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Rostock Wird Fleisch verramscht, macht der Bauer Miese
Mecklenburg Rostock Wird Fleisch verramscht, macht der Bauer Miese
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10:48 20.09.2018
Biobauer Christian Rohlfing inmitten seiner Schweine in Bassendorf bei Grimmen. Foto: Dietmar Lilienthal Quelle: Dietmar Lilienthal
Rostock

„Schweinehaltung ist kein einfaches Geschäft“, sagt Renate Schuster. „Für den Landwirt bleibt selten etwas übrig.“Jedenfalls nicht, wenn er sein Borstenvieh konventionell aufzieht. Die Geschäftsführerin des Schweinezuchtverbandes Nordost in Malchin (Seenplatte) kennt das ständige Auf und Ab des sogenannten Erzeugerpreises. Gemeint ist der Preis, den der Schlachthof den Bauern zahlt, wenn sie ihre Tiere abliefert. Für ein Kilo Schweinefleisch aus konventioneller Haltung erhalten Mäster derzeit 1,50 Euro. Für ein 95 Kilogramm schweres Mastschwein, das sie sechs bis sieben Monate jeden Tag gefüttert und betreut haben, sind das weniger als 150 Euro, die Preisspirale dreht sich gerade wieder abwärts.

Für Ökobauern sieht es besser aus. Sie bekommen mehr als das Doppelte fürs Kilo Schwein. Obwohl der Absatz von Schweinefleisch insgesamt sinkt, wächst die Nachfrage nach Biofleisch. Trotz saftiger Preise in diesem Segment: Für Schnitzel und Schweinesteaks vom Ökohof müssen gut 13 Euro pro Kilo hingeblättert werden, schon Hackfleisch kostet laut AMI Agrarmarkt Informations- GmbH Berlin/Bonn fast zehn Euro pro Kilo.

Wer auf Bio verzichtet, bekommt Schweinefleisch im Supermarkt im Schnitt für sechs und zehn Euro pro Kilo. Nimmt der Handel Fleisch jedoch mit in die Werbung, kostet das Produkt oft nur halb so viel. Aktuelles Beispiel: 2,99 Euro für ein Kilo Hackfleisch.

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75 Euro Futterkosten pro Schwein

„Beim Bauern landen maximal 20 Prozent dessen, was der Verbraucher bezahlt“, sagt Matthias Kohlmüller von der AMI Agrarmarkt Informations- GmbH in Berlin.Der Marktanalyst kann professionell darüber Auskunft geben, wie sich die Kosten für den Landwirt zusammensetzen: Aktuell bezahlt der Schweinemäster für ein Ferkel knapp 47 Euro. Hochgerechnet auf ein 100-Kilo-Schwein muss er pro Tier rund 75 Euro für Futter ausgeben. Hinzukommenvariable Kosten: für Arbeitsaufwand, Wasser im Stall, Energie, Tierwohl, Abschreibungen und nicht zuletzt für den Tierarzt. „Mit 1,50 Euro ist der aktuelle Erzeugerpreis gerade so kostendeckend“, sagt Kohlmüller. Am Rechenmodell 100-Kilo-Schwein würde der Landwirt drei Euro verdienen. Für die nächsten Wochen allerdings prognostiziert der Analyst, dass die Rechnung „ins Minus“ gehen wird. Durch die Missernte würden die Futterkostenim Herbst deutlich steigen. Es sei zu erwarten, dass die Schweinebauern dann wieder Verluste machen.

„Preisschwankungen sind für uns ja nichts Neues“, verdeutlicht Verbandschefin Schuster. 2017 zum Beispiel sei ein gutes Jahr für die Branche gewesen.Dastieg der Erzeugerpreis auf bis zu 1,83 Euro pro Kilo. „Solche Spitzen sind notwendig, um das nächste Preistal zu überleben.“ In schlechten Zeiten sei der Kilopreis schon unter 1,25 Euro gefallen. „Das reißt dann große Löcher.“

Für Renate Schuster ist es in Ordnung, wenn die Bauern mit jedem Schwein etwa 20 Euro verdienen können. Ihr Fazit: „Dazu muss der Erzeugerpreis bei mindestens 1,70 Euro pro Kilo liegen und die Kosten dürfen nicht ständig steigen.“

Das allerdings ist ein Wunschtraum. Denn neben dem dramatischen Trend am Futtermarkt müssen die Landwirte damit rechnen, dass ab 2019 höhere Kosten beim Kastrieren der männlichen Ferkel anfallen. Bis zu sechs Euro pro Tier sind dafür im Gespräch.

Kastration der Ferkel unter Betäubung

Christian Rohlfing ist Ökobauer. Bisher hält der 41-Jährige vor allem Rinder, würde sich für seinen Betrieb in Bassendorf bei Grimmen (Vorpommern-Rügen) aber gern mit Schweinen ein zweites Standbein schaffen. 21 Schweine hat er derzeit, in einer Art „Übergangsphase“, wie er sagt. Die Ferkel hat Rohlfing bei einem konventionell wirtschaftenden Kollegen gekauft, in seinem bio-zertifizierten Betrieb zieht er sie aber wie Ökoschweine auf – mit Auslauf, Stroh und Biofutter. Vermarktet werden die Tiere zwar nicht bio, aber regional: über die Bassendorfer „Vorsicht Geschmack“- Metzgerei.

Der Biobauer verfolgt auch die Diskussionen um die Kastration mit Interesse. „Ich würde mir schon wünschen, dass alle Ferkel unter Betäubung kastriert werden“, sagt Rohlfing. „In Bio-Betrieben ist das ja bereits seit längerem Pflicht.“ Trotzdem hat der aus Westfalen stammende Landwirt Verständnis für seine konventionell wirtschaftenden Kollegen. „Ich weiß, dass sie unter einem wahnsinnigen wirtschaftlichen Druck stehen.“ Aus seiner Sicht ist die große Nachfrage nach billigem Fleisch der Grund für die derzeitige Praxis.

Als Lehrling hat Rohlfing auf einem Hof bei Osnabrück (Niedersachsen) selbst Ferkel in ihren ersten Lebenstagen kastriert. Ohne Narkose oder örtliche Betäubung. Auch wenn die Tiere vor dem Schnitt, mit dem die Hoden entfernt werden, heute eine schmerzstillende Spritze erhalten, ist Rohlfing überzeugt: „Kurzzeitig leiden sie.“

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7 Cent mehr für Verbraucher pro 100 Gramm

Doch nicht nur in Bio-Betrieben gibt es bereits eine Abkehr von der betäubungslosen Kastration. Auch der „Neuland“-Verband nimmt in sein Qualitätsfleischprogramm nur Schlachttiere auf, die unter Narkose kastriert wurden. „Unter Vollnarkose und von Tierärzten“, wie Burkhard Roloff, Agrarexperte der Umweltorganisation BUND und langjähriges Mitglied im Neuland-Vorstand, berichtet.

Seit etwa zehn Jahren würde auf Neuland-Höfen dies mit Geräten aus der Schweiz und dem Narkosegas Insofluran praktiziert. Außerdem erhielten die Tiere ein Medikament, das den Schmerz nach dem Aufwachen lindert. „Es funktioniert gut, verursacht pro Ferkel aber Kosten von rund sechs Euro.“

Roloff hält das für gerechtfertigt: „Umgerechnet auf 100 Gramm Wurst oder Fleisch beträgt der Preisaufschlag an der Theke maximal sieben Cent.“ Das in Fleischerfachgeschäften in Metropolen wie Berlin, Hamburg und Köln angebotene Neuland-Qualitätsfleisch unterscheidet sich im Preis kaum von Ökoware.

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Ökobauern haben deutlich höhere Kosten

Für Ökolandwirte ist die Schweinehaltung einträglicher als für die meisten ihrer Kollegen aus der konventionellen Zunft. Daniela Schaack, Öko-Analystin bei der AMI Agrarmarkt Informations- GmbH in Bonn, kennt die Fakten: „Bei im Schnitt 3,68 Euro pro Kilo gibt es für ein 100-Kilo-Bioschwein also 368 Euro.“

Allerdings haben Ökobauern auch deutlich höhere Kosten. Allein die Ferkel sind fast dreimal so teuer. 140 Euro müssen für ein Bio-Ferkel bezahlt werden, einschließlich der Kosten für die Kastration durch den Tierarzt und unter Betäubung. Biofutter ist annähernd doppelt so teuer wie herkömmliches. Für variable Posten wie Tierarzt, Energie, Tierwohl, Arbeitserledigung und Gebäudekosten veranschlagt die Analystin 53 Euro. Bleibt eine Gewinnmarge von 33 Euro für den Landwirt. Auch Daniela Schaack plädiert dafür, dass Bauern die Betäubung beim Ferkel kastrieren selbst durchführen sollten. Dass Landwirte das können, beweisen Schweinezüchter in Ländern wie Dänemark oder der Schweiz. In Deutschland ist der Umgang mit Narkosemitteln bisher Ärzten vorbehalten – bei Tieren nicht anders als in der Humanmedizin. „Aber wenn Bauern eine zusätzliche Qualifizierung dafür ablegen, kriegen sie das hin“, ist Schaack überzeugt.

Fleischkonsum ist stabil

60 Kilo Fleisch verspeist im Durchschnitt jeder Deutsche pro Jahr.

Daran hat sich innerhalb der vergangenen 20 Jahren kaum etwas geändert, auch wenn viele Menschen heute weniger oder gar kein Fleisch mehr essen.

EU-weit liegt Deutschland damit im Mittelfeld. Spanier verzehren pro Kopf rund 20 Kilo mehr, Bulgaren fast 30 Kilo weniger.

Das Borstenvieh ist mit Abstand der wichtigste Fleischlieferant in Deutschland, wenn auch mit abnehmender Tendenz. Jeder Bundesbürger isst im Schnitt 36,2 Kilogramm Schweinefleisch pro Jahr. Bei Rind- und Kalbfleisch sind es etwa zehn Kilo, bei Geflügel 12,5 Kilo pro Kopf und Jahr.

Damit liegt die Bonner Biomarkt- Analystin mit den Landwirte- Lobbyverbänden in Mecklenburg- Vorpommern auf einer Linie. Schon vor einem Jahr hatte der Landesbauernverband in Neubrandenburg von der Politik eine Gesetzesänderung gefordert, damit Landwirte die Betäubung bei der Ferkel- Kastration selbst vornehmen dürfen. „Mit einem Sachkundenachweis sollte das möglich sein“, meinte Silvia Ey vom Landesbauernverband. Der Bauernverband verweist auch auf den Wettbewerbsnachteil, der deutschen Schweinehaltern sonst droht. Dänen und Holländer würden sich schon freuen, ihre Ferkel dann billiger anbieten zu können.

Renate Schuster vom regionalen Schweinezuchtverband appelliert zudem an Schlachthöfe und Handel, sich auch auf die Vermarktung nicht-kastrierter männlicher Schweine einzulassen. Schon 2008 hätten der Verbandder Fleischwirtschaft und der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels in der „Düsseldorfer Erklärung“ sich dazu bekannt, das Kastrations-Problem gemeinsam mit den Bauern anzugehen. Mehrere Millionen Euro flossen in Forschungsprojekte zur Ebermast, weiß Renate Schuster. „Da wurden Perlen vor die Säue geworfen“, meint sie heute. „Handel und Schlachthöfe stehen bei Eberfleisch auf der Bremse.“ Ihr Fazit: „Wir liefern ein Produkt, das die große Mehrheit der Verbraucher gern kauft und auch bezahlen kann. Das lassen wir uns nicht schlechtreden.“

Meiste Bio-Schweine in MV

26,9 Millionen Schweine werden derzeit in Deutschland gehalten, erst ein kleiner Teil – etwa 200 000 – auf Öko-Höfen. Damit ist Deutschland nach Spanien der zweitgrößte Schweinefleischerzeuger Europas. Der größte Teil wird für den Binnenmarkt produziert, doch gilt Deutschland international auch als bedeutender Exporteur von Schweinefleisch: Etwa 2,5 Millionen Tonnen werden ausgeführt. Schwerpunkt der deutschen Schweinehaltung sind Niedersachsen (8 Millionen) und Nordrhein- Westfalen (7 Millionen).

Mecklenburg-Vorpommern kommt auf etwa 780 000 Schweine, davon leben knapp 50 000 auf Ökohöfen. Damit rangiert unser Land bei der Zahl der Bio-Schweine bundesweit auf Platz eins.

Elke Ehlers