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Rostock Stressfrei sterben: Landwirtin tötet Tiere auf der Weide
Mecklenburg Rostock Stressfrei sterben: Landwirtin tötet Tiere auf der Weide
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15:03 09.10.2018
Sauglücklich: Dieses Schwein darf, bis es geschlachtet wird, im Freiland leben. Quelle: RIB
Groß Stove

Der Tod ist schnell und schmerzlos: Gerad eben noch hat das Schwein arglos mit seinem Rüssel im Futtertrog gegrubbert. Im nächsten Augenblick betäubt ein Bolzenschuss das Borstenvieh. Kurz darauf baumelt es kopfüber an der Gabel eines Radladers. Aus einem Schnitt am Hals rinnt sein Blut. Anders als die meisten seiner Artgenossen stirbt dieser Eber nicht in einer Schlachtfabrik. Der Metzger erledigt ihn dort, wo er gelebt hat – inmitten bäuerlicher Freilandidylle. „Das ist für das Tier viel stressfreier, als wenn es erst auf einen Transporter verladen und zum Schlachthof gekarrt würde“, erklärt Laura Gertenbach (34). „Außerdem bekommen wir so sehr viel besseres Fleisch.“

Stressfrei sterben

Laura Gertenbach ist ein Genussmensch. Und selbst ernannte „Genussmanagerin“. Mit ihrem Start-up „Oberlecker“, beheimatet in Groß Stove bei Rostock, vermarktet die Bauerstochter Fleisch- und Wurstwaren, die so produziert werden, dass dabei weder der Geschmack noch das Tierwohl leiden. Bei Rindern setzt Laura Gertenbach auf die sogenannte Weideschlachtung. Dabei wird das Tier von einem Jäger mit einem gezielten Gewehrschuss ins Hirn getötet und noch auf der Weide ausgeblutet, bevor es dann zum Metzger kommt. Erlaubt sei das ausschließlich bei Rindern, „die in ihrem Leben noch nie einen Stall gesehen haben“, erklärt Laura Gertenbach. Auch Schweine schlachtet sie bevorzugt in deren gewohnter Umgebung. Schließlich seien die noch sensibler und stressanfälliger als Kühe. Deshalb will sie ihnen lange Transportwege ersparen. Das Borstenvieh wird mittels Bolzenschuss getötet. Im Gegensatz zum Rind darf Laura Gertenbach bei der Hausschlachtung gewonnenes Schweinefleisch nicht vermarkten, sonst macht sie sich strafbar. „Der Gesetzgeber erlaubt nur, dass ich es für den Eigenbedarf verwende. Ich darf es noch nicht mal meiner Oma geben.“

So funktioniert Weidetötung

Bei der Weidetötung wird das Rind auf der Weide kontrolliert und aus geringer Entfernung durch einen gezielten Fangschuss in den Kopf getötet. Weil es sofort tot ist und ihm der Transport ins Schlachthaus erspart bleibt, soll diese Methode besonders stressfrei für das Tier sein und sich somit positiv auf die Fleischqualität auswirken. Hauptvoraussetzung ist, dass das Rind ganzjährig draußen gehalten wird. Bislang ist diese Schlachtform nur für Rinder erlaubt. Schweine aus Hausschlachtung dürfen laut EU-Verordnung nicht vermarktet, sondern nur für den Eigengebrauch genutzt werden.

Mit gutem Gewissen genießen

Für sich selbst nutzt Laura Gertenbach es gern. Denn das Schnitzel mit Schuss hat mehrere Vorteile: Anders als beim „Mainstream-Schlachten“, wie die Groß Stoverin die herkömmliche Schlachtung in Fabriken nennt, sterbe das Schwein in seinem vertrauten Umfeld angstfrei. Das Tier werde nicht mit Dutzenden anderen auf einem Transporter zusammengepfercht und weite Strecken durchs Land gefahren. Das komme nicht nur dem Tier selbst zugute, sondern auch demjenigen, auf dessen Teller es später landet. Er kann mit gutem Gewissen zubeißen und genießen. Denn weil das Schwein keinen Stress erlebt und daher auch kein Adrenalin ausschüttet, bleibe das Fleisch schön zart, behalte seinen Glanz und seine purpurne Farbe, erklärt Gertenbach.

Alles wird verwertet

Laura Gertenbach ist bekennender Fleischfan. Flanksteak, Tafelspitz und Co. isst sie heute bewusster als früher. „Ich habe einen Heidenrespekt vor dem Schlachten. Es stirbt schließlich ein Tier. Das mitzuerleben, hat meine Essgewohnheiten sehr verändert. „Ich schmeiß’ nichts weg.“ Vom Rüssel bis zum Ringelschwanz wertschätzt und verwertet sie jedes Körperteil. Was sich neudeutsch Nose-to-Tail-Eating nennt, sei dem Lebewesen gegenüber nur anständig. Rosinenpickerei mag die junge Frau nicht. „Diese Filet-Kultur finde ich unmoralisch. Es gibt auch jenseits vom Filet Fleisch, dass toll schmeckt.“ Mit etwas Inspiration und dem richtigen Rezept lasse sich selbst aus Schweineschnauze etwas Leckeres zubereiten. Deshalb packt Gertenbach ihren Kunden vielfältige Rind- oder Sattelschwein-Fleischpakete und bietet zudem Bratwurstkurse an. Das „Rohmaterial“ bekommt sie von regionalen Bauern.

Schlachten im Quartett

Die Weidetötung werde von immer mehr Landwirten, die ihre Rinder ganzjährig draußen halten, angewandt und auch die Konsumenten hätten zunehmend Appetit darauf, sagt Laura Gertenbach. Auch aus Sicht vieler Tierschützer ist das noch die humanste Schlachtmethode, an Rindfleisch zu kommen. Das Prozedere ist aufwendig, schon personell. Ein Jäger muss den Fangschuss setzen, ein Amtstierarzt mit vor Ort sein, ein Bauer mit dem Radlader das tote Tier an den Hinterbeinen hochziehen, damit es dann kopfüber ausbluten kann. Strenge Vorschriften gelten auch beim zeitlichen Ablauf: Zwischen Kopfschuss und dem Messerstich in die Brust dürften maximal 60 Sekunden verstreichen, erklärt Laura Gertenbach. Ist das Rind ausgeblutet, hat sie eine Stunde Zeit, es zu einem EU-zugelassenen Schlachthof zu bringen. „Nicht leicht, denn ich arbeite nur mit kleinen Betrieben zusammen. Die sind in MV rar.“

Marmorierung erwünscht

Über Generationen hinweg überliefertes Handwerk zu unterstützen, das ist Laura Gertenbach wichtig. Genauso sehr wie eine hohe Fleischqualität. Deshalb bietet die Oberlecker-Chefin ihren Kunden auch nur Teile von Rindern an, die mindestens drei Jahre alt sind. Die bestünden, anders als die Jungbullen-Produkte aus dem Supermarkt, nicht nur aus Muskeln. „Sie hatten Zeit, Fett einzulagern.“ Diese Marmorierung schütze das Fleisch vor dem Austrocknen und mache es darüber hinaus oberlecker. „Und das Leben ist schließlich viel zu kurz, um schlecht zu essen.“

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