mit der Berufsordnung vereinbar sind.

Warum mischt sich die Kammer ein?

Ärzte haben fünf grundsätzliche Aufgaben: Kranke zu heilen, Leiden zu lindern, Kinder auf die Welt zu holen, Sterbende zu begleiten und präventiv Krankheiten zu verhindern. Ärzte sind nicht dazu da, Sozialversicherungsbeiträge der Bürger in Gewinne für Universitäts- oder kommunale Krankenhäuser umzuwandeln. Oder für private Träger Renditen zu erwirtschaften, die an Aktionäre ausgeschüttet werden. Chefärzte sollten nicht zur Leistungssteigerung genötigt werden, sondern sich mit der Optimierung der Prozesse befassen.

Was meinen Sie mit Optimierung?

Sie sollten sich darum kümmern, dass ausreichend Pflegepersonal da ist und ausreichend Sekretärinnen, die Arztbriefe schreiben, damit Fach- und Oberärzte Zeit haben, Assistenzärzte an ihre späteren Aufgaben heranzuführen. Chefärzte sollten sich auch um Faktoren kümmern, die zum Wohlbefinden am Krankenhaus beitragen, nicht zuletzt das Essen.

Sie sind selbst Oberarzt in der Rostocker Unimedizin. Wo begegnen Ihnen Dinge, die Sie ärgern?

Das Personal ist am Rande der Belastungsgrenze. Es fehlt Zeit für die Aufnahme der Krankengeschichte, für die Zuwendung zum Patienten. Man fühlt sich wie ein Gejagter. Und mich stört auch, dass Spüllösungen aus der Nähe von New York importiert werden.

Spüllösungen?

Einfache, physiologische Kochsalzlösung, mit der Kanülen vor Medikamentengaben gespült werden. Jede Krankenhausapotheke kann die komplikationslos steril selbst herstellen. Stattdessen kommt sie in Einmalspritzen verpackt über den Atlantik. Was das kostet, weiß ich nicht. Aber es liegt nahe, dass es preiswerter wäre, die Lösungen in Rostock herzustellen.

Stichwort Personal: Gibt es in anderen Kliniken ähnliche Probleme?

Im größten privatwirtschaftlich geführten Krankenhaus des Landes, der Helios-Klinik Schwerin, fielen Operationen aus, weil mehrere Narkose-Ärzte kündigten. Stralsunds Helios-Klinikum trennt sich von den fest angestellten Hebammen. Auch in Reha-Kliniken gibt es Unterbesetzung und Überlastung der Mitarbeiter.

Es heißt, dass Ärzte sogar ohne Zulassung in Kliniken arbeiten?

Ja. Uns sind Fälle bekannt, dass zum Beispiel ausländische Kollegen mit eingeschränkter Berufszulassung allein zu Nachtdiensten eingeteilt sind. Das ist nicht zulässig, weil sie nur unter Aufsicht eines Arztes mit Approbation arbeiten dürfen.

Ausländische Ärzte dürfen nicht eigenständig arbeiten?

Doch, aber erst wenn sie die nötigen Sprachprüfungen abgelegt haben und ihre im Ausland erworbenen Abschlüsse als gleichwertig anerkannt sind. Dazu müssen sie eine Gleichwertigkeitsprüfung mit deutschem Examen ablegen. Es geht aber nicht nur um ausländische Kollegen. Auch junge Assistenzärzte werden zu Tätigkeiten herangezogen, die sie eigenverantwortlich noch nicht durchführen dürfen.

Was tut die Kammer dagegen?

Wir fordern Ärzte und Schwestern auf, sich dieser Entwicklung zu widersetzen und sich nicht in einen Konflikt mit der Berufsordnung treiben zu lassen. Leitende Ärzte und Fachärzte sollten ihre Verträge auf berufsrechtliche Klauseln überprüfen. Aber auch junge Ärzte sollten darauf achten, dass in ihrer Ausbildung nicht wichtige Abschnitte fehlen, weil sie zu lange in einem Bereich festgehalten werden.

Der Systemwechsel von der Mangelwirtschafts-Medizin 1990 zum freien Arbeiten ohne politischen und ökonomischen Druck - das haben Sie einmal als das für Sie Schönste bezeichnet. Gilt das noch?

Die 1990er Jahre waren beglückend, weil Ressourcen zur Verfügung standen, die uns vorher fehlten. Wir konnten ohne Druck arbeiten - zeitweise. Jetzt baut sich ökonomischer Druck so massiv auf, dass Mediziner in ihrer ärztlichen Freiheit, die sie zur umfassenden Behandlung der Patienten brauchen, eingeschränkt werden.

Wie gehen Sie damit um?

Es führt zu innerer Rebellion. Aber als Kammerpräsident bin ich verpflichtet, den Finger in Wunden zu legen und Änderungen zu fordern.

Experten untersuchen Unimedizin in Rostock und Greifswald

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