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Rostock Von den Banken gibt's kein Geld
Mecklenburg Rostock Von den Banken gibt's kein Geld
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09:07 15.09.2018
Hanna Bachmann Quelle: privat
Rostock

Mecklenburg-Vorpommern hat viele innovative Startups, macht aber zu wenig daraus, sagt Hanna Bachmann. Sie ist Regionalleiterin des Bundesverbands Deutsche Startups und Gründungsmitglied des Rostocker Online-Versicherungsstartups Hepster. Die OZ fragte sie, was Startups brauchen und was sie selbst tun müssen.

Mit einer agilen Gründerszene hat MV bisher nicht von sich reden gemacht.

Hanna Bachmann: Leider zurecht. Aber momentan ist da richtig Bewegung drin. Es entwickelt sich eine Szene und die Themen Startups und Digitalisierung werden von Politik und Wirtschaft endlich nicht mehr ignoriert. Wir werden gehört und sichtbar.

Apropos sichtbar: Viele Startups in MV entdeckt man nur per Zufall.

Ja, das ist schade. Ich bin selbst immer wieder überrascht, was es alles vor unserer Haustür gibt. Neben Leuchttürmen wie Advocado oder Lunch Vegaz arbeiten viele kleine Startups an super-innovativen Themen, die man hier nie erwarten würde.

Das Land will in den Uni-Städten Gründerzentren etablieren. Gute Idee?

Auf jeden Fall. Wir Startups haben zudem die Idee, in Rostock ein richtiges Gründerhaus zu bauen, ein Gebäude, in das acht, neun Startups einziehen. Ein Co-Working-Space.

Warum braucht MV so etwas?

Weil wir alle am Ende die gleichen Herausforderungen bewältigen müssen – so unterschiedlich unsere Geschäftsmodelle sein mögen. Ich brauche Investoren, einen Anwalt, einen Steuerberater. Ich muss mein Produkt auf den Markt bringen. Allein schon der notarielle Aufwand einer Gründung ist riesig. Da gibt es viele Stolperfallen. Wir könnten uns gegenseitig unterstützen, dass wir nicht darüber fallen. Es reicht, wenn einer die Fehler macht, es müssen nicht alle jeden Fehler selber machen. Außerdem haben sich viele von uns schon Netzwerke aufgebaut. Die kann man teilen, ohne sich gegenseitig etwas wegzunehmen.

Für Investoren ist MV noch ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Ja, für sie ist das hier ,kurz vor Polen’. Mit unserem Investor bei Hepster haben wir Glück gehabt, weil er sich selbst in MV umgeschaut hat. Aber eigentlich ist das hier kein Tummelplatz für Geldgeber. Im Dezember findet in Helsinki wieder das Slush statt (das größte Startup-Event der Welt mit mehr als 2600 Gründern und 1600 Investoren, d. Red.). Da wollen wir mit einer Delegation hinfahren. Solche Events sind wichtig für uns, um Werbung zu machen: Guckt mal, in MV geht echt was.

Haben es Startups in Berlin leichter, an Kapital zu kommen?

Nicht unbedingt. Dort sind zwar jede Menge Investoren, aber auch Tausende Startups. Da geht man ein bisschen in der Masse unter.

Und viele Firmen buhlen um die cleversten Köpfe.

Genau. Als Startup ist man gezwungen, Leute einzustellen, die klüger sind als man selber. Man möchte sich ja weiterentwickeln. Erfahrene Leute zu finden, ist wirklich schwer. Und man braucht enorm viel Überzeugungskraft, um zum Beispiel IT-Experten aus Berlin nach MV zu locken, weil hier eine vergleichbare Infrastruktur fehlt. Allerdings haben wir den Vorteil, dass, wenn man diese Leute gewonnen hat, sie lange bleiben.

Fehlt uns denn die Gründer-Mentalität, die Risikofreude?

Ein Startup zu gründen, ist ein Wahnsinnsschritt. Dafür braucht man naiven Mut, und der fehlt vielen in Deutschland. An der Rostocker Uni beispielsweise wird jedoch viel dafür getan, dass Studenten sich das Gründen trauen. Wenn ich mich selbstständig machen möchte, hilft es aber am meisten, wenn es jemanden gibt, der das schon getan hat und mir hilft. Jemand, der mir ganz unromantisch sagt: ,Pass auf, damit musst du rechnen’ und ,Diese Vorteile hast du’. Einer kann vom anderen lernen – die Studenten von den Startups und diese wiederum von den etablierten Unternehmen, aber auch umgekehrt.. So spart man sich viel Aufwand und Kosten.

Ist es sehr schwer, an das Startkapital zu kommen?

Ja leider. Von Banken gibt’s kein Geld, wenn mein Geschäftsmodell so innovativ ist, dass es etwas Vergleichbares bislang auf dem Markt nicht gibt. Sie wollen einen Fünf-Jahres-Business-Plan, bevor sie einen Euro rausrücken. Das ist absolut sinnfrei. In einem Startup ändern sich die Parameter manchmal mehrmals die Woche.

Wie sieht es mit Fördergeldern aus?

Die Förderlandschaft in MV ist sehr undurchsichtig. Abgesehen davon ist allein die Bewerbung schon ein gewaltiger bürokratischer Akt – nur um dann an Paragraf X zu scheitern. Ich würde mir wünschen, dass sich die Offenheit, die die Politik momentan für Startups zeigt, in der Förderkultur widerspiegelt. Es gibt viele Fördermittel der EU für Startups. Die Verteilung müsste in MV an das 21. Jahrhundert angepasst werden.

Was muss noch passieren, damit sich hier eine Gründerszene etabliert?

Mein Wunsch für die nächsten zwei Jahre ist es, dass die Politik Budget und Räumlichkeiten bereitstellt, als Hilfe zur Selbsthilfe. Und dann müssen alle mitmachen: die Startups, die Unis, die Konzerne. In der Zusammenarbeit steckt viel Potenzial, von dem wir alle profitieren könnten. Wir müssen es nur heben. Dann wird MV als das wahrgenommen, was es ist: Wir haben nicht nur Strandkörbe, sondern jede Menge kreative Startups.

Interview: Antje Bernstein