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Rostock Stasi-Akten oder Jazz-Club in die Post?
Mecklenburg Rostock Stasi-Akten oder Jazz-Club in die Post?
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00:00 18.04.2013
Historiker Volker Höffer favorisiert den Umzug in die Rostocker City — auch wegen der besseren Erreichbarkeit. Quelle: Bernd Wüstneck
Stadtmitte

Die Notizen von Stasi-Spitzeln könnten bald mitten in der Rostocker City lagern. Das Archiv der Behörde muss umziehen, da die Landespolizei in Waldeck Platz beansprucht. Die frühere Hauptpost am Neuen Markt wird als neue Adresse für die Stasi-Akten gehandelt. Spitzelberichte, gebunkert in bester City-Lage — die Resonanz der Rostocker Politik ist gespalten. Ein Gegenvorschlag heizt die Stimmung an: Ein Jazz-Club soll Besucher im Keller des Gebäudes anlocken.

Noch müssen Antragsteller, die ihre Stasi-Akten einsehen wollen, nach Waldeck. Dorthin, wo die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR auf Papier und Mikrofilm im Archiv der Außendienststelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen lagert. Doch Waldeck soll als Standort für die Landespolizei erweitert werden. Die Beamten brauchen Platz. „Und interessieren sich für das Dienstgebäude, in dem wir untergebracht sind“, sagt Volker Höffer, Leiter des Stasi-Archivs.

„Teile des Landesbereitschaftspolizeiamtes sitzen bereits in Waldeck. Seit Dezember vorigen Jahres werden schon Räume in der Stasiunterlagen-Außenstelle genutzt“, bestätigt Marion Schlender, Sprecherin des Innenministeriums. „Die weiteren Planungen für die nächsten Jahre sind angeschoben, darunter der Neubau eines Versorgungsgebäudes mit Kantine und Kfz-Garagen.“

Schon Anfang 2012 habe das Land Interesse signalisiert, verweist Höffer auf erste Gespräche. Grundlage dafür, dass für den Ortswechsel des Stasi-Archivs mittlerweile die Finanzierung stehe. „Die Kosten werden über den Bundeshaushalt getragen“, sagt Höffer. Er würde lieber heute als morgen die Koffer packen, bleibt aber realistisch. „Ende 2014 könnte alles in trockenen Tüchern sein.“ Höffer, der „näher ran an den Bürger“ will, favorisiert die Innenstadt als Arbeitsplatz. „Drei bis vier Objekte kämen infrage“, sagt der Historiker. Der Auflagen wegen: „Die Akten sollen überdauern, müssen bei einer bestimmten Luftfeuchtigkeit und Temperatur archiviert werden. Außerdem muss der Bau wegen der Masse an Gewicht für hohe Traglasten ausgelegt sein.“

Raum für Personal, Wissenschaftler und einen Lesesaal benötigt Höffer ebenfalls. „Jeden Monat werden 300 neue Anträge auf Akteneinsicht gestellt. Der Bedarf ist da.“ Im Rennen um den geeigneten Standort: der Gebäudekomplex am Neuen Markt, in dem aktuell das Landgericht sitzt. Das sei kein Mieter von Dauer, bestätigt der Hauseigentümer, die Deutsche Immobilien AG. „Das Gericht bleibt voraussichtlich nur bis Anfang 2015, bevor es in eigene Räume in die August-Bebel-Straße zieht“, sagt Annett Marquardt von der Deutschen Immobilien AG.

Derzeit sind 10 500 Quadratmeter Fläche vermietet. Mit potenziellen Nachmietern fürs Landgericht sei man in Kontakt. Marquardt: „Uns schwebt eine Büronutzung vor.“ Stasi-Unterlagen im denkmalgeschützten Gebäude? „Warum nicht, hier hatte schon das Stadtarchiv seinen Sitz.“ Und: Der Keller ist noch frei — viel Fläche für Aktenschränke.

Etwas anderes kann sich René Geschke dort vorstellen. „Einen Club für Jazzliebhaber. 150 Leute kämen sicher unter“, sagt der Inhaber des Presse- und Printzentrums, auch Mieter im Haus.

Stasi-Unterlagen in Toplage? Keine Option für Malte Philipp (Für Rostock). „So ein Archiv gehört nicht in die City. Ich glaube nicht, dass sich Touristen durch Stasiakten wühlen wollen.“

Aufarbeitung? „Was soll das jetzt noch bringen? Aber wer‘s braucht, soll es machen“, hat Philipp mit dem Thema abgeschlossen. „Die Aufarbeitung ist enorm wichtig“, hält Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens (CDU) dagegen. „Das Interesse ist unverändert hoch.“ Aber es komme nicht auf einen besonderen Standort an. Waldeck sei als Archiv-Ort geeignet, sagt Simone Briese-Finke (Grüne).

„Versöhnen und vergeben“, das mache die Auseinandersetzung aus, sagt Eva-Maria Kröger (Die Linke). Sybille Bachmann (Rostocker Bund) wünscht sich „Stasi-Gedenkstätte, Universität und das Archiv konzentriert in Rostock“.

Überwachte Hoffnung — Jugend und Stasi in der DDR
Die Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen lädt am 21. April von 10 bis 17 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Neben der Beratung zur Akteneinsicht und Besichtigung des Archivs gibt es Angebote zum Thema „Überwachte Hoffnung — Jugend und Geheimpolizei in der DDR“. Wer sich den Forderungen an eine sozialistische Persönlichkeit entzog, so belegen es die Akten, geriet ins Visier der Staatssicherheit. Um 15 Uhr referiert Volker Höffer über „Aufruhr in Rostock, Jugendprotest im Juli 1964“.

Infos: 21. April von 10 bis 17 Uhr, in Waldeck, Hohen Tannen 11

Katrin Starke

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