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Rostock Welt-Musik-Schule: Die wollen nur spielen
Mecklenburg Rostock Welt-Musik-Schule: Die wollen nur spielen
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08:44 02.05.2018
Eingespieltes Duo: Sonst bringt Musikschul-Chefin Franziska Pfaff (l.) ihren Schüler das Klavierspielen bei. Mit Gitarrenlehrerin Anke Petzold entlockt sie dem Gamelan-Instrumentarium beschwingende Töne. Quelle: Foto: Ove Arscholl
Stadtmitte

Stille. Franziska Pfaff (57) genießt es, wenn bei ihr zu Hause Ruhe ist. Kein Radio, das vor sich hindudelt, kein CD-Player, der plärrt. Nur Stille. Das klingt in den Ohren der Vollblutmusikerin gut. Dabei gibt die Quirlige selbst selten Ruhe. Vor allem, wenns um ihr „Baby“, die Welt-Musik-Schule „Carl Orff“, geht. In der Talentschmiede haben wohl Abertausende ihre Liebe zur Musik entdeckt, gelernt, ein Instrument zu spielen. Hier gibt die Pianistin Pfaff seit dreieinhalb Jahrzehnten den Ton an. 35 Jahre – die Zahl verschlägt Franziska Pfaff für einen Augenblick die Sprache. Fast ungläubig schüttelt sie den Kopf und lacht. „Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich je so weit komme.“ Spielend leicht war das allerdings nicht.

Die Geschichte beginnt im Sommer 1983 mit einem unverhofften Glück: Die Oberschule in Lichtenhagen hat einen Flügel. Und Franziska Pfaff darf daran mit ihren Schülern üben. Die gebürtige Berlinerin hat quasi eben erst ihr Klavierstudium abgeschlossen, da soll sie selbst unterrichten. Mehr noch: Sie soll Rostocks Musikunterrichtskabinett – das Gegenstück zur damaligen Bezirksmusikschule – leiten. „Es gab nur meine Stelle und den Auftrag: Mach’ mal.“ Und Franziska Pfaff macht: 22 Rostockern bringt sie bei, Tasten tolle Töne zu entlocken. Wie man eine Musikschule führt, muss sie hingegen selber lernen. „Ich war 22, hatte keine Ahnung von gar nichts außer Klavierspielen“, erinnert sie sich. Den heutigen Dauerkampf um Fördergelder muss Pfaff damals noch nicht ausfechten. Es fehlt an anderen, an echten Spielräumen. Franziska Pfaff ist flexibel, unterrichtet auch im Kaminzimmer, das die Tante eines Schülers ihr dafür zur Verfügung stellt. Denn endlich findet sich ein Platz: Ein ehemaliges Einfamilienhaus im Dorf Groß Klein wird zur dauerhaften Spielstätte. Pfaff bestückt es mit Instrumenten. Die geben allerdings ein kurzes Gastspiel, denn dem Haus fehlt ein Fernwärmeanschluss, im Winter wechselt die Schule ins Pionierhaus. Während dieser Zeit brennt das eigentliche Domizil ab, ein Großteil der Instrumente gleich mit. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“, sagt Pfaff rückblickend. Mit diesem Pragmatismus und guten Ideen meistern sie und die Schule auch das, was die kommenden Jahre ihnen an Widrigkeiten einbringen sollte: Im neuen Haus am Holbeinplatz unterrichten die Lehrer auch bei Taschenlampenlicht und Kerzenschein. Bauarbeiter hatten versehentlich Leitungen gekappt. Sechs Monate fließt kein Strom, ein ganzes Jahr kein Wasser.

Die Schlagzeuger isolieren ihren Probenraum mit Eierpappe und Matratzen. „Nichts davon wäre heute erlaubt. Damals war es eben so. Punkt“, sagt Pfaff.

Was bald ebenso unumstößlich scheint, ist das Aus der Neuen Musikschule „Carl Orff“: Anfang der 1990er Jahre sollen kommunale Gelder nur noch für das Konservatorium fließen, dem soll sich Franziska Pfaff anschließen. Doch die will sich damit nicht abfinden. „Wir haben mit Orff-Instrumenten gearbeitet, hatten längst unseren eigenen Stil entwickelt und ein pädagogisches Konzept, das wir nicht aufgeben wollten.“ Es bleibt nur ein Ausweg, wenn das Kollegium die Schule retten will – ein Verein. Der wird 1993 gegründet und Schulträger. Die Vereinigung mit dem Konservatorium kommt trotzdem, und zwar räumlich: Um Geld zu sparen, beschließt die Stadt, beide Einrichtungen in der einstigen Großen Stadtschule, heute Haus der Musik, einzuquartieren. Dem geht ein trauriger Abschied voraus:

Pfaff und ihre Kollegen müssen ihre bisherige Wirkungsstätte, eine Villa in der Rosa-Luxemburg-Straße, aufgeben. Weil die nötige Sanierung aus eigener Tasche nicht denkbar wäre. 2012 eröffnet das Haus der Musik, im Jahr darauf gibt sich die Orff-Schule einen neuen Namen, nennt sich nun Welt-Musik-Schule. Passend, nicht nur weil hier Weltmusik unterrichtet wird. Längst ist das Kollegium international. Lehrer kommen aus Japan, Moldawien, der Ukraine. Sie bringen jährlich mehr als tausend Schülern – Kleinkindern wie Senioren – Musik in Theorie und Praxis bei.Beinahe seit Anbeginn ist Anke Petzold (55) Teil des Teams. Sie unterricht seit 1987 Gitarre. „Die Schule ist ein Stück Familie geworden“, sagt sie. Garant für Harmonie sei Franziska Pfaff, die ihr und den Kollegen Spielräume lasse, die richtigen Töne trifft. „Wir können stressfrei arbeiten, ohne Druck. Das macht Lust, kreativ zu sein. Außerdem strahlt sie eine unglaubliche Ruhe aus.“

Von Ruhe kann am 16. Juni keine Rede sein. Zum 35. Geburtstag beschenkt die Welt-Musik-Schule sich und Rostock mit zwei „Ständchen“: Am Vormittag spielen die Musiker in der Aula vom Haus der Musik ein klassisches Konzert. Am Nachmittag schlagen die Schulbands im Klostergarten moderne Töne an.

35 Jahre Musikschule – das war nicht immer Wunschkonzert. Und nach wie vor verlangt der Job als Chefin, so erfüllend und inspirierend er ist, Franziska Pfaff viel ab. Ihren Traum, Vibrafon spielen zu lernen, hat sie sich deshalb noch nicht erfüllen können. „Das klappt wohl erst als Rentnerin“, sagt sie und lacht. Ruhestand heißt eben nicht Ruhe geben, vor allem nicht für eine Frau wie Pfaff, eine mit Musik im Blut.

Musikschule „Carl Orff“: Hier steckt viel Musik drin

1252 Schüler haben 2017 an der Weltmusikschule „Carl Orff“ ein Instrument gelernt. 533 Kinder haben hier Projekttage erlebt.

Gegründet wurde die Musikschule 1983 – als Musikunterrichtskabinett. Heute bringen hier Lehrer Musikbegeisterten Gitarre, Klavier, Geige & Co. bei. Die Schülerschaft ist überwiegend weiblich und jünger als 15 Jahre. Doch auch 18 Schüler über 62 Jahre haben Kurse der Orff-Schule belegt.

Antje Bernstein

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