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Rostock Steinbrück lässt Firmenchefs sitzen
Mecklenburg Rostock Steinbrück lässt Firmenchefs sitzen
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00:00 19.04.2013
Manuela Balan vom Unternehmerverband und DSR-Chef Horst Rahe nutzten die Pause, um �ber neue Stipendiaten f�r die Rostocker HMT zu sprechen. Quelle: OVE ARSCHOLL
Warnemünde

Die Wahlchancen der SPD bei Vertretern der Rostocker Wirtschaft dürften seit gestern empfindlich gelitten haben. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der noch am Abend zuvor in Schwerin aufgetreten war, sagte seine geplante Rede beim Unternehmertag im Hotel Neptun kurzfristig ab. Begründung: Eine Abstimmung im Bundestag zu Frauenquote und Zypernhilfe, bei der er nicht fehlen könne. Die knapp 400 Anwesenden, darunter rund 100 Firmenchefs aus dem Raum Schwerin, waren enttäuscht. „In 21 Jahren ist es noch nie passiert, dass ein Hauptredner absagt“, stellte Manuela Balan, Geschäftsführerin des Unternehmerverbandes Rostock-Mittleres-Mecklenburg, fest. Seit drei Jahren sei mit Steinbrück über einen Auftritt gesprochen worden.

Weil in Berlin über Frauenquoten abgestimmt wurde, musste nun Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) als Erster ans Rednerpult. Er bat um Verständnis für die Werftenhilfe der Landesregierung. „Es geht um die grundsätzliche Entscheidung, ob wir diese Industrie behalten“, sagte er und wiederholte seine Forderung an den Bund, bei der Finanzierung des Schiffbaus mitzuwirken. Es gebe einen weltweiten Verdrängungswettbewerb der Werften, der mit Bürgschaften und Krediten ausgetragen werde — und diese Finanzhilfen gewährten nur noch Staaten, nicht mehr die Banken.

Auch andere Unternehmen leiden unter der Zurückhaltung der Banken, so Verbandsgeschäftsführerin Balan. Wegen höherer Hürden für Darlehen sei es für Firmen schwieriger geworden, Geld zu leihen. In Einzelfällen könne das sogar die Existenz bedrohen. „Warum muss ich dafür bezahlen, dass die Banken Fehler gemacht haben“, schimpfte ein Firmenchef aus Ribnitz-Damgarten. Er habe für Kredite hohe Zinsaufschläge zahlen müssen, weil sich die Banken in der Vergangenheit verzockt hätten.

Ein weiteres Problem sind für viele Betriebe die steigenden Energiekosten, sagte Manuela Balan. Zusätzlich macht der Fachkräftemangel den Firmen zu schaffen. Um noch Lehrlinge zu finden, müssen die Unternehmen mehr Schulabgänger mit schlechten Noten einstellen — und die Lücken mit Nachhilfe ausgleichen. Ministerpräsident Sellering räumte Verbesserungsbedarf bei Schulen und Ausbildung ein. „Wir müssen besser werden“, sagte er. Die jungen Leute müssten besser gefördert werden. „Die Zeiten, in denen jeder Schreinermeister unter zwei Abiturienten wählen kann, sind vorbei.“

Insgesamt geht es den Unternehmen im westlichen Mecklenburg nach Ansicht des Unternehmerverbands gut. Die Stimmung sei sogar besser als im bundesweiten Durchschnitt. Das habe sich bei aktuellen Umfragen gezeigt.

Thema des Unternehmertages war der Begriff „Nachhaltigkeit“ und seine Bedeutung für den Mittelstand. Monika Griefahn, Umwelt-Managerin bei Aida Cruises, stellte das Umweltengagement ihres Arbeitgebers vor. Dank Einsparungen beim Papier seien in drei Monaten 50 Bäume vor dem Abholzen bewahrt worden. Und durch neue Motoren ist das „Drei-Liter-Schiff“ Realität geworden, warb die frühere SPD-Politikerin und Mitbegründerin von Greenpeace Deutschland. Das Schlagwort meint, dass die neuen Schiffe der Reederei je Person auf 100 Kilometern drei Liter Schweröl verbrennen. Für ein Mittelklasseauto mit solchen Verbrauchswerten dürften sich wohl nicht mehr viele Käufer finden.

In 21 Jahren hat noch nie ein Hauptredner abgesagt.“

Manuela Balan, Geschäftsführerin des Unternehmerverbandes Rostock-Mittleres-Mecklenburg

Horst Rahe freut sich über „A-ja“-Hotel
Die führenden Köpfe der Rostocker Wirtschaft debattierten gestern beim Unternehmertag im Hotel Neptun zum Thema Nachhaltigkeit. Wie öko halten es die Unternehmenslenker denn wirklich? „Ich bin mit dem Auto gekommen“, räumt Horst Rahe ein, Chef der Deutschen Seereederei. Aber er sei schließlich aus Hamburg angereist, da möge man ihm die nicht ganz optimale Klimabilanz doch bitte nachsehen. Bestens gelaunt stellt er sein neuestes „Kind“ vor: Das „A-ja“-Hotel in Warnemünde, dem elf weitere in Deutschland folgen sollen. „Das wird das neue Aida an Land“, sagte der Erfinder der inzwischen berühmten Kussmund-Flotte.

Am meisten wurde über eine Person geredet, die nicht da war. „Nicht schön“, kommentiert Gastgeber Guido Zöllick, Chef des Hotel Neptun, das unerwartete Fernbleiben von Peer Steinbrück (SPD). „Ich hatte mich darauf gefreut“, sagt der Hotelier über den Auftritt, der nicht stattfand. In der Mittagspause kann man den Neptun-Chef beim entspannten Plaudern mit seinem Nachbarn Dietmar Karl, Direktor des Hotel Hübner, beobachten. Berufliche Konkurrenz und freundschaftliche Kontakte müssen sich ja nicht ausschließen.

„Das ist schlechter Stil“, urteilt Martina Hildebrandt, Geschäftsführerin der Agentur MV Event, über die Absage des SPD-Kanzlerkandidaten. „Er hätte einen Vertreter schicken können, zum Beispiel Manuela Schwesig.“ Doch die Schweriner SPD-Frau hatte offenbar auch keine Zeit. Martina Hildebrandt lässt sich nicht die Stimmung verderben und führt viele anregende Gespräche, etwa mit Angelika Kleinfeldt vom Klatschmohn Verlag. Ein anderer, aus der Politik bekannter Mann ist da, nutzte aber die Pause, um nicht gesehen zu werden: Günther Krause, Ex-Bundesminister, schwänzt das Buffet. gkw

Gerald Kleine Wördemann

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