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Rostock Thüringer führt durch die Region Rostock
Mecklenburg Rostock Thüringer führt durch die Region Rostock
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00:00 12.04.2013
Dennis Gebhardt (41) weist mit den Freizeit- und Radfahrkarten aus dem Verlag Grünes Herz Wanderern an der Ostseeküste den richtigen Weg. Quelle: Katrin Starke
Elmenhorst

Regen klatscht an die Autoscheibe, die Landschaft versinkt im konturlosen Grau. Kein markanter Punkt, um sich zu orientieren. Dennis Gebhardt greift zum Navi. Der Mann, der doch eigentlich wissen muss, wo es langgeht. Berufsbedingt. Gebhardt ist einer der Köpfe des Thüringer Verlags Grünes Herz. Der Verlag, der Wanderern und Radfahrern seit 1992 per Linie auf grünem Grund zeigt, wo die Schritte zu setzen sind, die schmalen Reifen rollen können — eine Hilfe für Touristen und Freizeitsportler im Maßstab 1:30 000. Dieser Tage ist er auf Vertriebstour im Landkreis.

„Elmenhorst, links abbiegen“, weist die Stimme aus dem Gerät Gebhardt die Richtung. Rostock liegt hinter ihm. Dort hat er günstig übernachtet, er muss geizen. „Wir sind ein kleiner Verlag. Zehn Leute gerade mal.“ Beim Frühstück in der Pension hat er ein paar Brötchen verdrückt. „Das ist meine Hauptmahlzeit.“ Für den Rest des Tages müssen geschmierte Brote reichen. Manchmal tut‘s auch ein Imbiss.

Gebhardt kennt die Adressen. Vom Vater. Tipps, die der Senior zusammen mit der langen Kundenliste vor wenigen Tagen an den Sohn weitergegeben hat. „Des Alters wegen. Er will sich mehr Ruhe gönnen“, erklärt Gebhardt. Nun ist der Junior auf sich gestellt. Zumindest, was den Vertrieb an der Ostseeküste angeht. Den Westen Rostocks will er erobern. Karten, Reiseführer stapeln sich im Kofferraum. Die will er an den Mann bringen. Kritzmow, Diedrichshagen, Lichtenhagen-Dorf, Stäbelow, Ziesendorf. Für den Thüringer bislang noch böhmische Dörfer. „Nicht mehr lange.“

Sechs Tage am Stück will er Kilometer im westlichen Rostocker Umland machen, anhalten bei Buchhandlungen, Fahrradverleihen, Hotels, Kiosken. „Ein Zeitungsständer, in dem nicht eine unserer Freizeitkarten klemmt? Das soll‘s nicht geben.“ Treibt ihn der Ehrgeiz? Vehementes Kopfschütteln. „Oder doch?“ Immerhin sei er schon seit neun Jahren im Verlag. Nicht festangestellt, wie Gebhardt betont. „Ich hasse Zwänge. Wenn ich will, möchte ich mich auch mal treiben lassen.“ 1600 Kilometer ist er auf einem alten Rad durch Kuba gestrampelt, ist auf dem Sattel von Ilmenau nach Budapest hin und retour. Möbeltischler hat er zu DDR-Zeiten gelernt. „Nach der Wende bekam ich keinen Job.“ Einiges hat er danach beruflich ausprobiert, 2004 ist er in den Verlag des Vaters eingestiegen. Und geblieben. „Das ist mein Ding. Ich bin der geborene Verkäufer. Mein Vater ist der Fachmann, wenn es um Topografie und Geografie geht. Aber ich weiß, wie ich es den Leuten schmackhaft machen muss.“

Viele der Geschäftskontakte seines Vaters hätten sich über die Jahre zu Freundschaften entwickelt, erzählt er. „Das wünsche ich mir, dass auch mir die Wirte, wenn das über Jahre gebuchte Zimmer überraschend belegt ist, ihre Couch im Wohnzimmer freimachen.“ Das habe der Vater an der Ostsee erlebt. Gebhardt nimmt den Fuß vom Gas, will sich Zeit nehmen. Und die Vertriebstour nutzen, um sich über anstehende Veränderungen bei Wegeführungen zu informieren. Die geplante Ortsumgehung in Elmenhorst-Lichtenhagen, das sei so eine Veränderung, die der Verlag im Blick haben müsse. Nichts sei schlimmer, als wenn Radler oder Wanderer irritiert seien, weil sie plötzlich an einer Weggabelung stünden, die auf ihrer Karte nicht eingezeichnet sei. „Etwa alle drei Jahre werden unsere Karten neu aufgelegt.“

Dass der Verlag auch den Vertrieb selbst erledige, sei das Erfolgsrezept. Und dass er den Mut habe, klein zu bleiben. „Die schnellen Lieferungen, der persönliche Kontakt, auch ständig erreichbar zu sein. Aber das bedeutet zugleich auch puren Stress.“ Gebhardt atmet gepresst. „Burn-out.“ Für den 41-Jährigen kein bloßes Schlagwort. „Habe ich selbst durchgemacht, Lehren draus gezogen.“ Inzwischen schalte er sein Handy auch mal ab.

Wichtig sei, den Anschluss nicht zu verpassen. „Auf lange Sicht müssen wir uns den neuen Technologien stellen, die Möglichkeiten von Internet und Applikationen fürs Smartphone ausloten.“

Andererseits: „Die Leute lieben das Haptische. Karten, die man in die Hand nimmt, bei denen die Fingerkuppe über Tal und Straßen gleiten kann, sind anders erlebbar.“

Viele Radwege zur Wahl
Wer eine Tour rund um die Hansestadt plant, hat verschiedene Möglichkeiten: Der Ostseeküsten-Radweg (595 Kilometer) verbindet Lübeck mit Usedom. Der Radfernweg Berlin-Kopenhagen kann auf 630 Kilometern erkundet werden. Ein Rad-und Wanderwegenetz mit insgesamt 87 Kilometern zieht sich durch die Rostocker

Heide. Radfahrer können auf einer Tour vom Rostocker Ortsteil Stuthof über Nienhagen, Goorstorf und Toitenwinkel ins Stadtzentrum radeln. Eine weitere Strecke führt von der Innenstadt über den Fischereihafen zum Warnemünder Passagierkai.

Wo es die leckersten Fischbrötchen im Umland gibt, hat mir mein Vater verraten.“Dennis Gebhardt (41), Verlagschef

Katrin Starke