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Rostock 100 Jahre alte Rostockerin: „Ich lebe jeden Tag in Frieden“
Mecklenburg Rostock 100 Jahre alte Rostockerin: „Ich lebe jeden Tag in Frieden“
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13:46 17.02.2019
Hermine Trimde ist am Donnerstag 100 Jahre alt geworden –sie hält sich mit Spaziergängen am Rostocker Warnowufer fit. Quelle: Frank Söllner
Rostock

Wie wird man eigentlich 100 Jahre alt? Hermine Trimde lacht. „Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe“, sagt die Seniorin. „Ich habe mir über mein Alter nie Gedanken gemacht.“ Am Donnerstag war es dennoch soweit: Die Rostockerin hat ihren 100. Geburtstag gefeiert. „Ich bin die erste in meiner Familie, die das geschafft hat. Und ich bin gesund!“, sagt sie. Noch nie habe sie geraucht, dafür aber viel Sport getrieben und Alkohol wurde nur selten getrunken.

„Meine Familie hält mich jung“, nennt die zierliche Rentnerin einen weiteren möglichen Grund für ein langes Leben. Zu ihrem großen Geburtstag waren Familienangehörige aus aller Welt angereist – Amerika, London, aber auch aus Berlin und Leipzig. „Ich finde es toll, wie offen die Welt heute ist“, sagt Trimde. „Auch wenn ich meine Familie selten sehe, weiß ich, dass alle für mich da sind. Das ist schön.“ Sie blickt stolz auf das Familienfoto, das auf der Kommode in ihrem Zimmer steht, und lächelt sanft. „Ich habe sechs Kinder, elf Enkel, 22 Urenkel und sechs Ururenkel“, zählt sie auf. „Und ich weiß alle Namen.“ Die Hundertjährige wirkt fröhlich. Sie trägt einen grünen Blazer und einen orangen Schal. Das kurze graue Haar glänzt.

Vor dem Erblinden ins Heim

Allerdings lässt die Sehkraft der Rentnerin nach. „Vor acht Jahren habe ich erfahren, dass ich erblinden werde. Ich entschied, vorher ins Seniorenheim zu gehen, um mich noch gut einleben zu können“, erklärt sie. Mit 92 Jahren zog sie von der Rostocker Südstadt in ein etwa 24 Quadratmeter großes Zimmer in der Seniorenresidenz „Renafan“ auf der Holzhalbinsel in Rostock. „Hier finde ich mich zurecht“, sagt sie.

Hermine Trimde lehnt sich in ihrem orangefarbenen Sessel zurück. „Die Möbel habe ich zum großen Teil selbst mitgebracht.“ Sie zeigt auf ein Zertifikat, das eingerahmt auf dem Beistelltisch steht. Es belegt, dass sie noch mit 94 Jahren als ältestes Mitglied ihrer Tanzgruppe erfolgreich an einem Wettbewerb teilgenommen hat. „Tanzen ist gut für Körper und Geist“, sagt die sechsfache Ururgroßmutter. Mittlerweile musste sie ihr Hobby aber aufgeben. „Ich sehe immer schlechter. Ich bekomme zum Beispiel mein Frühstück auf dunklen Tellern – auf hellem Geschirr erkenne ich die Butter nicht.“

Ab und zu wird die gebürtige Lettin von einer Studentin unterstützt und unternimmt dann auch Ausflüge in die Innenstadt. „Ich muss unter Menschen sein“, erklärt sie. „Ich möchte das Leben pulsieren sehen.“ Wenn sie allein ist, hört die 100-Jährige gern Musik. Zahlreiche CDs stehen in einer Box auf dem Tisch. „Ich mag Tanzmusik“, sagt Trimde. Noch lieber geht die aktive Frau morgens am Warnowufer spazieren – bei jedem Wetter. „Ich bin nicht zimperlich. Das Leben war nie zimperlich.“

Hermine Trimde hält sich mit Tanzen fit - mit 94 Jahren hat sie noch einen Wettbewerb gewonnen Quelle: Katharina Ahlers

Von Riga nach Mecklenburg

Geboren wurde die Rostockerin ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs in der lettischen Hauptstadt Riga. Als 15-Jährige arbeitete sie in einer Fabrik, um sich ihr Schauspielstudium zu finanzieren. „Morgens war ich in der Fabrik, abends hatte ich Unterricht“, erinnert sich die selbstbewusste Frau. Drei Jahre ging das so, bis die Lettin kurz nach dem Abschluss ihren ersten Ehemann kennen lernte. „Es war auf einem Fest zur Sonnenwende. Ich trug ein grünes Kleid mit Puffärmeln. Das weiß ich noch ganz genau. Er war ein sehr schicker junger Mann.“ Sie seufzt. „In der heutigen Zeit ist das Kennenlernen unromantischer. Und jeder Dritte ist mittlerweile Single. Das ist doch schade.“

Da ihr Mann Deutscher war, siedelte die junge Frau nach Deutschland um – ohne ihre beiden Geschwister und die Eltern, aber mit der gerade einjährigen Tochter. „Am 25. Februar 1941 haben wir deutschen Boden betreten“, erinnert sich die ältere Frau. Sie wurden in eine mecklenburgische Kleinstadt geschickt. Den Namen verrät sie nicht. „Als ich in dieser kleinen Stadt mit ganz anderen Lebensverhältnissen ankam, trug ich Stöckelschuhe. Die anderen Frauen haben sich gefragt, was ich für ein bunter Vogel bin“, erinnert sich die Rentnerin. „Ich konnte auch kaum Deutsch. Ich musste alles lernen.“

Trimde sagt, sie habe sich angepasst – das sei auch in der heutigen Zeit wichtig für ein harmonisches Zusammenleben. Später wurde die Lettin eingebürgert. Sie brachte ein weiteres Mädchen und zwei Söhne zur Welt. Ihr Mann arbeitete als Zahnarzt. So überstand die Familie den Krieg nahezu unversehrt. „Es gab oft Bombenalarm, aber passiert ist zum Glück nichts.“

Nach dem Tod ihres Mannes zog die Witwe 1952 nach Rostock und begann eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Später leitete sie 25 Jahre lang die Physiotherapie an der Universitätsfrauenklinik. Die zweite Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen, hielt nicht lange.

Schwere Schicksalsschläge

Hermine Trimde blickt auch auf schlimme Momente zurück. 1982 starb ihre Schwiegertochter mit nur 24 Jahren, wenig später musste sie auch ihre älteste Tochter beerdigen. „Sie war 42“, sagt die Mutter leise. Sie blickt zu Boden. „So etwas verfolgt einen das ganze Leben – das vergisst man nie.“

Der Familienmensch hofft auf eine gute Zukunft für ihre Kinder und Enkel. Wenn sie täglich die Nachrichten hört, macht sich die politikinteressierte Frau Sorgen. „Es wird immer heißer. Im Winter haben wir hier keinen Schnee und in Athen liegt Schnee, wo sonst nie welcher gelegen hat“, sagt sie mit Blick auf den Klimawandel. „Wer weiß, wie das alles ausgeht. Ich werde das nicht mehr erleben.“

Auch über die politischen Spannungen auf der Welt denkt sie nach. Beim Gedanken an US-Präsident Donald Trump schüttelt sie den Kopf. „Wenn einer ein falsches Wort sagt und dann eine Atombombe hochgeht, sind wir alle weg. Die Welt ist doch eigentlich so schön.“

Hermine Trimde hat sechs Kinder, elf Enkel, 22 Urenkel und sechs Ururenkel. Quelle: Katharina Ahlers

Glücklicher Lebensabend

Das weiß sie von ihren vielen Reisen. Schon als Kind sei es ihr Wunsch gewesen, rauszukommen. „Nach der Wende bin ich viel gereist mit meinem dritten Mann. Wir haben einen großen Teil Europas erkundet“, sagt sie. „Das waren die schönsten Jahre. Wir hatten keine Sorgen und die Kinder waren groß. Im Alter habe ich das geschafft, was ich in der Jugend und in der DDR nicht konnte.“

Eine Lieblingsstadt ist Rostock. „Ich bin froh, hier meinen Lebensabend zu verbringen“, sagt sie. Trotz aller globaler Probleme, denkt die lebenserfahrene Seniorin positiv. „Im Alter wird man gelassener. Ich lebe jeden Tag in Frieden“, sagt sie. Das Heim sei ein zweites Zuhause geworden und sie freue sich jeden Abend, einen schönen Tag gehabt zu haben. „Mein größter Verdienst im Leben“, sagt Hermine Trimde nachdenklich, „ist, dass ich für meine Familie gut gesorgt habe. Dass alle eine gute Ausbildung hatten und im Leben stehen.“ Sie lächelt. „Wenn ich meine Augen für immer schließe, verlasse ich eine Familie, die intakt ist.“

100-Jährige in der Region

209 Personen in Mecklenburg-Vorpommern waren zum Stichtag 31.12.2017 mindestens 100 Jahre alt. Das teilt das Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern mit.

In Rostock leben neben Hermine Trimde noch 16 weitere Personen, die 100 Jahre oder älter sind.

In Bad Doberan sind derzeit vier Personen im Alter von 100 und 101 Jahren gemeldet.

In der Stadt Grevesmühlen haben drei Menschen die 100 Jahre erreicht. Nach Angaben des Einwohnermeldeamts gibt es im weiteren Amtsgebiet keine weitere Person in diesem Alter.

Acht Wismarer werden in diesem Jahr noch 100 Jahre alt. Bisher sind es drei.

Eine Lebenserwartung von 76,7 Jahren bei der Geburt haben Männer in MV. Das geht aus der Sterbetabelle 2015/2017 hervor. Damit ist die Lebenserwartung um 7,9 Jahre im Vergleich zu 1993/1995 gestiegen. Bei Frauen beträgt die Lebenserwartung bei der Geburt 83,1 Jahre – ein Anstieg von 5,5 Jahren.

Die Lebenserwartung der Männer in MV liegt mit 76,7 Jahren im bundesweiten Vergleich auf Platz 15. Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt (76,2). Bei der Lebenserwartung der Frauen liegt MV im Durchschnitt. Laut der Statistik leben Männer und Frauen in Baden-Württemberg am längsten.

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Katharina Ahlers