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„Volkstheater braucht mehr Relevanz“

Interview „Volkstheater braucht mehr Relevanz“

Mehr Besucher, höhere Einnahmen, Kooperationen: Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) erklärt im OZ-Interview, wie er sich Rostocks Theater vorstellt. Ohne Neubau drohe die „Katastrophe“.

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Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) wünscht sich vom Volkstheater mehr Ideen und höhere Einnahmen. Kooperationen mit anderen Häusern sollten zum beiderseitigen Vorteil genutzt werden.

Quelle: Ove Arscholl

Stadtmitte — Die Hansestadt Rostock diskutiert die Zukunft ihres Volkstheaters. Die Bürgerschaft hat eine Vereinbarung mit dem Land zur Strukturdebatte beschlossen.

Möglich, dass bald Sparten am Haus gestrichen werden. Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) erklärt im OZ-Interview, wie er sich die Zukunft vorstellt.

OSTSEE-ZEITUNG: Herr Minister, die Rostocker Bürgerschaft ist über den Weg zur Theater-Zielvereinbarung zerstritten. Knapp war die Zustimmung. Bis Ende Januar soll ein Beschluss zu möglichen neuen Strukturen her. Muss Rostock Sparten am Volkstheater streichen, um Sie zufriedenzustellen?

Mathias Brodkorb: Zunächst einmal freue ich mich darüber, dass die Stadt nun gemeinsam mit dem Land die Theaterreform auf den Weg bringen will. Und dann geht es nicht darum, mich „zufriedenzustellen“, sondern schnell einen Theater-Neubau auf den Weg zu bringen und das Theater aus der Dauerkrise herauszuführen.

OZ: Wie würden Sie den Stellenwert des Volkstheaters für Rostock definieren?

Brodkorb: Da muss man unterscheiden zwischen Soll und Ist: Das Theater sollte in jeder großen Stadt ein wichtiges Zentrum gesellschaftlicher und kultureller Begegnung und Auseinandersetzung sein. Sieht man sich aber in Rostock das Ist an, so blieb das Theater bisher weit unter seinen Möglichkeiten. Das betrifft gesellschaftliche Relevanz und Besucherzahlen genauso wie Einnahmen. Und ich glaube, viele Rostocker haben die nicht enden wollenden Debatten um das Theater einfach satt. Und das ist vielleicht das Gefährlichste für das Theater.

OZ: Wollen Sie das Volkstheater durch die Hintertür zur Fusion mit dem Schweriner Staatstheater bringen, nachdem Rostock den Fusionsplan abgelehnt hat?

Brodkorb: Nein. Das Land respektiert die Entscheidung der Bürgerschaft.

OZ: Welche Alternativen zur Spartenschließung sind denkbar? Würden Sie auch akzeptieren, wenn eine Vier-Sparten-Sparlösung am Ende herauskommt? Oder gar etwas ganz Neues? Der kaufmännische Geschäftsführer, Stefan Rosinski, schlug sogar vor, Spartengrenzen aufzulösen.

Brodkorb: Die Vorstellungen von Herrn Rosinski sind radikal, aber hoch interessant. Nur: Wenn es keine Sparten mehr geben soll, warum dann noch ein Vier-Sparten-Theater? Ich sehe da Diskussionsbedarf. Ich bitte aber um Verständnis, dass ich in diese Debatte jetzt noch nicht öffentlich einsteigen werde. Ich möchte nicht, dass meine städtischen Verhandlungspartner meine Meinung aus der Zeitung erfahren. Das gehört sich bei vertrauensvoller Zusammenarbeit nicht.

OZ: Vielen Rostockern ist es wichtig, dass das Haus nach 120-jähriger Tradition selbst Ort von Ideengebung und Inszenierung ist — nicht Konsumstätte eingekaufter Kunst. Wie soll zum Beispiel politisches Theater mit Lokalkolorit anders möglich sein?

Brodkorb: „Politisches Theater mit Lokalkolorit“ bezieht sich wohl eher auf das Schauspiel, das steht ja aber gar nicht zur Debatte. Interessant finde ich, was sich im Nachbarland Schleswig-Holstein abspielt. In Lübeck gibt es ein Drei-Sparten-Theater — ohne Ballett. Trotzdem steht „Schwanensee“ auf dem Spielplan, weil Lübeck und Kiel zum beiderseitigen Vorteil kooperieren.

Lübeck stellt das Orchester und Kiel das Ballett. Die OZ-Schwester „Lübecker Nachrichten“ titelte bei der Premiere begeistert: „Ein romantisches Fest für das Auge.“ Das könnte doch auch bei uns funktionieren, zumal Lübeck und Kiel etwa genauso weit voneinander entfernt sind wie Rostock und Schwerin.

OZ: In Rostock weht derzeit ein frischer Wind am Theater. Da kommt die Strukturdebatte für die Theaterleitung zur Unzeit. Können Sie verstehen, dass der neue Intendant, Sewan Latchinian, wie ein Löwe um den Status quo kämpft?

Brodkorb: Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass Herr Latchinian um „sein“ Theater kämpft. Nur: genau das tun Herr Methling, die Bürgerschaft und ich auch. Und was die „Unzeit“ angeht:

Ja, die Zeitabläufe sind für den neuen Intendanten wirklich unglücklich, keine Frage. Aber ich muss ganz klar sagen: Das Land wollte den Prozess längst abgeschlossen haben. Auf Wunsch der damaligen Bürgerschaft ist es dann anders gekommen.

OZ: Der Intendant des Volkstheaters wirft Ihnen vor, das Schweriner Staatstheater zu bevorteilen. Größere Lobby, mehr Zuschüsse. Ihre Antwort?

Brodkorb: Wissen Sie: Ich mag es nicht, wenn Menschen auf diese Weise gegeneinander öffentlich ausgespielt werden sollen. Ich bin Rostocker. Welches Interesse sollte ich also daran haben, dass es dem Volkstheater nicht gut geht? Wahr ist allerdings, dass Schwerin bei der Theaterfinanzierung besser abschneidet als Rostock. Der Grund ist vor allem, dass die Einnahmen in Schwerin etwa dreimal so hoch sind wie in Rostock — bei halb so viel Einwohnern. Das wirkt sich auch auf die Landesfinanzierung aus.

OZ: Sie kritisierten in der Vergangenheit die geringen Einnahmen in Rostock. Was wünschen Sie sich, was fordern Sie konkret vom Volkstheater?

Brodkorb: Das Volkstheater bekommt von Stadt und Land jährlich 16,6 Millionen Euro. Die Eigeneinnahmen liegen bei 1,5 Millionen Euro oder acht Prozent. Für eine Stadt wie Rostock ist das eindeutig zu wenig, das sagen auch das Rostocker Actori-Gutachten und der Intendant. In Lübeck sind es 16 Prozent, in Schwerin sogar 21. Insofern sind nicht die Zuschüsse von Stadt und Land, sondern die eigenen Einnahmen das Problem. Ich fordere nichts vom Theater, sondern ich wünsche ihm, dass es unter der Leitung des neuen Intendanten erblüht, damit es auch die Stadt entzünden und begeistern kann, um mehr gesellschaftliche Relevanz, mehr Besucher und damit mehr Einnahmen zu erzielen.

OZ: Die Hansestadt hat einen Haustarif für die Norddeutsche Philharmonie beschlossen, damit Strukturen bis 2020 sogar zementiert. Was macht Rostock mit einem geretteten Orchester, das aufgrund von Schließung anderer Sparten nicht ausgelastet ist?

Brodkorb: Diese Strukturentscheidung obliegt der Bürgerschaft. Sie setzt den Schwerpunkt. Sofern sie die Norddeutsche Philharmonie stärker als ein Konzertorchester profilieren möchte, bin ich sicher, dass dieses Orchester das Potenzial dafür hätte und auch zukünftig ausgelastet wäre. Und das Beispiel Lübeck zeigt, dass man durch kluge Kooperationen nicht nur ein Orchester auslasten, sondern Zuschauern auch noch wunderbare Angebote unterbreiten kann.

OZ: In Rostock stieß vielen unangenehm auf, dass Sie im Gespräch mit Fraktionsvorsitzenden neben Theater auch die freie Kulturarbeit ins Spiel brachten. Hier soll höhere Förderung möglich sein.

Ein Schachzug?

Brodkorb: Ich habe angekündigt, nach Möglichkeit auch mehr für die freie Kultur in Rostock tun zu wollen. In anderen Teilen des Landes hätte es bei einer solchen Nachricht Jubel gegeben, in Rostock ist es bei einigen aus parteipolitischen Motiven umgekehrt. Und auch Medien haben sich anstecken lassen. Das Bekenntnis galt allerdings unabhängig vom Bürgerschaftsbeschluss. Ich nehme die freie Kultur sicher nicht in Haftung für Entscheidungen zum Theater.

OZ: Bis 2018 braucht Rostock einen Theater-Neubau, das alte Haus ist marode. Wird das Land einen Neubau fördern? Wenn ja, zu welchen Bedingungen?

Brodkorb: Genau das ist die Gretchenfrage. Der Neubau muss schnell kommen, sonst droht dem Theater ab 2018 eine Katastrophe. Das Land ist seit zwei Jahren bereit zu helfen. Aber nur, wenn eine langfristig tragfähige Theaterstruktur entsteht. Auch das Land kann die Mittel der Steuerzahler nur einsetzen, wenn es nachhaltige Konzepte gibt. Ich hoffe, dass es uns gelingt, gemeinsam ein solches Konzept auf die Beine zu stellen.

Fünf Modelle fürs Volkstheater
Fünf Varianten für die Zukunft des Volkstheaters hat die Hansestadt
untersuchen lassen. Ergebnisse:
Erhalt des Vier-Sparten-Theaters: Das Jahresergebnis würde sich bis 2020 auf 2,38 Millionen Euro Defizit verschlechtern. Beginn: 2014.
Schließung der Tanzsparte: Wegfall von 34 eigenen Vorstellungen im Jahr, Einkauf von 15 Gastspielen. Das Jahresergebnis des Theaters würde sich bis 2020 auf minus 1,96 Millionen Euro verschlechtern. Beginn: 2014.
Schließung von Tanz- und Musiktheatersparten: Wegfall von 96 Vorstellungen im Jahr. Einkauf von bis zu 35 Gastspielen. Jahresergebnis 2020: plus 1,58 Millionen Euro. Beginn: 2014.
Herabstufung/Verkleinerung Orchester: Jahresergebnis 2020: minus 1,14 Millionen Euro.
Ausgliederung des Orchesters: Jahresergebnis 2020: minus 2,6 Millionen Euro. Mehraufwand für GmbH-Führung und Verwaltung. Beginn: 2015.
• Minister Brodkorb diskutiert auf
Facebook mit Rostockern über die
Zukunft des Theaters. Auch möglich über www.facebook/ostseezeitung.de
Das Volkstheater blieb bisher weit unter seinen Möglichkeiten. Das betrifft gesellschaftliche Relevanz und Besucherzahlen genauso wie Einnahmen.
Mathias Brodkorb (SPD), Kultusminister

 



Interview von Frank Pubantz

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